Badiou #2 – Involviert? Aber nein, ich doch nicht!

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Badiou - Wider den globalen KapitalismusMeinem ersten Beitrag zur Badiou Reihe Badiou #1 – Wi­der­stand? Aber ja! Nur, was für einer? lag Badious Text „Fa­schi­sie­rung“ aus der Wochenzeitschrift ‚der Freitag‘ (Nr. 15 v. 14.4.16, S. 13) zugrun­de. Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus Badious jüngster Ver­öffentlichung ‚Wider den globalen Kapitalismus. Für ein neues Denken in der Politik nach den Mor­den von Paris‘ (Berlin 2016). Er stellt dort das vierte Kapitel mit dem Titel „Der heutige Fa­schi­s­mus“ dar (S. 47ff) und wid­met sich, wie es in der Vor­be­mer­kung der Veröffentlichung heißt, „dem eigentlichen Ge­gen­stand der Darle­gung“, nämlich der These, dass „die Akteure des Geschehenen [der Pariser Morde, C.K.] als Fa­schi­sten – in einem erneuerten, zeitgemäßen Sinne des Wortes – zu bezeichnen“ seien (S. 14).

Ich habe diese These angezweifelt, weil sie mit einigen Feststellungen arbeitet, die mir un­plau­sibel erscheinen, und zwar erstens mit der ökonomischen Annahme, der IS sei ein „Wirt­­schafts­­un­­ter­­neh­­men“ und seine Söldner seien „de facto Lohnempfänger“ (S. 48), zweitens mit der psychologisie­ren­den Überlegung, die Attentäter handel­ten aus ent­täusch­ter Sehnsucht nach den Wohltaten des We­stens: „Geld, Frauen, Autos und so wei­ter“ (S. 47 u. 49f) und drittens mit der daraus abgeleiteten ge­sellschafts- und öko­nomiekritischen Behauptung, der Terrorismus des IS und seiner Söldner sei nur eine besonders radikale, „pervertierte“ Aus­drucks­form des Ka­pi­ta­lis­mus (vgl. 48) – und als solche eben nichts anderes als Faschismus (was m. E. eine Variante der alten Dimitrow-These darstellt).

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In meiner Kritik habe ich mich insbesondere an die mittlere, psychologisierende Über­le­gung gehal­ten, weil sie mir in der Argumentation Badious zentral zu sein scheint und weil sie in ähnlicher Form – und mit ähnlichem Ziel – auch von Slavoj Žižek vorgetragen wird (vgl. meinen Blogbeitrag Zusatz zu Badiou #1: Slavoj Žižeks Blasphemische Gedanken (part 1) vom 17.5.16). Um welches Ziel geht es? Badiou und Žižek wollen, im Sinne ent­lar­ven­der Ideologiekritik, zeigen, dass es sich beim Widerstand der Islamisten um einen nur scheinbaren, falschen Widerstand handelt, der statt aus dezidiert politi­schen Grün­den, aus Neid und Ent­täu­schung entsteht und sich nun in den Banden-Strukturen und Qua­si-Institutionen des IS eine „Mischung aus tödlichen heroischen Angeboten und westlicher Ver­füh­­rung durch Waren“ schafft (S. 50), die diesen Neid und diese Enttäuschung kom­pen­sie­ren soll.

Das Problem an dieser Argumentation ist: Sie scheint mir – genau darin liegt ihre tri­vi­al­psy­cho­lo­gi­­sche, „ent­­larvende“ Konsequenz – völlig beliebig zu sein. Ich könnte sie auch auf Žižek und Badiou selbst anwenden: Weil diese zutiefst enttäuscht über das „Versagen der Linken“ sind, über das Aus­blei­ben ei­nes radikalen politischen Bruchs mit dem Ka­pi­ta­lis­mus (vgl. Žižek, Blasphemische Gedan­ken, a.a.O., S. 14f), sind sie erfüllt mit Neid auf diese zu allem bereiten, nicht nur mit Worten, sondern mit Granaten um sich werfenden jungen Widerstandskämpfer des IS, die den Mut haben, dem Kapitalismus konsequent die Stirn zu bieten… Und eben deshalb müssen diese jetzt mit dem sym­bolischen Tod bestraft, d.h. als geheime „Agenten des Kapitalismus“ entlarvt werden. „Das ist“ – nicht wahr? – „ein gängiges psychologisches Muster“ (Wider den globalen Kapitalismus, S. 47). In der Tat.

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Aber von solchen Gefühlen des Neids und der Enttäuschung, die sie den anderen, den Sub­jek­ten des falschen Widerstands gerne unterstellen, sind Žižek und Badiou natürlich (!) meilenweit ent­fernt. Sie scheinen von jeder Bindung an die Dimension des Un­be­wuss­ten ausgenommen, eines Unbe­wuss­­ten, von dem sie mit Bezug auf eine tri­via­lisierte Form des To­destriebs (Badiou) und der Verfüh­rung (Ži­žek) gleichwohl ständig sprechen. Ihr ei­ge­nes Involviertsein in die Gesell­schaft, ihr eigenes Verhaf­tet­sein blenden sie ge­flis­sent­lich aus. Nur einmal lüftet sich der Schleier, als Badiou von der so ge­nann­ten „Mit­tel­schicht“ spricht und, um den Verdacht abzuwehren, er wolle diese verleugnen, in ei­ner Pa­ren­these anmerkt: „schließlich gehören wir hier [in der Vortragsituation: also der Vortra­gende selbst und seine Zuhörer, C.K.] doch irgend­wie alle dazu [zur Mittelschicht], nicht wahr?“ (S. 32)

Was Badiou mit dieser Zugehörigkeit konkret meint, sagt er nicht. Er lässt es bei der An­deu­tung be­wenden und führt dann ohne weitere Erklärung aus: Die Mittelschicht sei „ins­gesamt durchläs­sig für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und die Verachtung der Mit­tel­lo­sen“ und „bekanntlich der Trä­ger der Überzeugung, dass der Westen letztlich und un­um­stöß­lich die Heimat der Zi­vi­li­sier­ten“ sei (S. 32f). Wir verstehen: Da Badiou Mitglied einer Schicht ist, die insgesamt für Rassismus, Frem­denfeind­lich­keit usw. durchlässig sei, müss­te es eigentlich auch Badiou sein. Und da diese Schicht selbst und nicht etwa ein­zelne ihrer Mitglieder Träger chauvinistischer Überzeugungen seien, müss­te eigentlich auch Ba­diou solche Über­zeu­­gungen hegen … Das ist der Preis, den er für seine Ver­all­ge­mei­ne­run­gen zu zahlen hätte, aber natürlich (!) nicht zu zahlen bereit ist.

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Die Analyse „der“ Mittelschicht, die Badiou hier in wenigen schematisierenden Strichen vorlegt (vgl. S. 31ff), ist aber auch deshalb problematisch, weil sie an der Realität des in Europa herrschenden de­mokratischen und rechtsstaatlichen Konsenses vorbeigeht. Nach­dem es nämlich den Linken bisher nur bedingt gelungen ist, das neue Preka­riat für sich zu gewinnen, und die Sozialdemokratie ihre al­ten Wählerschichten mittlerweile an die Neu-Rechten zu verlieren droht (in Deutschland an die AfD und die Pegida-Bewe­gung, in Frank­reich an den FN, in Österreich an die FPÖ, in Dänemark an die DF usw. usf.), sind es, von den Eliten einmal abgesehen, gegenwärtig nur noch die Mittelschichten, die ver­hin­dern, dass es mehrheitli­ch zu einer manifesten „Faschisierung“ – um hier einmal Ba­dious ei­ge­nen Aus­druck zu ver­wenden – europäischer Gesellschaften kommt.

Gerade wenn man, wie Žižek und Badiou dies tun, von einem Scheitern der Linken spricht – zu Recht, wie ich meine –, sollte man vielleicht zur Kenntnis nehmen, dass, bei aller Kri­tik, gegenwärtig der Er­halt von De­mo­kratie und Recht­staatlichkeit die einzige Basis für eine Neuausrichtung linker Po­li­tik sein dürfte. Denn ansonsten könnte, wie in den 30er Jah­­ren des letzten Jahrhunderts, erneut eine weltpolitische Katastrophe drohen. Mit an­deren Worten: Kontraproduktiv ist auf absehbare Zeit ei­ne links­ex­treme Position, die auch die rechtstaatlichen Grund­sätze und Grundrech­te noch mit ideo­lo­giekri­tischen Mitteln zu zersetzen sucht. Vielmehr geht es darum, die Diskurshegemonie über die Auslegung des phi­loso­phischen Ge­halts dieser Grundrechte wiederzuerlangen. Dass die Linke diese He­ge­monie ver­lo­ren hat, zeigt sich nämlich gegenwärtig gerade im Abbau solcher Rechte.

Artikel 1der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte

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Badiou schlägt aus der von ihm unterstellten Überzeugung der Mittelschicht, dass der We­sten letzt­lich die Heimat der Zi­vi­li­sier­ten sei, aber auch noch in anderer Weise argu­men­ta­ti­ves Kapital. Er er­wähnt gleich am Anfang Barack Obamas Fern­seh­an­spra­che anlässlich der Pariser Attentate und führt hierzu aus: Das Problem an dieser An­spra­che sei, „dass Oba­ma nicht je­des Mal, wenn ein Massenmord dieser Art stattfindet, ei­ne solche Er­klä­rung abgibt. Er tut es nicht, wenn sich die Dinge fernab ereignen, in einem unfassbar ge­wor­de­nen Irak, in einem undurch­schau­baren Paki­stan, in einem fanatischen Nigeria oder in einem im Herzen der Finsternis liegenden Kon­go. Seiner Äußerung liegt al­so die Vor­stel­lung zugrunde, dass die geschundene Menschheit eher in Frankreich und in den USA beheimatet ist als in Nigeria, in Indien, im Irak, in Pakistan oder im Kon­go.“ (S. 10)

Das ist, man kann es nicht anders sagen, eine durch und durch demagogische Folgerung. Der rich­ti­gen Be­ob­achtung, dass Obama nicht nach jedem Massenmord auf der Welt eine mit den Op­fern solidari­sche Ansprache hält, wird nicht nur ein problematischer Grund un­ter­ge­scho­ben: „liegt die Vor­stellung zugrunde“, sondern auch noch so ge­tan, als ob die­ser Grund aus einer Schluss­fol­ge­rung hervorginge: „liegt also die Vor­stel­lung zu­grun­de“. Jeder Leser kann sich aber, nachdem Badious Vor­trag veröffentlicht ist, an­hand des origi­nalen Wortlauts überzeu­gen, dass das nur die Vor­täu­schung einer Begründung ist. Denn Badiou führt nicht ein einziges Argument für seinen Schluss an. Mit an­de­ren Wor­ten, das „also“ in der Folgerung kann sich auf nichts stützen und ist daher purer Schein – um es in der Sprache Žižeks und Badious zu sagen: reine Ideologie.

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Unhaltbar ist die Folgerung aber auch noch aus einem anderen Grund: Sie missachtet bzw. ver­leugnet sowohl den demokratiehistori­schen als auch den soziokulturellen Hintergrund, vor dem Obama durchaus zu Recht auf die gemeinsamen Werte liberté, egali­té und fra­ter­ni­té rekurrieren kann („Liberté, egali­té, fraternité sind nicht nur französische Werte, son­dern Wer­te, die wir alle teilen.“; S. 10 Anm.). Was den demokratiehistorischen Hin­ter­grund betrifft, möchte ich nur daran erinnern, dass die amerikanische und die fran­zö­si­sche Revolution Ende des 18. Jahrhunderts in einem engen praktisch-politischen und the­o­re­tisch-philosophischen Konnex stehen (die französi­schen Revolutionäre griffen z. T. auf amerikanische Berater zurück). Und was den – auch darauf basierenden – so­zi­o­kul­tu­rel­len Zu­sam­men­hang betrifft, möchte ich die Frage stellen:

Glaubt Badiou, der amerikanische Präsident könnte sich heute hinstellen und mit Be­zug auf Opfer des Terrorismus im Irak, in Pakistan, in Nigeria, im Kongo usw. auf ge­mein­sa­me Wer­te rekurrieren? Wäre das nicht lächerlich und anmaßend? Und würden sich dann nicht gerade die­je­ni­gen Dogmati­ker und Demagogen zu Wort melden, die schon immer gewusst ha­ben, dass das US-ame­rikanische Selbstverständnis auf einen kulturellen Im­pe­ri­a­lis­mus hinausläuft (etwa im Sinne von Francis Fu­ku­yama)? Wie man es also dreht und wendet: In einem derartigen, von rhetorischem Ne­bel verdun­kel­ten Ar­gu­men­ta­ti­ons­kon­text – der letzten Endes auf einen prinzipiellen Antiameri­ka­nismus hinaus­läuft – kann der amerikanische Präsident bei aller Kritik, die seiner Politik gebührt, tun und lassen, was er will. Er wird immer daneben liegen.

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Was aber ist der Hintergrund der durchaus nachvollziehbaren Redepraxis nicht nur des ame­ri­ka­ni­­schen Präsidenten, sondern fast aller – ich würde sogar sagen: aller – Staats­ober­häup­ter der Welt? Badiou gibt selber eine vergleichsweise plausible Antwort auf diese Frage, wenn er schreibt: „Wenn ein Angehöriger bei einem Unfall ums Leben kommt, dann ist es selbstverständ­lich, dass die Familie sich versammelt, enger zusammenrückt und in einem gewissen Sinne auch stärker wird. (S. 8). Dabei will ich keineswegs be­haup­ten, dass Attentate mit Unfällen oder Familien mit Gesellschaften gleich­zu­setzen seien. Aber es gibt auch im Verhältnis von Kulturen, Gesellschaften und politischen Syste­men ein Ge­setz von Nähe und Distanz, das es allen Beteiligten – in der Tat: – „selbst­ver­ständ­lich“ er­schei­nen lässt, dass zwei Gesellschaften, je näher sie sich sind, also z.B. ge­mein­sa­me Werte ausgebil­det haben, gerade auch in Krisenzeiten zusam­menrücken und sich ge­gen­sei­tig stärken.

Der ethische Anspruch eines Menschen, einer Gruppe oder einer Gesellschaft mag noch so uni­ver­sell und sein Universalismus noch so gut gegründet sein; es würde einen Einzelnen, eine Gruppe oder Gesellschaft (bzw. deren Repräsentanten) überfordern, sich zu jeder ein­zel­nen Untat in der Welt konkret zu äußern. Unab­hängig davon, dass die­se Gefahr der Über­for­de­rung auch als Alibi für fehlende praktische Solidarität über Ge­mein­schafts­gren­zen hinweg dienen kann, ist sie doch als solche zutiefst menschlich und daher selbst ein Element politischer Ethik. Dass nicht je­de Untat in der Welt von jedem kom­men­tiert wird, heißt daher noch lange nicht, dass die­sem Ver­zicht auch die Vor­stel­lung zugrunde liegt, dass die geschundene Menschheit nur in der ei­ge­nen Com­mu­nity beheimatet ist oder dass man sich selbst, wie Badiou mit Bezug auf die Mittel­schicht in den westlichen De­mo­kra­tien unterstellt, für zivilisiert, aber die anderen für barbarisch hält.

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Wo also liegt der Fehler in der zunächst sympathischen, durch und durch uni­ver­sa­li­sti­schen, keinen Partikularismus dul­den­den Argumentation Badious? Ich habe in meinem ersten Beitrag zu Badiou und auch in dem zu Ži­žek zu zeigen versucht, dass beide Denker ihr eigenes Verhaftetsein an ge­nau diejenige Ge­sell­schaft, die sie kritisieren, ihr eigenes Involviertsein unterschät­zen, wenn nicht so­gar ver­leugnen. Und sie verkennen, wie man jetzt bereits an einigen wenigen mar­ginalen Bemerkungen Ba­dious in der Einleitung zu seinem Buch klar sehen kann, auch das konstitutive Gebundensein des poli­tischen Sub­jekts an be­stimmte Werte- oder Herkunftsgemeinschaften, das zwar für den univer­sa­listi­schen Anspruch einer globalen Kapitalismuskritik hinderlich sein mag, aber das man um willen ei­nes solchen Universalis­mus auch nicht einfach ausblenden oder umgehen kann.

Ein Je-schon-in-der-Welt-sein, ein Involviertsein in Ge­sell­schaft und Ge­mein­schaft: diese beiden As­pek­te scheinen mir die phänomenal unerlässlichen Aus­gangspunkte für das poli­tik­­phi­lo­so­phi­sche Ver­ständ­nis einer globalen Gesellschaftskritik zu sein, die sich der Kri­ti­schen Theorie der ersten Generation, bei al­lem historischem Abstand, der sich mitt­ler­wei­le er­ge­ben hat, verpflichtet bleibt. Ich werde in den fol­genden Blog-Beiträgen diese beiden Aspekte, den gesellschaftlichen und den gemeinschaftlichen, wei­ter in den Mittelpunkt rü­cken und zu zeigen ver­suchen: Seriös kann gerade universel­le Kritik nur dann sein, wenn sie sich der eige­nen Herkunft und den da­mit ein­hergehen­den Prädeter­minationen nicht verschließt, sich also selbst­kritisch ihren ei­ge­nen Partiku­larismen stellt. Uni­verselle Kritik wird, ob sie will oder nicht, stets parti­kular blei­ben. Sie ist immer in-against und nicht nur beyond (Holloway).

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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