Eine Bitte oder Verständigung – welche Verständigung?

Gelegentlich erhalte ich Mittteilungen meiner Leser über die Kommentarfunktion meines Blogs. Diese ist zwar aktiviert, aber so eingestellt, dass ich jeden Kommentar zunächst ein­se­hen und mir überlegen kann, wie ich auf ihn reagieren möchte. Auf manche Kom­men­ta­re antworte ich, auf andere nicht. Niemals jedoch stelle ich einen Kommentar selber kom­men­tar­los, also im O-Ton, ins Netz. Das hat mit dem Charakter meines Blogs zu tun: Er dient mir primär zur philosophischen Selbstverständigung, nicht zur Verständigung mit anderen. Insofern de­finie­re ich hier für mich die Form des Blogs neu, indem ich den Schwerpunkt verschiebe: von der Diskussion zur Pu­bli­kation (alle meine Beiträge sind sorgsam vor- und nachbereitet und bilden selbst einen Diskussionskontext).

Das heißt zwar nicht, dass ich an Kommentaren oder an einer Verständigung mit anderen kein Interesse hät­te. Im Gegenteil. Wie man an einigen meiner Einträge – und auch am vor­lie­gen­den Eintrag – sehen kann, ver­suche ich durch­aus, auf mir zugesandte Kom­men­ta­re einzugehen, direkt oder indirekt. Aber die Aus­einander­set­zung mit meinen Lesern steht nicht im Zentrum des buchstäblichen Interesses meines Blogs, zumal ich die Erfah­rung ma­chen musste, dass einmal begonnene Diskussionen – da sie nicht wirkliche, per­sön­li­che, son­dern nur Pseu­do-Gespräche sind – sehr schnell wieder im Sand verlau­fen, weil die zeitliche und intellektuelle An­stren­gung, die sie bedeuten, heute von den meisten, und zwar gerade von den Profis, nicht mehr gelei­stet werden kann.

So genannte „philosophische Gespräche“ haben darüber hinaus etwas Ennervierendes. Auch hier reicht näm­lich meist die Kraft und die Aufmerksamkeit nicht aus, um sich auf der Höhe der Diskussion des Ge­gen­übers bzw. ge­nauer auf dessen oft zu komplexer Kon­tex­tu­a­li­täts­ebe­ne zu halten. Eine Reduktion der Komplexität / Kontextualität ist da­her stets erforderlich, und deshalb driften solche Gespräche auch relativ schnell auf das Ni­veau des Austausches von Mei­nun­gen ab, als den ich philosophisches Denken gerade nicht verstehe. Schon vor langer Zeit bin ich zu der Über­zeugung gekommen, dass das einzige Medium der Phi­lo­so­phie die Schrift ist und nicht die Sprache …

„Das Gespräch, das wir“ nach Hölderlin „sind“ und auf das sich die Hermeneutiker so ger­ne berufen, ist daher in der Philosophie überhaupt keines. Wer redet denn da mit wem? Kein Mensch. Schriften treffen, ver­mittelt durch einen Autor, auf­ein­ander. Gespräch ist hier nur die reichlich euphemistische Metapher für den in Wirk­lich­keit äu­ßerst brutalen selektiven Vorgang der Rezeption, den Nietzsche einmal so beschrieben hat: als „Verge­waltigen, Zu­rechtschie­ben, Abkürzen, Weglassen, Ausstopfen, Ausdichten, Umfälschen und was sonst zum Wesen alles In­ter­pretierens gehört“ (Zur Genealogie der Moral, Dritte Abhandlung, Abschn. 24; ed. Colli/Mont­ina­ri VI.2, Berlin 1968, 418).

Theorie-DiskussionEine kleine historische Anmerkung am Rande: Es gab einmal, vor mitt­ler­wei­le mehr als 40 Jahren, eine Reihe im Suhrkamp-Verlag mit dem Titel Theo­rie-Diskussion. Ich erinnere mich an einen Band dieser Reihe, in dem Ha­ber­mas und Luhmann ihre Differenzen „in Echtzeit“ ausgetra­gen haben. Man fing mit Positionsbestim­mun­gen von 20 / 30 Seiten an und endete in über 100-­seitigen Abhandlungen. Das war bei all diesen Bän­den so; die Kom­plexi­tät wuchs ins Unermessliche. So viel zum illusionären Anspruch, es wäre mög­­lich, „miteinan­der ins Gespräch“ zu kom­men. Philosophen haben sich nichts zu sagen. Oder wenn sie sich etwas zu sagen haben, dann nur über den Um­weg der Jahrhunderte, die die Komplexität der Texte auf das erträgliche Maß des Zeitkerns ihrer Wahrheit reduzieren.

*

Auf meinen Blogeintrag Nach zwanzig Jahren (Jubiläum II) vom 18.5.14 schreibt am 19.5.14 ein Leser mit dem et­was kryptischen Namen Johna811 folgenden Kommentar: „I do agree with all the ideas you have introduced for your post. They are really convincing and can certainly work. Still, the posts are very brief for newbies. May you please extend them a bit from subsequent time? Thank you for the post. bkbgdgegdgbe” [Hat jemand ei­ne Idee, was diese letzte kryptische Buchstabenkombination bkbgdgegdgbe zu bedeuten hat?] – Diese Bitte, doch auch an den philo­so­phisch weniger geübten, den un­pro­fes­si­o­nel­len Leser meines Blogs zu denken, habe ich schon gele­gent­lich ein­mal gehört, und deshalb möchte ich hier kurz auf sie eingehen:

Zunächst zur Bitte selbst: Ich arbeite z. Zt. an einer Darstellung des Verhältnisses von po­si­ti­ver und negativer Frei­heit, die in eine Veröffentlichung münden soll. Konkret: Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit einen Sammel­band geben, der die Beiträge der von mir mit or­ga­nisierten Jubiläumstagung dokumentieren wird. Zu diesem Band wer­de ich einen ei­ge­nen Beitrag beisteuern, und ich werde die Dinge dort sicherlich klarer und umfänglicher formulie­ren als in den wenigen Eingangsabsätzen zu meinem Blogeintrag vom 18.5.14. Worum es aber grundsätzlich beim Thema negative und positive Freiheit geht, kann man in den einschlä­gigen Texten von Isaiah Berlin und Charles Taylor oder zur Not in einem philosophischen Lexikon nachschlagen. Ich muss es nicht noch einmal wiederholen.

Nun zum Grundsätzlichen: Ich habe beim Schreiben meiner Einträge zwar keine definitive Zielgruppe vor Augen, aber es dürfte klar sein, dass meine Texte nicht für Newbies kon­zi­piert werden, und zwar weder für die­je­ni­gen, die den Umgang mit philosophischen Texten gar nicht gewohnt sind, noch auch für diejenigen, die zwar mit phi­lo­so­phi­schen Tex­ten, nicht aber mit dem jeweiligen Thema vertraut sind – und schließ­lich auch nicht für die­je­ni­gen, die gar keine Newbies sind, aber sowohl von sich selbst als auch von anderen stets erwar­ten, dass man demonstrieren möge, wie man vom Newbie zum Ex­per­ten werden kann und / oder geworden ist.

Dass viele Newbies der beiden ersten Kategorien heute von philosophischen Texten for­dern, sie mögen doch zu­nächst einmal ganz grundsätzlich in ihre Thematik einführen, haben sie vor allem der dritten Kategorie von „Newbies“ zu verdanken. Denn da sich mitt­ler­wei­le je­de wis­senschaftliche Monographie, weil das die Exerzitien des aka­de­mischen Be­triebes so verlangen, durch den historischen Dschungel ihrer Thematik durcharbeiten muss, ist man eine Darstellung, die gleich in medias res geht, überhaupt nicht mehr ge­wohnt. Dadurch wird aber auf Dauer eine enorme Redundanz erzeugt, mit der man wun­der­bar seine Zeit toschlagen kann und die in den letzten Jahren da­zu geführt hat, dass kaum ein Profi über­haupt noch ein philosophisches Buch liest, also: von vorne nach hin­ten, von Zeile zu Zeile und von Seite zu Seite …

Entsprechend meiner schon oft formulierten Überzeugung, dass das einzige Medium der Philosophie die Schrift und nicht die Sprache ist, die Arbeit des Begriffs und nicht das Ge­spräch, habe ich mich daher entschlossen, mich an solcher Redundanzproduktion, ge­ra­de im Medium der Schrift, wo sie ganz besonders ärgerlich ist, nicht zu beteiligen. In nur sehr wenigen mei­ner wenigen Texte findet man Reduplikationen dessen, was im Kon­text le­xi­kalisch-philologischer, interpretativ-her­meneutischer oder sprach­analytisch-se­mantischer Entzifferungs­ar­beit schon hundertmal redupliziert wurde. Und man sollte es bitte auch von meinem Blog nicht erwarten. Die Wieder­holung – ich wiederhole es hier noch einmal – ist eben nicht das Medium qualitativer Veränderung, als das sie von den Per­for­ma­­ti­vi­täts­adep­ten immer mal wieder gerne deklariert wird (vgl. meinen Beitrag Jenseits des gött­li­chen Im­mer­glei­chen in der Zeitschrift: Mächte, Bd.2, 2009, S. 34ff).

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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