What’s up (Blog- / Text-Hinweis #4)

Ich habe soeben meinen Blogbeitrag vom 28.2.17 Aus Abbreviaturen werden – nicht zwangs­läufig – Texte (part 1) vervollständigt. Wer sich dafür interessiert, wie ich an Adorno anzuknüpfen gedenke – nicht direkt, sondern mit einer gewissen Portion Schel­ling und Hegel gegen Fichte (s.v.v.) – scrolle einige Zeilen nach unten, um den kompletten Beitrag lesen zu können.

Die Verzögerung ist auch deshalb zustande gekommen, weil ich in den letzten Wochen an einem Text zur Zeitproblematik gearbeitet habe: ‚Zeiterleben als Erleben von … Zeit‘, der noch in die­sem Jahr in einem Sammelband mit dem Titel „Palliativ & Zeiterleben“ (hg. v. H. Ewald, K. Vo­geley u. R. Voltz) im Kohlhammer Verlag er­scheinen wird.

Gleichzeitig erreicht mich eine Anfrage von einer psychologischen Zeitschrift, etwas über das Böse zu schreiben. Das hat mich ver­wun­dert. Denn „das Böse“ gehört nicht gerade zu meinen zentralen The­men oder Interessen. Ich brauch­te – auch deshalb – einige Tage des Nachdenkens und der Re­cher­che, um auf diese Bitte positiv reagie­ren zu können.

Der Grund für mein Zögern war: Ich würde ungern einen Beitrag nur für das phi­lo­so­phi­sche Archiv schreiben wollen. Ich meine, natürlich kann man dieses Archiv auch heute noch mit klugen Beiträgen über das Malum, das Dämonische, das Summum Bonum, das Numinose, über Askese, Frömmigkeit, Keuschheit usw. bereichern. Aber ist das von ir­gend­ei­ner Relevanz für das weitere Weltgeschehen?

Leugnen kann ich allerdings nicht, dass ein solches Thema wie „das Böse“ heute (wieder) aktuell ist, das weitere Weltge­sche­hen durchaus (wieder) davon abhängt, wie wir uns zu diesem Thema stellen. Und dass man dabei durchaus Kennt­nis­se gewinnen kann, die von Dauer sind und daher am Ende vielleicht doch ins philosophische Archiv gehören, ist wahrscheinlich nicht von der Hand zu weisen …

*

Wir leben in eigentümlichen, gefährlichen Zeiten. Es scheint, wir gehen wieder mit Rie­sen­schrit­ten zurück in das letzte, wenn nicht gar in das vorletzte Jahrhundert („Die große Regression“). In den so­zi­a­len Netzwerken, der Öf­fentlichkeit grei­fen Hass und Res­sen­ti­ment um sich. De­mo­kra­ti­sche Politik, die nicht dem anything goes zujubelt – un­ter dem La­bel eines vermeintlichen Pluralismus – hat es schwer, sich Gehör zu verschaffen.

Jeder oder jede weiß es besser als der oder die andere und will mit absolut derselben In­ten­si­tät gehört und verstanden werden. Gleichzeitig verstärken sich aber auch die (Ge­gen-) Tenden­zen zu einer affirmativen Friedhofsruhe: „Störe unsere Kreise nicht“, „Be­schmut­ze nicht unser Nest“, „Trolle andere Seiten voll“ etc. pp., – Tendenzen, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr erlebt ha­be.

Übergriff und Rückzug, Aggression und Depression, Anomie und Normopathie liegen er­neut eng bei­einander und verstärken den Eindruck einer fundamentalen politischen, so­zi­a­len und psychi­schen Krise. Jedem scheint klar zu sein: so (einfach) geht es nicht mehr weiter, selbst denjenigen, die sich bisher noch stets an das Bewährte gehalten haben: Konservative, Sozialdemokraten, Liberale …

Was macht den Kern der Unruhe aus? Es sind nicht irgendwelche Minderheiten, sondern wachsen­de Mehrheiten, die auf ein endgültiges Ende pochen – auf der „rechten“, ka­pi­ta­lis­mus­un­kri­ti­schen, also der falschen Seite der Geschich­te. Der stets uneingestandene, von jeher versteckte Klassismus und Sozialdarwinismus des kapitalistischen Konkurrenz­den­kens bricht sich jetzt ungezähmt Bahn: „Wir zuerst, dann erst, wenn überhaupt, Ihr.“

Die Geschichte scheint vielen noch nicht böse genug zu sein. Auf Mord soll Gegen-Mord fol­gen. Sich nicht auf das Niveau der Gegner zu begeben, wird als Schwäche ausgelegt. Von der Stärke des Schwa­chen hat noch nie jemand et­was gehört. Man will wieder, wie zu Hei­deg­gers Zeit, dass die Gefahr wächst, damit das Rettende naht. Gewählte müssen wie­der Auserwählte, Pro­blem­löser wieder Er­lö­ser sein. Es ist nicht zum Aushalten.

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Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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