Idee und Ideal – Kleiner Exkurs: Zur Kunst der Dialektik

In einem mir persönlich wichtigen Text meiner philosophisch-schriftstellerischen Pro­duk­ti­on der letzten Jahre: Psy­che zwischen Natur und Kultur. Eine dia­lek­ti­sche Analyse (in: Psyche zwischen Natur und Kultur, hrsg. v. K. Vogeley, T. Fuchs u. M. Heinze, Len­ge­rich / Berlin 2008, S. 9-37) stehen zwei Sätze, die im Laufe der Zeit in Form und Inhalt von be­son­de­rer Bedeutung für mich geworden sind. Als ich 2012 mit mei­ner Blogarbeit begann, habe ich sie unter dem Titel Kunst der Dialektik gleich an den An­fang des Blogs gestellt (vgl. den Beitrag vom 6.6.12). Sie lauten:

Es ist die Natur des Wissens, nicht zu wissen, und es ist die Kultur des Nicht-Wissens, doch zu wis­sen. Die Kunst dieser Kultur, die keine sophistische, sondern eine phi­lo­so­phi­sche Kunst ist, die keiner Idee, son­dern einem Ideal folgt, heißt Dialektik.

Der nähere Zusammenhang ergab sich an Ort und Stelle aus einer Reflexion über den be­rühm­ten Satz des Sokrates aus Platons Dialog Menon: „Siehst du“, entgegnet Sokrates dort seinem Gesprächs­partner, als dieser geneigt ist, Sokrates‘ dialektische Ironie als so­phi­sti­sche Spielerei misszuver­ste­hen, „siehst du, was für einen streitsüchtigen Satz du uns her­bringst? Daß näm­lich ein Mensch un­möglich suchen kann, weder was er weiß, noch was er nicht weiß. Nämlich weder was er weiß, kann er suchen, denn er weiß es ja, und es bedarf dafür keines Suchens weiter; noch was er nicht weiß, denn er weiß ja dann auch nicht, was er suchen soll. (Platon, Menon 80e; Übers.: Schleiermacher)

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Wäre das Wissen, das wir als Menschen haben, ein ewiges, einmalig feststehendes Wissen, hätte Menon möglicherweise recht: Wir könnten weder darüber reflektieren („danach su­chen“; Georgii übersetzt: „un­ter­su­chen“, Rufener: „erforschen“), was wir wissen noch was wir nicht wissen. Denn die Reflexion sowohl auf das vorhandene Wissen als auch auf das Nicht-Wissen – das, was wir die Kul­turarbeit der Wis­sen­schaf­ten nennen – müsste not­wen­di­­ger­wei­se ein neues Wissen erzeugen, während es durch die sokratische Fra­ge­tech­nik, die sich „Dialektik“ nennt, so scheint, als kämen wir aus dem Naturzustand des Nicht-Wissens, dem Nullpunkt aller Kulturarbeit, nie heraus.

Aber es scheint nur so. So wie alle Dialektik den heilsamen, ent-täuschenden Schein mit sich bringt, als ginge es nicht voran, als drehe sich die Geschichte im Kreis, als werde sie nicht gemacht. Denn in dem Moment, in dem ich weiß, dass ich etwas, also etwas Be­stimm­tes weiß, weiß ich immer auch, dass ich etwas noch nicht weiß, etwas, das das Be­stimmte begrenzt, etwas Unbestimmtes. Und wenn ich weiß, dass ich etwas noch nicht weiß, dann weiß ich bereits etwas, nämlich etwas Unbe­stimm­tes, bewege mich also immer schon zwischen Bestimmtem und Unbestimmtem, zwischen Wissen und Nicht­wis­sen und komme aus diesem Zwischen nie heraus.

Aus diesem Grunde ist es nicht so, als ob sich das Unbe­stimm­te dem Bestimmten nur ir­gend­wie „an­stückte“, als ob ich vom Bestimmten zum Unbestimm­ten gin­ge. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Reflexion vom schon Bestimmten zum noch Unbestimmten, dreht, da sie stets eine nach­träg­li­che ist, die im Prozess des Wissens vorgängige Be­we­gung vom Unbestimmten zum Bestimmten gerade um: sie macht das, von dem sich das Wissen befreit, das Nichtwissen, zu dem, was sie noch nicht weiß, was sie also im Wis­sens­pro­zess noch vor sich hat. Damit lässt sie aber gerade das, was sie weiß, als das, was sie schon weiß, hinter sich.

Wissen und Nichtwissen, Bestimmtes und Unbestimmtes sind also nicht zwei voneinander ge­trennte Bereiche, als ob es zunächst eine Bewegung vom Unbestimmten zum Be­stimm­ten und dann vom Be­stimmten zum Unbestimmten gäbe. Beide Bewegungen sind viel­mehr, wie die Sprache zeigt, ein und derselbe Prozess: Indem ich das noch unbestimmte Subjekt durch ein Prädikat be­stim­me, erfahre ich in der Reflexion das Prädikat als ein sei­ner­seits Unbestimmtes, das durch ein Prädi­kat bestimmt wer­den muss usw. usf. (vgl. die unübertroffene Darstellung dieses Zu­sammen­hangs in He­gels Vorrede zur Phä­no­me­no­lo­gie des Geists).

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Die Metaphern, die ich hier verwende und die man wählen muss, um den gemeinten Zu­sam­men­­hang adäquat darzustellen (das unterscheidet mein Verständnis von Dialektik von dem von Hegel), erinnern nicht von Ungefähr an zeitliche Prozesse: Wir gehen – das ist ein unbestreitbares, triviales Faktum – von der Vergangenheit in die Zukunft; die Ver­gan­gen­heit liegt hinter uns, die Zukunft vor uns. Aber indem wir darauf reflektieren, wer oder was wir sind, bringen wir die Vergangenheit vor uns, nämlich die, die wir in die Zukunft tragen (das sind wir selbst), und erfahren die Zukunft als be­reits hinter uns liegend, näm­lich die, die wir vor uns hatten (das waren nicht wir selbst).

Alles Leben ist also je schon vergangene Zukunft und zukünftige Vergangenheit. Aber wie auch im­mer ich auf die Bewegung meines Lebens, von der vergangenen Zukunft in die zu­künf­ti­ge Vergangen­heit reflektiere: ich muss meine Vergangenheit, die hinter mir liegt, vor mich bringen, und die Zu­kunft, die vor mir liegt, hinter mich bringen, es bleibt doch eine Asymmetrie: Zukunft und Vergangenheit sind nicht gleich gültig; die Verwandlung der Zu­kunft in die Vergangenheit, des Nicht-Selbst in ein Selbst, des Geborenwerdens und sich selbst Gebärens, lässt sich nicht rückgängig machen: weil die Be­wegung von der ver­gan­ge­nen Zukunft in die zukünf­ti­ge Vergangenheit je schon vorgängig ist.

Anders gesagt, die Bewegung vom unbestimmten Subjekt zum bestimmenden Prädikat ist immer schon im Gange. Aber ich kann daraus – eben das ist die Asymmetrie – nicht auf die Kontingenz des Subjekts und des Kontakts mit ihm schließen, sondern im Gegenteil: das Subjekt ist notwendig, das Prädikat eher kontingent. Ich habe das Subjekt zwar schon verlassen, und zwar im Moment seiner Be­zeichnung – Wort ist Mord –, aber dieses Ver­las­sen, dieser „Mord“ ist ein nie endendes Verlas­sen, ein nie endender „Mord“ und in­so­fern auch ein nie endender Kontakt, auf den die Erkenntnis der Beschaffenheit des Sub­jek­tes sich dauerhaft gründet.

Sokrates selbst hat im Menon darauf hingewiesen (vgl. mei­nen Blogbeitrag vom 30.1.18): Ich muss mit dem Subjekt, von dem ich etwas prädizieren möchte, zuvor bekannt sein, ich muss mit der Welt in Kontakt gekommen sein; anderenfalls wüsste ich nichts zu be­stim­men. Und dieser Kontakt muss dauerhaft sein, weil er die ultima ratio meiner Ver­ge­wis­se­rung ist. Wird er unterbrochen – und das ist gleichsam stän­dig der Fall – tritt der soeben dargestellte ununterbrochene Kontakt mit der Ver­gan­gen­­heit an seine Stelle, tritt der Er­in­ne­rungs­pro­zess in Kraft. So ist am Ende – das wusste kei­ner bes­ser als Husserl (vgl. Les­zek Kolakowski, Die Suche nach der verlorenen Gewissheit. Denkwege mit Ed­mund Hus­serl, Stuttgart 1977) – die Erinnerung, ob primäre oder sekundäre, die letzte Instanz der Gewiss­heit.

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Man sieht: Obwohl die Bewegung ein und dieselbe ist, sind doch Wissen und Nichtwissen, Be­stimm­tes und Unbestimmtes, Prädikat und Subjekt nicht zu verwechseln. Denn es gibt eine Asy­mmetrie zwischen beiden (gäbe es sie nicht, wären beide gleich gültig, käme es zur Verwechslung): Das Nicht­wissen oder das Unbe­stimmte, das „Subjekt“ bleibt der be­stän­di­ge Grund der Bewegung, stellt ihr Fundament dar; ein Fundament, das zwar aus der Perspektive des Wissens, des Bestimmten und des Prädikats je ein An­deres, ein anders Bestimmtes ist, aber doch als solches, als Bestimmungsgrund bleibt. Es umgreift die Ver­gan­gen­heit und die Zukunft des Erkenntnisprozesses.

Diese Persistenz, dieses Bleiben gegenüber dem Werden – im Werden – ist einer trans­zen­den­ta­len Idee geschuldet, an der jedes, ob nun transzendente oder immanente Ideal gebunden ist: der Idee der Natur. So sehr die Ideale unserer Kulturarbeit auch die Natur zu überschreiten suchen, sie kom­men nie über sie hinaus, sie transformieren sie bis zur Unkenntlichkeit: bis es am Ende keine Natur mehr, nur noch Kultur zu geben scheint. Aber diese Kultur ist eben transformierte Natur, so wie das Be­stimmte das bestimmte Un­be­stimm­te, das Wissen das „gelehrte Nichtwissen“ ist.

Der Me­non‘sche Satz und die mit ihm verbundene Diskussion, wie wir überhaupt etwas wissen kön­nen, ge­nau­er: wie wir vom Nicht-Wissen zum Wissen und vom vorhandenem Wissen zu neuem Wis­sen kom­men können (die in Platons Text auf die mythische Lehre der Präexistenz und der Wie­der­er­in­ne­rung an diesen präexistenten Zustand, der anam­ne­sis, hinausläuft; vgl. Platon, Menon 81aff) ver­­weist uns daher in eindringlicher Weise nicht nur auf die Dialektik von Wissen und Nicht-Wissen, sondern auch auf eine eigen­tümliche Korrespondenz dieser Dialektik mit der von Natur und Kultur:

So wie die Kultur aus der Natur hervorgeht, indem sie sich von ihr trennt, ohne sich doch von ihr trennen zu können, so geht offenbar auch das Wissen aus dem Nicht-Wissen her­vor, indem es das Nicht-Wissen von sich ausschließt, ohne es doch als solches von sich aus­schlie­ßen zu können. So ist das Wissen das immer wieder über­ra­schen­de Emergent des Nicht-Wissens und das Nicht-Wissen das notwendige Imple­ment des Wissens. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, lautet hierfür die zugespitzte so­kratische Formel. Tatsächlich – kor­rek­ter – müsste sie lauten: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“.

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Das könnte als eine schlichte, selbstverständliche ontologische Erkenntnis erscheinen – ob­wohl für die Philoso­phie gar nichts selbstverständlich ist –, wäre es nicht auch eine ethi­sche Er­kenntnis. Denn so wie ich mich aus dem Nichtwissen befreie, indem ich es hinter mir zu lassen ver­su­che, aber es im­mer wieder vor mir habe, um es erneut hinter mich zu bringen, so arbeitet sich auch die Frei­heit aus der Unfreiheit, das Können aus dem Nicht­kön­nen heraus, ohne die Unfreiheit oder das Nichtkönnen jemals hinter sich bringen zu können. Die Unfreiheit bleibt der beständige Grund der Freiheit; sie um­greift deren Ver­gan­gen­heit und Zukunft:

Es ist die Natur des Könnens, nicht zu können. Und es ist die Kultur des Nicht-Könnens, doch zu kön­nen. Die Kunst dieser Kultur, die nicht eine onti­sche, sondern eine ethische Kunst ist, die keiner Idee, son­dern einem Ideal folgt, heißt Widerstand.

Ist die damit dokumentierte analoge Reihung binärer Relationen – Wissen und Nicht­wis­sen, Be­stimm­tes und Unbe­stimmtes, Kultur und Natur, Freiheit und Unfreiheit – diese Symmetrie, die viele mei­ner Texte kennzeichnet, notwendig oder kontingent, zwanghaft oder willkürlich? Was be­deutet sie? Oder ist sie gleichgültig, bedeutet nichts? Sollte ich ihr gegenüber nicht vielleicht gleichgültig sein, oder ihr, im Gegen­teil, widerspre­chen? Sollte ich stärkere Kritik üben, mich in den Wider­spruch mit mir selbst begeben? Oder ist hier al­les gleich gültig, das eine: Kultur, und das andere: Natur? Und wieder das ei­ne: Kul­tur / Natur, und das andere: Freiheit / Unfreiheit? Ich komme da­rauf zu­rück.

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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