Aus Einfällen werden immer noch (manchmal) Texte

Was meine ich, wenn ich sage: „Ich meine es, z.B. mit je dem Ein(zeln)en, ernst“? Was ist – philosophischer – Ernst? Und was wäre, im Gegensatz oder vielleicht in Ergänzung dazu – das spielerische Moment der Philosophie?

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Adorno NDAdorno schreibt in der ‚Negativen Dialektik‘: „Gegenüber der totalen Herr­schaft von Me­tho­de enthält Philosophie, korrektiv, das Moment des Spiels, das die Tradition ihrer Ver­wis­sen­schaft­li­chung ihr austreiben möchte. (…) Philo­so­phie ist das Allerernsteste, aber so ernst wieder auch nicht.“  (Frank­furt/M. 1966, 25f)

Wenn ich mich recht entsinne, wurde in den Adorno-Veranstaltungen, die ich in den 80er und Anfang der 90er Jahre in Berlin und Frankfurt/M. be­such­te, über diese Sequenz im­mer gerne geschmunzelt – oft abfällig ge­schmun­zelt, wie man hinzufügen muss.

Was bedeutete diese Abfälligkeit? Lange habe ich sie nicht begriffen. Aber wenn ich heute darüber nachdenke, so scheint mir, dass sich in ihr damals etwas von dem vorlaufenden Gehorsam des zukünftigen Phi­lo­so­phie­wis­sen­schaft­lers zeigte, als den man sich schon sah. Man wusste, würde man in irgendeiner Seminararbeit mit einer ähnlichen Sen­tenz „bril­lie­ren“, man konnte seine Siebensachen packen …

So wurde und wird wohl auch heute noch den Seminaristen das spie­le­ri­sche Moment philoso­phischen Denkens dadurch ausgetrieben, dass sie über des­sen Be­haup­tung nur lachen können – aber im­mer­hin, es ist ein Lachen. Und so hat denn Adorno am Ende vielleicht doch noch Recht behalten.

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Aber im Ernst: Was kann es bedeuten, das spielerische Moment im philosophischen Den­ken zum Zuge kommen zu lassen? Was kann es bedeuten, wenn darunter nicht allein die Formalität des spielerischen Umgangs mit der Spra­che gemeint sein soll, die ich immer wieder gerne praktiziere: „Es geht um jeden Einzelnen“ / „Es geht um je den Ein(zeln)en“?

Es muss um mehr gehen: um das, was man, als ein Mehr dem wissenschaftlichen Diskurs gegenüber, die Volte des philosophischen Denkens nennen könnte: um das ironische Ver­hält­nis der Philosophie zu sich selbst, das Eingeständ­nis der eigenen Nicht-Souveränität ohne Aus­sicht auf Besserung.

So muss ich etwa damit rechnen, dass alles, was ich unter dem Titel „Ernüchternde Bilanz“ zum Thema Glauben in diesem Blog bereits geschrieben habe und womöglich noch schrei­ben werden, Un-, wenn nicht sogar Blödsinn ist: dass also das, an das ich mich hier halte (den doppelten Glauben, seine Asymmetrie usw., das ganze Blabla), haltlos ist. Denn welche Sicherheit gibt es, wenn nicht die der Unsicherheit: der Haltlosigkeit hinter jedem Halt, der Bodenlo­sigkeit unter jedem Boden, der Abgründigkeit unter jedem Grund?

Das Einzige, was einem Philosophen in der bodenlosen Volte seines Denkens bleibt, ist die Mühsal der Ar­beit, den eigenen Unsinn, das eigene Blabla einer Prüfung auszusetzen. Um an dessen Stelle möglicherweise neuen Unsinn, neues Blabla zu setzen? In der Ver­wirk­li­chung des spielerischen Moments von Philosophie rechnet er damit.

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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