Punk oder Das Leben der Vergangenheit

Das wahre Leben ist das Leben der Vergangenheit. Ungefähr in diesem Sinne heißt es bei Merleau-Ponty mit Bezug auf Proust: „die wahren Weißdornhecken sind die Weißdornhecken der Vergangenheit“ (Das Sichtbare und das Unsichtbare, München 1986, S. 307). – Aber warum sind nicht die Weißdornhecken „wahr“, die ich jetzt gerade sehe? Warum ist das „wahre Leben“ nicht das Leben der Gegenwart? – Hier wird deutlich, wodurch (1) und wie radikal (2) sich das philosophische Denken in seiner Profession unterscheidet von den Allerweltsideologien des alltäglichen Denkens:

1. Wodurch? Durch das Durchdenken dessen, was eigentlich Gegenwart im Kern bedeutet, nämlich Vergangenheit. Denn was wäre eine Gegenwart ohne Vergangenheit? Sie wäre arm und leer, – sie wäre eigentlich gar nicht. Stets geht die Fülle meiner Gegenwart aus meiner Vergangenheit hervor, ist die Vergangenheit der Kern dessen, was ich lebe und erlebe. In diesem Sinne ist die Vergangenheit das wahre Leben und Erleben des Lebens und die Gegenwart das unwahre. Oder vielmehr: Erst durch die Vergangenheit kann auch die Gegenwart wahrhaft gelebt werden. Die Vergangenheit macht die Gegenwart wahr.

2. Wie radikal? So radikal, dass das ganze alltägliche Zeitdenken und Zeiterleben buchstäblich auf den Kopf oder vielmehr auf die Füße gestellt wird. Ging ich bisher auf dem Boden der Vergangenheit immerfort in die Zukunft (immer fort, weg von hier), so schwebe ich jetzt auf dem Boden der philosophischen Reflexion à fonds perdu über dem Abgrund der Zukunft der Vergangenheit entgegen. Und dieses Schweben ist die philosophische Schrift als Einkehr in eine Vergangenheit, die niemals Gegenwart war – als Erinnerung an das nie Stattgefundene.

Zwischen dem philosophischen und dem alltäglichen Denken der Zeit besteht also ein radikales – dialektisches – Umkehrverhältnis: Was Vergangenheit ist, ist Gegenwart, aber diese wird – schließlich – zur Zukunft. Das philosophische Denken durchläuft diese Dimensionen in umgekehrter Richtung und schaut schließlich in die Zukunft zurück.

Denken ist also immer Zeit-Denken. Das heißt: zeitliches Denken und Denken der Zeit. Aber es ist auch ein Denken der Umkehr, ein umkehrendes Denken, – weil Denken vielleicht überhaupt Umkehr / Widerstand ist – gegen die Gegenwart für das in der Vergangenheit nie Gegenwart Gewordene. Das heißt, für eine andere Gegenwart und gegen die Vergangenheit des Stattgefundenen, – eine einzige Revolte gegen die Positivität. Punk eben.

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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