Teilungen + Bindungen; Schnittstellen + Links

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Ein guter Bekannter, mein alter Freund A. B., der – zum Glück – nicht zu meinen vielen ver­lo­re­nen Freunden zählt, bat mich vor kurzem, einen meiner Blogbeiträge – den vom 16.4.13 über den Verlust mei­nes Vaters (vgl. Mein Vater: Verlorene Freun­de IV) – auf Face­book teilen zu dür­fen. Er gefalle ihm derart gut, dass er ihn gerne anderen Bekannten oder Freunden zum Lesen em­pfehlen würde.

Ich hatte nichts dagegen. Wie auch? Alle hier geposteten Beiträge sind öffentlich. Und dennoch konnte ich die vorsichtige Nachfrage gut verstehen: Der Blogbeitrag, um den es meinem Freund ging, hat mit einigen anderen, die ich im Lau­fe des letzten und vorletzten Jahres veröffentlicht habe (zu Verlorenen Freunden oder Ernüchternden Bilanzen), stark privaten Charakter.

Dennoch habe ich ihn veröffentlicht, weil mir ein seriöses existenzphilosophisches Denken ohne Rückgriff auf eigene, private Erfahrungen gar nicht denkbar erscheint. Sicherlich ist auch dies ein Grund, warum Existenzphilo­so­phie als solche keinen Raum in den Phi­lo­so­phie­wis­sen­schaf­ten hat, es sei denn als Gegenstand philologi­schen und historischen For­schens, also als deren Skandalon.

Raum in den Philosophiewissenschaften könnten aber wohl all die Überlegungen finden, die ich hier zu­letzt unter den sich ergänzenden Titeln Vorstellung, Gegebenheit, Ge­gen­stand und Es gibt nicht Gegebenes ange­stellt habe. Sie nehmen insgesamt Bezug auf eine fachwissenschaftliche Diskussion, wie sie z.B. seit einigen Jahren unter dem Stichwort ‚Na­turalisierung des Geistes‘ geführt wird.

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Ich stelle mir nun vor, dass es meinem Bekannten, der kein Philosophiewissenschaftler ist, schwer fallen könnte, dieser Diskussion zu folgen, ja mehr noch ihre existenzielle oder exis­tenz­phi­losophische Relevanz zu erkennen. Mein Bekannter muss sich darüber aber auch nicht grämen: Auch die vielen Philosophiewissenschaftler, die sich an dieser Dis­kus­sion beteiligen, haben von solcher Relevanz zumeist selbst nicht die geringste Ahnung.

Weil sie „professionelle Philosophen“ sind, die sich mit Detailfragen einer weit­gehend ver­selbständigten akademi­schen Diskussion herumschlagen, ist ihnen die existenzielle Er­dung ihres Den­kens durch­gängig abhanden gekom­men. Und wie gesagt: Sie könnten in ihrer Com­munity mit einer solchen Erdung auch gar nichts anfangen. Sie wür­den sich mit großer Sicherheit wissenschaftlich diskreditieren.

Was auch immer Philosophen von Wissenschaftlern unter­scheiden mag, z.B. ihre Aversion gegen Gegen­stände (s.o.), die Kluft, die beide Gruppen trennt, kann gar nicht plastischer veranschaulicht werden als durch die Un­möglichkeit einer emphatisch verstan­denen Exis­tenz­phi­lo­so­phie auf wissenschaftli­cher Basis. Was sollte denn das auch für eine Exis­tenz­phi­lo­so­phie sein?

Was mich interessiert, ist aber gerade die Befragung dieser Unmöglichkeit. Es geht mir um die Schnitt­stelle und den Link, durch den sich eine durchaus auch wissenschaftlich zu füh­ren­de Diskussion über ontologische Fragen von existenzphilosophischen Fragen tren­nen, aber sich auch an sie anbinden lässt, ohne dass diese ihren emphatischen Charakter ver­lie­ren und in ge­genstandsontologischen Trivialitäten ihrer Dramatik und Dringlichkeit be­raubt werden.

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Wie aber sieht diese Schnittstelle – oder besser gesagt: dieser Link – aus? Konkret be­zo­gen auf das Interesse meines Bekannten am gelebten Leben eines Menschen und an mei­nem damit im Zusammenhang stehenden existenziellen Text: Wo ist der Zusammenhang zwischen der ontischen Frage nach dem, was es (nicht) gibt und der existenziellen Frage nach verlorenen Freunden und ernüchternden Lebensbilanzen?

Im ersten Moment ist dieser Zusammenhang tatsächlich nicht zu sehen. Aber über den Be­griff der Negativität lässt er sich herstellen. Denn in der Frage nach dem, was es nicht gibt, bzw. in der nach dem Verlust von Freunden und nach der Ernüchterung eines end­li­chen, in die Tage gekommenen Lebens ist dieser Begriff die logische – wenn auch leicht überdehnbare – Klammer zwischen Ontologie und Existenzphilosophie.

Um es in extremer Verkürzung zu sagen: Wäre das Nichtgegebene nicht als solches ge­ge­ben, wäre der Verlust mei­nes Vaters keine Realität. Und sicher: Von der Neutralität der ontologischen Feststellung zur Erschütterung der existenziellen Fundamente eines Men­schen ist es ein weiter Weg. Aber wenn eine Gegenstandsontologie noch nicht einmal in der Lage ist, die Realität der Negation von Bestimmungen auf gegenständlicher Ebene zu begrei­fen, wie sollte sie da jemals in der Lage sein, die existenzielle Dimension der Ne­ga­ti­vität in den Blick zu bekommen?

Ich könnte die Frage auch ironisch wenden: Wie kann eine (Gegenstands-)Ontologie, die das Gegebensein von Nicht­ge­gebenem leugnet, in irgendei­ner Weise von existenzieller Re­le­vanz sein? Sie kann in keiner Weise – das ist die Negativität – von existenzieller Re­le­vanz sein. Und diese Abwesenheit irgendeiner existenziellen Relevanz jeg­licher Ge­gen­stands­on­to­lo­gie ist selbst von existenzieller Relevanz, ist eine Realität für das Denken.

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Die altbekannte Unterscheidung von objektiven Gegebenheiten (im Ontischen) und sub­jektiven Betroffenheiten (im Existenziellen) führt hier natür­lich nicht weiter. Denn was wä­re die Betroffenheit über den Verlust einiger meiner Freunde und die Ernüch­terung meines Lebens angesichts seiner Endlichkeit ohne die objektive Gegebenheit genau dieses Verlustes und dieser Endlichkeit?

Das ist ja gerade der Clou der existenzphilosophischen Wende der Ontologie, dass sie die Realität der Negation – ich könnte auch etwas missverständlich sagen: die Positivität der Negativität – als solche beredt werden und sich nicht abspeisen lässt mit dem amüsant-anachronistischen Begriff einer atomistischen Realität, die aus einzelnen Gegenständen zusammen­ge­zimmert sein soll und von der man gleichwohl nicht weiß, was sie zu­sam­men­hält (vgl. hierzu schon Marx‘ Dissertation über die griechischen Atomisten).

Tugendhat sagt selbst einmal, dass der Begriff der zeitlichen Existenz für die Sprach­ana­ly­se ein Mysterium dar­stellt (Logisch-semantische Propädeutik, a.a.O., 197ff). Dieses Ein­ge­ständ­nis ist immerhin klüger als das Dogma Quines: „Es gibt keinen Gott und es gibt auch kein Leben nach dem Tode.“ (Unterwegs zur Wahrheit, Paderborn 1995, 158). Nicht weil dieses Dogma möglicherweise wahr wäre, sondern weil es, wenn es wahr wäre, wohl kaum von Quine stam­men könnte. So wenig im Übrigen wie das gegenteilige Dogma.

Also lautet bereits jetzt mein Fazit: Das Sein ist mehr als es ist, es ist Mehr-als-Sein: Es ist nicht nur das, was es ist oder als was es gegeben ist, sondern auch Noch-Nicht-(Ge­ge­ben-­)Sein und Nicht-Mehr-(Gegeben-)Sein, mithin – um es auf den Punkt zu bringen – Nicht­ge­ge­ben­sein. Was aber nur eine andere Umschreibung für die Formel ist, die ich hier schon seit einigen Monaten traktiere: Es gibt nicht Gege­be­nes.

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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