Vor zehn Jahren (Jubiläum I)

Ich habe meinen Lesern in diesem Monat nur wenig Neues zu bieten. Das liegt nicht nur an den Zweifeln, die mich gelegentlich überkommen, ob es überhaupt etwas Neues unter der Sonne gibt (hierzu vielleicht bald mehr in – ich hoffe doch neuen Blogein­trägen), sondern auch daran, dass ich in den beiden vergangenen Wochen durch Arbeiten in be­son­derer Wei­se be­lastet war: zum einen durch meine zuletzt über Gebühr ge­wach­se­nen Aufgaben als Dozent für theoretische und angewandte Ethik und zum anderen durch die Vorbereitungen zum Kongress „Freiheit zwischen Normativität und Kreativität“ aus An­lass des 20-jährigen Bestehens der von mir 1994 mitbegründeten Gesellschaft für Phi­lo­so­phie und Wissenschaften der Psyche e.V., kurz GPWP (vgl. Signatur).

Auf diesem Kongress habe ich vor drei Tagen, am 9.5., einen kleinen Einführungsvortrag zur Entwicklung und Ge­schichte der GPWP ge­halten. Dies schien zunächst nichts über die Maßen Anspruchsvolles zu sein, war aber dennoch eine Herausfor­derung für mich. Was – und vor allem: wie – schreibt man über eine wechselvolle, zwanzigjährige Ge­schichte, von der man selbst ein nicht unwich­tiger Teil war und immer noch ist? Was und wie schreibt man über den Willen und den gleichzeitigen Unwillen zur Institutionalisierung philosophischen Denkens, der mich in der GPWP all die Jahre um­getrieben hat? Und kann man einen phi­loso­phischen Verein, eine Organisation wie die GPWP überhaupt selbst zum Thema einer philosophischen Betrachtung machen?

Man kann. Aber man mutet dabei sich selbst und seinen Zuhörern auch eine ei­gen­tüm­li­che Kontrasterfahrung zu: Auf der einen Seite gibt es da nämlich so etwas wie einen Aha-Effekt: „Ach, das ist ja interessant, dass Sie Ihren eigenen Verein ins Zentrum einer philosophischen Betrachtung stellen können; ich wusste gar nicht, dass so etwas möglich ist …“ Aber andererseits heimst man sich bei solch einem Vorgehen auch schnell den Vor­wurf ein, man würde sich und seine eigene Tätigkeit vielleicht doch ein wenig zu wichtig neh­men. Denn durch was, könnte man sich fragen, hat es ein solch alltäglicher Verein wie die GPWP ei­gent­lich verdient, zum Para­digma für die Chancen und Gefah­ren der In­sti­tutionalisierung phi­lo­so­phischen Denkens zu werden?

Genau daran lässt sich dann aber auch schon die ganze Antiquiertheit ablesen, die das so ge­nannte philosophische Denken heute kennzeichnet. Um nicht kleinkariert zu er­schei­nen, muss es sich immer und immer wieder auf jene gro­ßen Themen beziehen, die schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden Teil seiner Ge­schichte sind: auf die Frei­heit, das Selbst, das Denken, Gott etc. pp. – und nicht auf das je Einzelne, Marginale oder auch Alltägliche. Aber gerade wenn es sich dann auf die „großen The­men“ bezieht, ohne sie am Einzel­nen, Marginalen oder auch Alltäglichen fest­zumachen, verbreitet es mitt­ler­wei­le eine derartige Langeweile, dass man am lieb­sten die Flucht ergreifen möchte, u. z. auch des­halb, weil es sich dabei im Dickicht seiner historischen Be­züge oft derartig ver­strickt, dass es kaum noch einen eigenen Ge­dan­­ken fassen kann.

Bei all dem musste ich mich schließlich an meinen Vortrag zum zehnjährigen Jubiläum der Gesellschaft erinnern, in dessen Vorfeld ich mir ähnliche Fragen gestellt und bei dem ich mich ähnlich gefühlt habe. Und es ist mir dann bei der wie­derholten Lek­türe des Tex­tes dieses Vortrages aufgefallen, dass dessen Thesen – apropos „nichts Neues unter der Sonne“ – viele der Motive betreffen, die ich, wenn auch sehr viel persönlicher, hier in mei­nem Blog behandele. Weil das auch bei meinem neuen Jubiläums­vor­trag so war, ha­be ich mich nun kurzerhand entschlossen, hier beide Texte online zu stellen – zunächst, heute, den vor zehn Jahren, am 24.11.04 gehaltenen Vortrag, und in einigen Tagen dann den Vortrag, den ich am 9.5.14 gehalten habe.

*

Hinweis:

Der besagte Vortrag v. 24.11.04 wird in überarbeiteter Form Teil meines demnächst im Parodos Verlag (www.parodos.de) erscheinenden Buches „Enttäuschendes Denken“.

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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