Ein gutes Lebens-Motto?

Ein gutes Lebens-Motto könnte lauten: „Bene qui latuit, bene vixit“. Es zierte hier für einige Zeit meinen Blog als eine Art Slogan. Es stammt von Ovid: „Wer sich gut verborgen hat, hat gut gelebt.“, und wird im Allgemeinen als Variante eines Spruches von Horaz inter­pretiert: „Nec vixit male, qui natus moriensque fefellit.“ („Nicht schlecht hat der gelebt, der die Welt still betrat und auch wieder still verließ.“). Auf diese Weise bekommt das Lebens-Motto von Ovid aber eine moralische Note, die es, wenn man es wörtlich liest, zunächst gar nicht hat: Im Verborgenen zu leben ist zweifellos etwas anderes als geräuschlos geboren zu werden und geräuschlos zu sterben (Dylans „he who’s not a busy born is a busy dying“). Erst wenn man diese Geräuschlosigkeit auf das gesamte Leben bezieht – was von Horaz möglich­erweise intendiert war – kann man vielleicht auch von einem verborgenen Leben sprechen, denn verborgen lebt zweifelsohne nicht der, der sich immer wieder laut zu Wort meldet. Aber um die Verborgenheit, von der Ovid spricht, im gelebten und zu lebenden Leben Wirklichkeit werden zu lassen, gehört sicherlich noch so Einiges als nur die Geräuschlosigkeit.

Aber geräuschlos und im Verborgenen zu leben: Wie will man das, kann man das, hier und heute, noch durchhalten – mit Twitter, Facebook, Google+, WordPress und Co, mit all den Möglichkeiten, sich zu outen, sein Leben öffentlich zu machen? Indem man diese Möglichkeiten – gegen den (Main-)Stream der Netzwerke – nicht nutzt? Es gibt in der Tat Menschen, die diesen Weg der Geräuschlosigkeit und Verborgenheit gehen. Menschen, denen ihre eigene Bedeutungslosigkeit als Einzelne und Vereinzelte – als Individuen (ich werde darauf zurückkommen) – entweder noch nicht unheimlich geworden ist oder die sich durch sie, wenn sie ihnen auch unheimlich geworden sein mag, noch nicht dazu gedrängt fühlen, sich über sie in den so genannten sozialen Netzwerken zu täuschen.

Friedrich Kittler, der Medienphilosoph, bei dem ich einige Jahre in meiner Freiburger Zeit studiert habe und der leider Ende Oktober 2011 gestorben ist, wird in einem Interview (http://www.welt.de/print/wams/kultur/article12385926/Wir-haben-nur-uns-selber-um-daraus-zu-schoepfen.html) gefragt: „Interessieren Sie sich für Facebook?“ Und er antwortet: „Nein, damit habe ich nun wirklich nichts am Hut. Ich habe das unheimliche Gefühl, dass die Leute derart unwichtig geworden sind für die, die herrschen und wirtschaften, dass die Selbstdarstellung ihre letzte Rettung ist.“

Das sollte man also, wenn man in einem der sozialen Netzwerke aktiv ist oder ein Web-Log führt, vielleicht auch auf sich beziehen. Und ich selbst tue das auch: Im Verborgenen zu leben – und damit, im Sinne Ovids, gut zu leben, – das scheint mir unter solchen Bedingungen kaum möglich.

Oder doch? Vielleicht lebt ja heute gerade der im Verborgenen, der in den sozia­len Netzwerken dieser Welt mit seiner eigenen Bedeutungslosigkeit im großen Ganzen und für die, die es repräsentieren, hadert, der in der Menge derjenigen unterzugehen droht, die sich massenhaft selbst darstellen und dadurch gerade das Selbst verstellen, auf dessen Suche sie sind und das sie in ihrem Web-Log zu finden glauben. Vielleicht ist diese massenhafte Veröffentlichung unserer Leben und lebendigen Gedanken ja tatsächlich ein weiterer Schritt auf unserem Weg zur Verwirklichung unseres Wunsches, ein gutes, ein gelingendes Leben zu leben: im Lärm der Massen geräuschlos geboren zu werden und ebenso zu sterben.

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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