Idee und Ideal #4. Aktuelle Folgerungen I

1

Folgt man der Spur der sokratischen Frage nach der Beziehung des moralischen Urteils zum Han­deln bis in unsere Gegenwart (vgl. meinen Blogbeitrag vom 31.1.18), so lassen sich auf der Grundlage der Argumente, die Sokrates im Dialog Menon anführt, relativ zwang­los drei Positionen identifi­zie­ren. Zum einen kann man von der (not­wendigen) Einheit von moralischem Urteil und Han­deln aus­gehen und annehmen, wer das Gute er­kenne, der folge ihm auch – das ist die Position, die Sokrates und Platon selbst vertreten. Zum anderen kann man von einem (möglichen) Widerspruch von Urteil und Handeln ausgehen und annehmen, wer das Gute er­kenne, der könne auch das genaue Gegen­teil dessen tun, was er er­kenne. Und schließ­lich ist es möglich, eine (kontingente) Gleich­gül­tig­keit im Ver­hältnis von Urteil und Handeln zu unter­stellen und anzunehmen, wer das Gute erkenne, der könne das eine oder auch das andere tun; es hänge von der jeweiligen Situation ab, ob er es oder was er tue.

Ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, in diesen drei Positionen spiegele sich die ge­sam­te Ge­schichte des Verhältnisses von moralischem Urteil und Handeln wider. Aber auffällig ist doch: Die Annahme einer notwendigen Einheit in diesem Verhältnis scheint eine prinzipielle Ten­denz im Den­ken der griechischen Antike zu sein: So behauptet etwa Platon in seinem berühmten Siebten Brief, einem Menschen, der erkannt habe, was das Gute sei, müsse, wenn er es nicht realisiere, „sein Le­ben uner­träg­lich“ wer­den. In der Mo­der­ne sind wir dagegen genau mit dieser Unerträglichkeit, d.h. einer zuneh­menden Wi­der­sprüch­lich­­keit im Verhältnis von moralischem Urteil und Handeln konfron­tiert: Wir wis­sen zwar, was gut ist, z.B. hinsichtlich globaler Menschen­rechte, realisieren es aber in ei­ner diesen Rechten teils direkt oder indirekt widersprechenden Weise. Die Postmo­der­ne wiederum hat da­raus die Konsequenz gezogen, dass es zwar nicht irrelevant sei, ob man das Gute durchsetze oder nicht, aber dass man auch nicht sicher wissen könne, was es sei, und dass daher in ethischen Dis­kur­sen we­der Einheit noch Wi­dersprüchlichkeit als Maß­stä­be irgendeine Gültigkeit bean­spruchen dürf­ten. Vielmehr gäbe es hier eine un­ter­schied­li­che Anzahl gleich gültiger Maßstäbe.

1.1

Die Frage ist aber: In welchem Verhältnis stehen diese drei Positionen zueinander, und zwar so­wohl hi­sto­risch als auch logisch? Historisch lässt sich vielleicht bei aller schon an­ge­spro­che­nen Vor­sicht sa­gen: Es ist kaum denkbar, dass in der Antike die Einheit von mo­ra­li­schem Urteil und Han­deln die Regel war, es also nicht zu Konflikten zwischen the­o­re­ti­scher Einsicht und prakti­schem Handeln kam. Es lastete vielmehr ein extremer Druck auf dem Einzelnen, das einmal gewon­ne­ne Wissen um das Gu­te auch Realität werden zu las­sen. Macht man sich klar, dass das, was man in der Antike kon­kret bzw. inhalt­lich unter dem Guten verstand, sehr oft mit dem übereinstimmte, was auch die öf­fent­­li­che, allge­mein anerkannte Moral von jedem verlangte (das zeigen gerade Sokrates‘ Gesprächs­part­ner in den platonischen Dialogen), wird man Platons Äußerung, jemandem, der er­kannt habe, was das Gute sei, müsse sein Leben uner­träg­lich wer­den, wenn er es nicht umsetze, auch politisch inter­pretieren dürfen: Wer sich der öffentlichen bzw. anerkannten Moral wi­der­setz­te, der konnte auf Dauer kein „gutes“ Leben leben (Diogenes) oder wurde sogar hin­ge­rich­tet (Sokrates).

Ich behaupte nun: Aus der gleichen Unerträglichkeit, der des Widerspruchs, aus der für die Grie­chen der Zwang zur Einheit resultierte, aus der gleichen, aber in der Moderne zur Permanenz ge­wor­denen Un­erträglichkeit ging in der Postmoderne die Gleichgültigkeit her­vor. Mit einer jü­disch-christ­lichen und / oder aufklärerischen Hyper-Moral, die vom Einzelnen verlangte, für den Nächsten und für die All­gemeinheit sich aufzuopfern, musste der Weg zur Ein­heit, auch und gerade für die Allge­meinheit, auf Dauer verbaut sein. Was man auch tat: ob man als Heiliger oder Märtyrer auftrat, ob man als Re­volutionär oder Wi­der­ständ­ler kämpfte oder ob man sich mit dem arrangierte, was war und ist, der Wi­der­spruch zwi­schen dem, was die Menschen einsahen, und dem, was sie taten, blieb, ge­schicht­­lich gesehen, bestehen. Der Widerspruch: zwischen Gott und der Welt, Idea­li­tät und Re­a­li­tät, dem Einzelnen und dem Allgemeinen, war auf Dauer gestellt, das Projekt der Mo­derne, am En­de, ge­schei­tert. Nur die Gleichgültigkeit, so schien es, blieb noch als Aus­weg.

1.2

Wie sieht dieser Ausweg aus? – Da mich hier konkrete, sowohl lebensweltliche als auch po­li­ti­sche Fra­gen in­te­res­sieren, wie sie auch in den frühen, weniger in den späten pla­to­ni­schen Dialogen ge­stellt werden, möchte ich diesen Aus­weg anhand eines Beispiels il­lu­strie­ren: Irgendeine Person, nen­nen wir sie X., ist en­ga­gierter Mitarbeiter eines Rüstungs­konzerns, der Waffen in alle Länder der Welt verkauft. Einige Jahre später könnte X., aus Grün­den, die hier nicht diskutiert werden müssen, politisch aktives Mit­glied einer NGO sein, die sich für ein weltweites Verbot von Waffenverkäufen und Waffenlie­fe­run­gen ein­setzt. Zwar ist es sehr un­wahrscheinlich, dass jemand eine solche Kehrt­wen­de macht, aber un­mög­lich ist es nicht. Unmöglich wäre es vielmehr, wenn X. gleich­zei­tig Waf­fenlobbyist und Pa­zifist wäre. Wir würden dann viel­leicht von einem logisch, mit Sicherheit aber von einem psy­chologisch und / oder ethisch wi­dersprüchlichem Verhalten sprechen wol­len.

Ein Vertreter des postmodernen Gleich­gül­tig­keits­den­kens, nennen wir ihn Y., könnte je­doch be­reits hier Ein­spruch er­heben und behaupten: X. könne sich sehr wohl als Pa­zi­fist verstehen und gleichzeitig Waffen­lob­byist sein. Denn immerhin gäbe es die Mög­lich­keit, Waffenhandel mit pazi­fi­sti­schen Ar­gu­menten zu legitimieren, etwa in folgender Wei­se: In vielen Ländern würden Waf­fen zur Frie­denssi­cherung her­gestellt und auch ein­ge­setzt. Zum einen dienten sie der verteidigenden Ab­schre­ckung und könnten so verhindern, dass ein Krieg ausbricht. Zum anderen würden sie ge­le­gent­­lich einge­setzt, um in ei­nem schon ausgebrochenen Krieg die Zivilbevölkerung zu schützen oder mit Gewalt auf die bei­den Kriegsparteien einzuwirken, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. In ei­ner Welt, in der Waffen nun einmal existieren, seien also die beiden prinzipiellen Mög­lich­kei­ten, Waf­fen zu produzieren oder aber nicht zu produzieren, mindestens gleich gültige Mög­lich­kei­ten, frie­dens­be­wahrend bzw. frie­dens­her­stel­lend tätig zu sein.

2

Man sieht allerdings sofort, welchen strategischen Trick hier der Vertreter des post­mo­der­nen Gleich­gültigkeitsdenkens anwendet: Er löst sich vom konkreten menschlichen Bei­spiel (auch ein Fall von Gleichgültig­keit): X. scheint ja nur ein Irgendwer, nur ein Funk­tions­trä­ger zu sein. Es war jedoch in dem Beispiel nicht von ei­nem all­gemeinen ethischen Ar­gument für oder gegen die Pro­duk­tion von Waf­fen die Re­de, sondern von einem Ein­zel­nen, einem indivi­du­el­len Men­schen, der einen Namen hat (X.), und es war gefragt wor­den, ob er gleichzeitig so­wohl Waffenlobbyist als auch Pazi­fist sein kön­ne. Die­se Mög­lich­kei­t aber scheint schon allein dadurch ausge­schlossen, dass der Waf­fen­konzern sel­ber ein – oft arbeitsrechtlich abgesichertes – Interesse daran hat, dass seine Mitar­bei­ter nicht für die Kon­kur­renz tätig sind (wobei die im Beispiel genannte „Konkurrenz“ gerade keine öko­nomische, sondern eine ethische Konkurrenz darstellt). Perfiderweise ist es also gerade das Pro­fitinteresse des Unter­ne­hmens, das seine Mitarbeiter hier zu einem nicht wi­der­sprüch­li­chen Ver­hal­ten zwingt.

Mit dem allgemeinen, übergreifenden Argument, dass die Waffenproduktion auch pa­zi­fi­sti­schen Zielen dienen könne, lösen wir uns also vom konkreten einzelmenschlichen Pro­blem; und das sagt viel da­rüber aus, wie leicht wir, ob nun mit modernen oder post­mo­der­nen Argumenten, immer wie­der bereit sind, die Perspektive des Einzelnen, die not­wen­di­ger­wei­se zur Gesamtperspektive dazu­ge­hört, zu ver­nach­lässigen. Indem wir das Argument auf eine angeblich höhere Ebene der Argumenta­tion heben, die aus­schließlich real exi­stie­ren­de Funktionssysteme im Blick hat (Luhmanns Theorie­form wäre hierfür ein Vorbild), verkennen wir die ethisch-existenzielle Problematik, die sich mit be­ruf­lichen Entschei­dun­gen fast stets verbindet. Platon hatte daher schon allein psycholo­gisch völlig recht, als er in seinem berühmten Siebten Brief behaup­te­te, jemand, der etwas als gut erkannt habe, könne es unmöglich zu­lassen, das Gegenteil von dem zu tun, was er als gut erkannt habe; das Leben müsse ihm „un­er­träglich“ werden (vgl. meinen Blogbeitrag vom 30.1.18).

2.1

Mit Bezug auf einen einzelnen Menschen lässt sich also, wenn die verschiedenen Ebenen der Ar­gu­men­tation noch ir­gend­eine Gültigkeit haben sollten, unmöglich behaupten, je­mand könne, wenn er ernst genommen werden wolle bzw. keine täuschende Absicht habe, gleichzeitig für einen Rü­stungs­konzern und für eine pazifistische NGO tätig sein. Eben deshalb war in dem Bei­spiel davon die Rede gewesen, dass X. allenfalls einige Jahre spä­ter zum aktiven Mitglied einer solchen NGO werden kön­­ne. Die­se zeitliche Spanne vor­aus­ge­setzt – denn die Zeit ist immer ein Argument gegen den Wi­der­­spruch –, ist nun die Fra­ge an den Vertreter des Gleichgültigkeitsdenkens, an Y., eine andere. Sie müsste lauten: Ist der Wechsel, den X. nach einer längeren Phase der Persönlichkeitsverände­rung oder des Gesinnungswandels vorgenommen hat, ethischpolitisch ein gleich gül­tiger Wech­sel? Dass er ethisch-existenziell nicht gleich gültig sein kann, hatte sich ja bereits her­aus­ge­stellt. Al­so wird man jetzt den Blick auf die Veränderung und den Wechsel selbst richten müssen.

Es scheint, die einzig vertretbare Argumentation kann für Y. nur erneut die sein, zu be­to­nen, dass Waffen als friedenssichernde und friedensherstellende Instrumente genutzt werden können. Denn er würde wohl kaum zugeben, dass es ihm ausschließlich darum gehe, mit Waffen Geld zu ver­dienen bzw. dass es nicht nur ihm, sondern generell völlig gleich gültig sei, womit jemand in einer de­mokrati­schen Gesellschaft sein Geld verdiene. In diesem Falle würde erneut Sokrates auf den Plan treten und behaupten: Wenn Y. das Gu­te wirklich erkannt haben würde, nämlich dass es un­mög­lich da­rin bestehen kann, den Krieg oder, noch gravierender, das ökonomische Geschäft mit dem Krieg zu le­gi­ti­mie­ren, müsste er, wenn er nicht, wie X., zum Pazifist werden wolle, sich als Waf­fen­lob­by­ist ent­we­der verleugnen oder aber einen Einwand finden, der derart stark ist, dass er ge­gen die grundsätzliche Einsicht, dass Krieg und insbe­sondere das ökonomische Geschäft mit dem Krieg ethisch verwerflich sind, bestehen kann.

2.2

Was für ein Einwand könnte das sein? Da Waffen Menschen töten und Werte zerstören, kann sich der Einwand, zumindest unter den Vorzeichen der Moderne, nicht direkt gegen den Wert des Frie­dens rich­ten. Das heißt, er müsste sich in irgendeiner Weise der Wert­orien­tierung des Pazifisten an­schlie­ßen und diese zugleich relativieren können. Dies ist möglich, indem er sich einer Differenz be­dient, die auch schon Sokrates kannte: der Diffe­renz zwischen der theoretischen Wertorientierung und der prak­ti­schen Wertrealisierung, also einerseits der Fra­ge nach dem, was ein Wert ist, und an­de­rerseits der, wie man ihn rea­lisiert (vgl. z.B. Laches 190d/e). Denn nun lässt sich behaupten, die Wertorientierung einer Ge­sell­schaft lasse sich gelegentlich nur aufrechterhalten, wenn man Mittel anwende, die ihr nicht entspre­chen. Präziser, die Wertrealisierung müsse gelegentlich der Wert­ori­en­­tie­rung widersprechen, um den Wert, an dem man sich orientiere bzw. eine schon be­ste­hen­de Wert­realität, z.B. Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Frieden etc., zu schützen.

Auch wenn es mir in dieser Blogreihe nicht darum gehen kann, eine solchen Einwand zu wi­der­le­­gen – mir geht es eher um eine Neufassung der Begriffe Idee und Ideal und um ei­ne Legitimation des Ide­als im Verhältnis zur Idee (vgl. die weiteren Blogbeiträge) –, so möchte ich doch festhalten: Wie we­nig die Menschen aus ih­ren ge­schichtlichen Er­fah­run­gen gelernt haben, dass sie mit ihren, die ei­ge­ne Bösartigkeit legiti­mieren­den Argumenten immer noch in der Vorgeschichte verharren, zeigt sich schon al­lein daran, dass die in mei­nem Blogbeitrag vom 30.1.18 dargestellten Gegenargumente des Sokra­tes auch hier grei­fen: Er­stens, es ist ein logischer Widerspruch zu behaupten, das Schlechte, in die­sem Fall der Krieg, sei gut, weil er friedensichernd oder -herstellend sei. Das heißt, wenn die Wert­­re­a­li­sie­rung im Krieg be­steht, widerspricht sie logisch der Wertorientierung. Und zwei­tens, es ist ein ethi­scher Wi­der­spruch, Vernichtungswaffen zu produzieren. Denn auch wenn Waf­fen zu möglichen Ver­tei­digungszwe­cken produziert wer­den, kann doch keiner garantieren, dass sie nicht auch anderweitig eingesetzt wer­den (wie gegenwärtig wieder im Syrien-Krieg deutlich wird).

3

Aber warum konnten und können sich diese, ich meine glasklaren sokratischen Ge­gen­ar­gu­men­te – man­che sprechen vom „sokratischen Rationalismus“ – trotz ihrer Über­zeu­gungskraft den­noch nicht durch­setzen? Warum gibt es nach wie vor Unmengen von Waf­fen auf dem Glo­bus, An­griffskriege und un­schuldige Opfer? Und warum steigt, nach dem jüngsten SIPRI-Bericht, die Zahl der Waffenverkäufe weltweit? Auf diese Fragen (wer sie für naiv hält, sollte sich einem anderen als dem phi­lo­sophischen Diskurs zuwenden) gibt es sicherlich keine einfachen Antworten; aber naheliegend ist: Wir, die Generation X, ha­ben uns entschlossen, die in Rede stehenden Widersprüche logisch zu entschärfen und an­son­sten, ethisch, mit ihnen zu leben: Zum einen unter­schei­den wir, als seien es Schub­la­den, so genannte Hin­sichten. Wertorientierung und Wertrealisierung sind solche Hin­sich­ten. Zwischen ihnen kann es angeblich – Aristoteles ist hier eine gute Referenz – keine Wi­der­sprü­che ge­ben. Und zum anderen weigern wir uns weiterhin, uni­versal, und das heißt global, zu denken: anzuerkennen, dass wir uns zu An­wäl­ten fast schon gleich gültiger Par­ti­ku­lar­in­te­res­sen ma­chen (hier gehen wir in die Ge­ne­ra­ti­on Y über), wenn wir, mit wel­chem Ar­gu­ment auch immer, Waf­fen­ver­käu­fe legitimieren. Denn universal be­deu­ten sie nur eins: die real gewordene Möglichkeit des globalen Krieges.

Mit anderen Worten: Wir, die Generation X, entscheiden uns dazu, die Widersprüche ein­fach ste­hen, bestehen, sein zu lassen. Wir machen sie zur aposteriorischen Regel, zu un­se­rer (modernen) Idee von Geschichte. Und die Generation Y zieht daraus die einzig mög­li­che Konsequenz: Es ist, sagt sie, völlig gleichgültig, weil gleich gül­tig, auf welcher Seite des Widerspruches sich irgendeiner verortet, auf der der Wertorientierung oder der der Wertrealisierung, der Wertidealität oder der Wertreali­tät. Jedes Mittel ist recht, wenn es nur irgendeiner eini­ger­maßen mehrheitsfähigen Vorstellung, einer „Idee“ vom Guten ent­spricht. Darin liegt aber eine Ge­schichtsvergessenheit, die das eigentliche Sig­num der Post­mo­der­ne ist: Sie glaubt, das Kriteri­um der Wahrheit allein aus einem Votum der hier und heu­te Lebenden ableiten zu können – und steigt eben damit aus der Geschichte aus. Denn, um es hier am Ende meines Blogbeitrags kurz zu machen: Die Mehrheit sind nicht die Le­ben­den, die Mehrheit sind die Toten.

Postskriptum I:

Ich möchte, um Missverständnisse zu vermeiden, darauf hinweisen, dass ich nicht eine ide­al­­sprach­­li­che Position beziehe, wie sie etwa Wittgenstein – zu Recht, wie ich meine – kritisiert. Ich ge­he ge­rade nicht davon aus, dass das, was gut ist, einmalig und ab­schlie­ßend definiert werden kann (schon gar nicht durch irgendeine historisch beschränkte Mehrheit). Vielmehr zeigt sich das, was gut ist, im Gebrauch der Begriffe der jeweiligen Personen in ih­rer jeweiligen Zeit: X. hat vor seiner „Wende“ ebenso eine gültige Vor­stel­lung vom Guten, wie er sie nach seiner „Wende“ hat. Aber die beiden Vor­stellungen sind eben nicht, wie ich denke gezeigt zu haben – und darauf beharre ich –, gleich gül­tig. Viel­mehr geht mit der Anerkennung des Frie­dens als des primären Ziels der Politik, ob mit oder ohne Einsatz von Waffen, eine Priorisierung ein­her, die sich nicht um­kehren lässt und die eine ethi­sche Priorisierung darstellt. Wer diese Ungleichgültigkeit – zwischen Wert­ori­en­tie­rung und Wert­re­a­li­sie­rung, Wertidealität und Wertreali­tät leugnet, ist psy­cho­lo­gisch unglaub­würdig, logisch inkonse­quent und ethisch verwirrt. Sokrates, denke ich, würde mir zustimmen.

Postskriptum II:

In der Wochenzeitschrift der Freitag, Nr. 13 vom 29.3.18, schreibt unter dem Titel Auf der Straße zum Krieg der von mir geschätzte Michael Jäger (vgl. Das Verschwinden des So­zi­a­len, hg. v. Chr. Kupke u. B. Brückner, Berlin 2011, S. 175ff): „Beim Ostermarsch sind die Teilnehmerzahlen seit Jahren rückläufig, und auch in diesem Jahr ist kein Aufschwung zu erwarten. Überall Kriege, Kriegsgefahr, ein neues Wettrüsten, atomare Gefahr – und die Re­ak­ti­on bleibt aus! Wichtiger und schlimmer ist aber, dass man überhaupt gar nicht den Eindruck haben kann, es sei eine Vorstellung davon verbreitet, in welchem Augenblick des Weltgeschehens wir uns denn befinden. Wenn kein Bedrohungsszenario in den Köpfen ist, woher soll dann der Widerstand kommen?“

Ich hoffe, meine Leser haben verstanden und verstehen, wenn sie den Artikel von Mi­cha­el Jäger lesen (vgl. hier) , dass ich mit dessen Position vollkommen übereinstimme und hier meine eigene, philosophische Form des Widerstandes formuliere und praktiziere: ge­gen die – ob nun moderne oder postmoderne – Gleichgültigkeit in den Köpfen der Un­tä­ti­gen, aber auch besonders derjenigen Tätigen, die glauben aktiv argumentieren zu können, es gäbe keine Verantwortung, geschweige denn irgendeine Schuld waffenerzeugender De­mo­kra­ti­en an bestehenden Kriegen und der weiter weltweit wachsenden globalen Kriegs­ge­fahr, weil Waffen eben auch friedensherstellende und –bewahrende Funktion hätten (s.o.).

Und noch etwas möchte ich betonen: Es gibt, durchaus auch in meinem eigenen Be­kann­ten­kreis, Einzelne, die sich für eine restriktive Flüchtlingspolitik einsetzen, ohne den Zu­sam­men­hang zwischen Waffenproduktion, andauernden Kriegen und wachsenden Flücht­lings­zah­len näher zu bedenken. Und deshalb gilt auch hier, was Michael Jäger richtig be­schreibt: „Wer wirklich den Krieg ablehnt, der lehnt Kriegsflüchtlinge nicht ab, die seine logische Folge sind. Niemand, der die solidarische Aufnahme von Flüchtlingen verweigert, kann zu einer Friedensbewegung gehören, denn es ist offenkundig, dass er lügt.“ Auch hier plädiere ich also, mit Michael Jäger, für das mindestens intellektuell-tätige Ein­ge­ständ­nis demokratischer, ethischer Mitverantwortlichkeit.

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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