Science or Feuilleton oder Die Wiederkehr des Verdrängten

1.1

Habermas - Wahrheit u RechtfertigungIch lese gerade – noch einmal – von Habermas „Wahrheit und Rechtfertigung“ (Frankfurt/M. 1999) und darin Noch einmal: Zum Verhältnis von Theorie und Praxis (S. 319 ff). Und ich muss, trotz einer ge­wis­sen Bewunderung für die ar­gumentative Rhe­to­rik, die einen Denker wie Habermas von Poll­mann und Konsor­ten angenehm unterscheidet, immer wieder – noch einmal und noch einmal – stutzen. Denn mehr als eine generöse, aber insgesamt inkonsequente, wenn nicht widersprüchli­che Ehrenrettung des philosophischen Diskurses ist leider auch dem alternden Ha­ber­mas nicht möglich:

Habermas weiß ganz genau – und er ist einer der wenigen, die das noch aussprechen kön­nen (denn viele andere, Phi­lo­so­phie­wis­sen­schaft­ler ihres Zeichens, haben offenbar viel zu verlieren) –, „daß die zum akademischen Fach zurückgebildete [!] Philosophie gar keine [!] mehr ist. (…) Was den im Fach aufgehenden akademischen Schrumpfformen [!] der Philosophie fehlt, ist (…) die Perspek­ti­ve, aus der ihren Aussagen erst die Kraft, im Le­ben zu orientieren [!], zuwächst.“ (324)

Ich halte fest (bevor ich mich dann auf Habermas‘ unendlich wortreiche, weniger poin­tier­te Ein­schrän­kun­gen seiner korrekten Feststellungen konzentrieren werde): Erstens, die zum akade­mi­schen Fach zurückgebildete Philosophie, also die Philosophiewissenschaft, ist überhaupt keine Phi­losophie. Sie ist deren „Schrumpfform“ – unterliegt also einem Prozess des Schrumpfens oder Schwind­ens, an dessen Ende nur deren Ende selbst zu konstatieren sein dürfte.

Und zwei­tens: Der Philosophie geht es um „Lebensorientierung“, also darum, „Per­spek­ti­ven“ zu ent­wickeln und mit ihnen „Sinn“ zu vermitteln. Diese Lebens­orientierung aber – so ist im Umkehrschluss zu kon­statie­ren – kann die Philosophie als Wissenschaft, also die Philosophiewissenschaft nicht ge­ben. Ihre Akademisierung hat sie von der „Le­bens­welt“ entfremdet und sie ans Bestehende akkommodiert. Der völlig irrwitzig gewordenen „Sy­stem-Welt“ hat sie nichts – oder nur wenig – entgegenzusetzen.

„Andererseits“, so Habermas weiter – und dieses andererseits muss man wohl sehr stark lesen – „tut es der Philosophie niemals [!] gut, die Kooperation mit den Wissenschaften aufzukündigen und sich auf eine Sphäre jenseits der Wissenschaften zu versteifen (…) Oh­ne den wissenschaftlichen [!] Kon­takt und ohne die Arbeit an fachintern [!] erzeugten Pro­ble­men verliert die Philosophie eigene [!] Ein­­sich­ten, die sie braucht, um ihre exoterischen Rollen ausfüllen zu können.“ (328)

2

Ich komme auf diese „exoterischen Rollen“ noch zu sprechen. Zuvor möchte ich aber die bei­den zuletzt zitierten Sätze etwas näher unter die Lupe nehmen: Es scheint, dass Ha­ber­mas hier eine eigentümliche Akzentverschiebung, wenn nicht einen The­men­wech­sel vor­nimmt. War zuvor in den beiden Thesen noch von den „akademischen Schrumpfformen der Philosophie“ bzw. der „zum aka­de­mischen Fach zurückgebilde­te(n) Philosophie“, also der Philosophiewissenschaft die Rede, geht es nun offenbar um das Verhält­nis der Phi­lo­so­phie zu den (anderen) Wissen­schaften.

Diese Verdrängung des eigentlichen Problems – im Verhältnis von philosophischer The­o­rie und phi­lo­sophischer Praxis ist ja nicht das allgemeine Verhältnis zu den Wis­sen­schaf­ten das Thema, son­dern die dem Druck der Wissenschaften nachgebende, ihr den Pra­xis­be­zug raubende Reduktion der Philosophie zur Wis­senschaft – macht sich nun in se­man­tisch fragwürdigen und logisch verdrehten Konstruktionen geltend. Es kommt zu einer Art Wiederkehr des Verdrängten:

Es ist da zunächst von einem „wissenschaftlichen Kontakt“ der Philosophie – zur Wis­sen­schaft? – die Rede, der doch ein philosophischer sein müsste, wenn nicht die Philosophie schon vorab Wis­sen­schaft wäre. Habermas bedient sich hier of­fen­bar einer ab­kür­zenden Rede­wei­se, die dem Objekt des Begehrens Herrschaft über die Be­stim­mung des Begehrens selbst gibt – was ei­ne übliche alltagssprachliche und wissenschaftliche Abbreviatur ist, die von inkon­sequentem Denken, manchmal aber auch von man­geln­der Sprachbeherrschung zeugt.

Dieselbe Inkonsequenz unterläuft Habermas auch in der Rede von einer „Arbeit [der Phi­lo­so­phie] an fach­intern er­zeug­­ten Problemen“. Wie sollte denn der Philosophie derartiges möglich sein, also an fach­in­ter­nen Pro­ble­men etwa der Geschichtswissenschaft und der So­ziologie, der Wirt­schafts­wissenschaft und der Neu­robiologie usw. zu arbeiten, wenn sie sich nicht deren wissen­schaftliches Selbst­ver­ständnis längst schon angeeignet hätte? Wenn ihr Begehren nicht wissenschaftli­ches Begehren wäre?

Und wie sollte sie dann noch zu eigenen, also spezifisch philosophischen Einsichten ge­lan­gen? Sind das dann nicht immer schon fachinterne, also wissenschaftliche Einsichten? Die Formulierungen von Ha­ber­mas werden hier schwammig, weil er die Konsequenzen aus seiner ei­ge­nen, rich­tigen The­se vom Span­nungs­verhältnis von Philosophie und Wis­sen­schaft nicht ziehen will. Er weicht ihnen aus und deckt den so eigens erzeugten blinden Fleck mit Einsichten zu, die keine sind.

1.2

Es stand daher nicht zu erwarten, dass Habermas in der Folge seines Textes, in der es um die exo­te­ri­schen Rol­len des wis­sen­schaft­li­chen Experten, des the­ra­peu­ti­schen Sinn­ver­mitt­lers und des öffent­lichen Intellektuel­len geht (vgl. 328 ff), an seiner inkonsequenten Haltung zum Ver­hältnis von Philosophie und Wis­sen­schaft noch etwas ändern würde. Ha­bermas sieht zwar das Problem – Philosophie ist immer auch Kritik von Wissenschaft und daher von dieser, wenn auch auf sie bezogen, durch einen konstitutiven Bruch getrennt – aber er übersieht es geflissent­lich.

Dass er es sieht, zeigt jedenfalls seine Skepsis, ob ein Philosoph überhaupt die exoterische Rolle des wis­senschaftli­chen Experten annehmen kann. Er schreibt: „Zwischen der un­ge­bun­de­nen philosophi­schen Denkungsart und den Zwängen der Institutionali­sie­rung einer solchen Expertenrolle bestehen offensichtlich kognitive Dissonanzen.“ Aber dann heißt es gleich im nächsten Satz: „Der Phi­lo­soph wird sich in der Rolle des Experten nur dann nicht verleugnen müssen, wenn er im Ge­genzug zur In­strumentalisierung seines Wissens das Bewußtsein für die Grenzen jeder Expertise wachhält.“ (329)

Kann ein Philosoph nun die Rolle des wissenschaftlichen Experten annehmen, oder kann er es nicht? Als Phi­lo­so­phie­wis­sen­schaf­tler sicherlich, aber als Philosoph? Da jedoch von dieser schlecht­hin zen­tralen Differenz im Text nicht mehr die Rede ist, geht es nur noch um den Preis, den der Philo­soph für seinen Tausch mit der Rolle des wissenschaftlichen Experten zu zahlen hat: das Bewusstsein für die Grenze jeder Ex­per­ti­se wachzuhalten. Aber ist dazu nicht auch der Ex­perte selbst in der Lage? Braucht er dazu irgendeinen Phi­lo­­sophen? Offenbar nicht. So und nicht anders wird die Philosophie zur ancilla scientiae.

Was ein therapeutischer Sinnvermittler sein soll, ist darüber hinaus allein Habermas‘ Ge­heim­nis. Sicherlich denkt Habermas hier an die psychotherapeutischen Ansprüche so ge­nann­ter „philoso­phischer Pra­xen“, aber warum Sinnvermittlung bzw. Lebensorientierung notwen­digerweise thera­peu­tisch sein muss – Habermas teilt diese Implikation ja selbst auch nicht (s.o.) –, erschließt sich dem geneigten Leser nicht. Dass die Sinnentleertheit einer im Irrwitz versinkenden Welt eine Krankheit ist, die eine Therapie braucht, kann wohl nur Leuten ein­fallen, die ihre strengen Ansprüche an Ge­sell­schafts­kri­tik längst schon ad acta gelegt haben.

Und dann, gleichsam als Klimax, die Rolle des öffentlichen Intellektuellen. Das ist zwei­fel­los ein gu­ter Einfall; er hat jedoch einen kleinen Schönheits­fehler: Es gibt in Deutsch­land neben Habermas und etwa Sloterdijk und Nida-Rümelin kaum einen Philosophen, auf den diese Kennzeichnung zu­trifft; die anderen sind allesamt Phi­lo­so­phie­wis­sen­schaf­tler. Es sei denn, Habermas wür­de bürgerliche Schöngeister wie Sa­fran­ski, mediale Luft­ballons wie Precht oder Wissenschaftsjournalisten wie Scobel auch als ‚Philosophen‘ bezeichnen wol­len. Aber dann könnte er statt von Philosophen ei­gentlich gleich von Journalisten, mei­net­we­gen auch von Fach-Journalisten spre­chen und diesen die weiße Fahne der alt­ehr­wür­di­gen Philosophie über­rei­chen. Einer wei­te­ren Schrump­fung bedarf es dann nicht mehr.

Postskriptum:

Es passt zu meiner kritisch-polemischen Lektüre, dass ich just heute in der Wo­chen­zei­tung Der Frei­tag (Nr. 13 v. 26.3.15, S. 6-7) auf einen Artikel gestoßen bin, in dem der be­kannte Neurophilo­soph Christof Koch mit einer interessanten Geschichte zitiert wird. Er, Koch, habe 1990 mit dem britischen Physiker und Neurochemiker Francis Crick ge­mein­sam einen Artikel veröffentlicht, in dem es ihnen um nicht mehr, aber auch um nicht we­ni­ger als um das größte Rätsel der Menschheit ge­gan­gen sei: um das Rät­sel des Be­wusst­seins, der metaphysischen Seele:

„Ich wurde für verrückt gehalten, dass ich mich da reinziehen ließ“, erzählt Koch. „Ein älterer Kollege ging mit mir Mittagessen und erklärte, er habe höchste Achtung vor Francis [Crick], aber Francis sei No­belpreisträger und Halbgott. Er könne tun, was er wolle. Ich dagegen stünde am Anfang meiner Kar­riere und sollte mich in Acht nehmen. ‚Halte dich erst mal an den wissenschaftlichen Mainstream‘, sag­te er. ‚Diese Rand­be­rei­che, bewahr sie dir für die Pensionierung auf. Wenn der Tod dir auf die Pelle rückt, kannst du über die Seele nachdenken.‘“

Genau das beschreibt die Situation der Philosophie heute – und macht mir auch selbst noch einmal klar, warum ich mich vor mehr als 20 Jahren, als ich mich in den phi­lo­so­phi­schen Seminaren an den Universitäten und Akademien des hiesigen Landes die meiste Zeit langweilte, für die zum Teil kruden Thesen der Neurophilosophen so be­geistern konn­te: Philosophie ist nichts für junge Leute, sie ist was für old daddies, für Leute also, die ihr ganzes Leben als Normopathen oder als Spießer ver­bracht haben, aber dann doch im Alter endlich mal über die Stränge schlagen wollen.

Wir, die Erben Heideggers, Horkheimers und Adornos, Sartres und Foucaults, der 68er und der 89er Bewegung haben die Philosophie in Pension ge­schickt, und, oh Wunder, our old dad Habermas, sel­ber ein Alt-68er, hat nichts dagegen. Also gehen wir doch gleich mit in Pension und schreiben weiter schön fleißig an unserem Blog. In diesem Sinne empfehle ich mich. Bleiben Sie Ihrem und meinem Irrwitz gewogen.

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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