Die unendliche Geschichte vom Ende der Geschichte I

Die 70er Jahre: Rückblick auf das Ende der Geschichte

Was wissen wir vom Ende der Geschichte? – Die Debatte um die These des russisch-franzöischen Philosophen Alexandre Kojeve vom „Posthistoire“ erreicht Mitte der 70er Jahre, etwa zur selben Zeit, als die Punk-Bewegung ihr „No Future“ herausschreit, auch den deutschsprachigen Raum. Im Rückblick auf diese und andere Koinzidenzen scheint es, dass die Nachgeborenen die historischen Ereignisse schärfer in den Blick nehmen können, als diejenigen, die an diesen Ereignissen teilgenommen haben oder die ihre unmittelbaren Zeugen gewesen sind. Je nach Alter und Herkunft wird allerdings mit den 80er und vollends dann mit den 90er Jahren diese historische Distanznahme zunehmend schwerer.

Schon in den sit-ins und teach-ins, love-ins und be-ins der Studentenbewegung hatte man in den 60er Jahren intensiv darüber diskutiert, ob nicht vielleicht die technologische Utopie eines unaufhaltbaren Fortschritts der Menschheit im Ganzen ein fundamentaler Irrtum sein könnte. Man bezog sich dabei insbesondere auf die Marx’sche Utopie eines in diesem Fortschritt begründeten und damit notwendigen Übergangs von einem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.

Herbert Marcuse, vielleicht einer der profiliertesten Theoretiker der Studentenbewegung, hatte gegen solche Vorstellungen, die erst in den 80er Jahren in der Öko-Bewegung zu zweifelhaftem Einfluss gelangten – man denke etwa an Gruhl, aber auch an Bahro – einige gewichtige Einwände vorgebracht. Er argumentiert in seinem heute noch lesenswerten Text von 1967 „Das Ende der Utopie“, man könne zwar von einem Ende der Utopie, aber nicht von einem Ende des geschichtlichen Fortschritts, einem „Ende der Geschichte“, wie er ausdrücklich sagte, sprechen. In dem Sinne, so Marcuse, in dem ein Projekt der gesellschaftlichen Umwandlung wirklichen Naturgesetzen widerspreche, sei es als end- oder außergeschichtliches ein utopisches. Aber insofern die materiellen und intellektuellen Kräfte für die gesellschaftliche Umwälzung hier und heute technisch schon vorhanden seien, und obwohl deren rationale Verwendung durch die bestehende Organisation der Produktivkräfte immer noch verhindert werde, sei das ‘Ende der Utopie’ durchaus ein sinnvoller Gedanke.

Zehn Jahre später, als alle Welt von den Poststrukturalisten Frankreichs und insbesondere Alexandre Kojève sprach, hatte sich die Bedeutung dieser Sätze bereits in ihr komplettes Gegenteil verkehrt. Das „Ende der Utopie“, das bedeutete nun das „Scheitern der Neuen Linken“, so der Titel eines Vortrages, den Marcuse 1975 gehalten hatte. Der Sinn der Rede vom „Ende der Geschichte“ bestand genau darin, sich dieses Scheitern einzugestehen und auf weitere politische Ansprüche jenseits einer kapitalistisch organisierten und damit übrigens auch deformierten Demokratie zu verzichten. Die Geschichte, so Kojève in der vom Suhrkamp-Verlag 1975, in bleierner Zeit, geschickt lancierten Neu-Edition seiner Texte, kommt „in dem Augenblick zum Stillstand, in dem der Unterschied, der Gegensatz zwischen Herr und Knecht aufhört, in dem Augenblick, da der Herr aufhört, Herr zu sein, weil es keinen Knecht mehr gibt, und der Knecht aufhört, Knecht zu sein, weil es keinen Herrn mehr gibt (ohne übrigens wieder Herr zu werden, da es keinen Knecht mehr gibt)“.

Die Knechte, das waren nach der marxistischen Lesart die Proletarier. Die Herren, das waren die Kapitalisten. Aber die Proletarier hatten sich klammheimlich „verabschiedet“, wie André Gorz treffend charakterisierte; und die Kapitalisten waren deshalb auch nicht mehr als solche erkennbar. Die Basis- und Überbau-Propheten hatten ihr jeweiliges „historisches Subjekt“ verloren, ihnen war ihr „Subjekt-Objekt“, wie Lukács sagte, abhanden gekommen.

Dabei hätte man es bewenden lassen und zu einer „Kritik der ökonomischen Vernunft“ fortschreiten können, wie sie dann André Gorz Ende der 80er Jahre tatsächlich vorgelegt hatte. Aber die Geschichte braucht ihre Sieger, und sie braucht ihre Verlierer. Deshalb zogen es die Nutznießer dieses neuen Paradigmas – die mittlerweile im Staatsdienst untergekommenen Revolutionäre, die genau denjenigen Staat abschaffen wollten, für den sie jetzt arbeiteten – doch vor, ihren Sieg auszukosten und jeden, der noch zu träumen wagte, wachzurütteln:  Die erfahrene Machtlosigkeit, so argumentierten sie mit Hannah Arendts 1970 erschienenem Essay ‘Macht und Gewalt‘, führe entweder dazu, sich eine neue, institutionelle Machtbasis zu verschaffen, oder aber zu nackter Gewalt. Die Geschichte wurde im Marsch durch die Institutionen erstickt und im Terror der RAF totgeschlagen.

Bedurfte es da noch irgendeines Hinweises Kojèves auf den „American way of life“ als „typische Lebensweise der post-historischen Periode“? Bedurfte es eines Hinweises darauf, „daß von einem bestimmten Gesichtspunkt aus die Vereinigten Staaten bereits das Endstadium des marxistischen ‘Kommunismus’ erreicht haben, da praktisch alle Mitglieder einer ‘klassenlosen Gesellschaft’ dort schon jetzt erwerben können, was ihnen gefällt, ohne deshalb mehr arbeiten zu müssen, als sie Lust haben“?

Als Nachgeborene der Revolution, so scheint es, sind wir alle kurzsichtig. Also setzen wir uns Brillen auf, um schärfer zu sehen – aber landen eben damit im Kleist’schen Dilemma der Erkenntnis: Welche Brille ist die richtige? Weil wir das nicht wissen, gibt es kein Ende der Geschichten über das Ende der Geschichte. Auch das ist eine Erkenntnis, die uns seit den 70er Jahren zu dämmern beginnt.

(Der Text wurde erstmals 2008 im Deutschlandsaga-Fanzine „70er“ der Schaubühne Berlin veröffentlicht.)

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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