Idee und Ideal – Kleiner Exkurs: Zur Kunst der Emanzipation

Wir hören, was wir sagen. Aber wir sehen nicht, was wir tun. Zwischen dem Sagen und dem Tun, un­serer Sprache und unserem Handeln herrscht eine Asym­me­trie: Das Sagen zeichnet eine unmittelbare Selbstreflexivität aus, insofern wir das, was wir sagen, auch hören. Bei Lacan heißt es einmal: Wir können, will- oder unwill­kürlich, unsere Au­gen, aber nicht unsere Ohren verschließen. Wer Oh­ren hat zu hö­ren, der hört auch. Aber wir sind zunächst blind, was unser eigenes Handeln betrifft. Um es zu sehen, müssen wir in einem eigenständig zu initiierenden Akt auf es Bezug nehmen. Wir müs­sen, weil es hinter unserem Rücken geschieht, es ausdrücklich – vermittelnd, selbstreflexivvor uns brin­gen.

Mit dem Verhältnis von Wertorientierung und Wertrealisierung steht es ähnlich: Was wir, an Werten orientiert, sagen, ist von Werten getragen, von Werten durchdrungen – wenn wir denn, wo­von ich ausgehe, Ohren haben zu hören. Aber ist auch unser Tun von Werten ge­tra­gen, von Werten durchdrungen? Sind die Wer­­te, an de­nen wir uns orientieren, auch die, die wir – das heißt, durch die wir sie – realisieren? Gäbe es nicht jene Asymmetrie zwi­schen der Reflexivität unserer Sprache und der Irreflexivität unseres Handelns wür­de sich die Frage nicht so hartnäckig stellen, wie sie sich seit den Anfängen der Philosophie immer wieder stellt.

Offenbar stoßen wir hier, wie es Weizsäcker formuliert hat, „auf das uralte mora­li­sche Pro­blem von Zweck und Mitteln“ (vgl. meinen Blog­bei­trag vom 21.5.18). Aber es scheint mir sinnvoller, die ethische Frage nicht vorschnell in Zweck-Mittel-Katego­rien zu stel­len, weil es in dieser Frage nicht aus­schließ­lich und sogar nur gelegentlich um Zweck-Mittel-Re­la­ti­o­nen geht. Dass wir diese Frage mittlerweile, in der post­moder­nen Moderne, der­art in­strumentell formulieren, stellt viel­mehr selbst ein Problem im Verhält­nis von Wert­re­a­li­sie­rung und Wertori­entierung dar. Kurz: Die instrumentelle Vernunft ist heu­te zum zen­tra­len Mittel der Wert­re­a­lisierung geworden und steht damit nicht selten selbst im Wi­der­spruch zu einer bestimmten Form von Wertorientierung.

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Vor gut vier Wochen, vom 25. bis zum 27. Mai, fand in Berlin, im Haus der Kulturen der Welt und in der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Berlin, eine internationale Ta­gung zum Thema „Eman­zi­pa­ti­on“ statt (vgl. die kor­re­spon­die­ren­de Site www.criticaltheoryinberlin.de/emanzipation). Es schien nicht so, als ob dabei irgendeiner der Or­ga­ni­sa­to­ren oder Be­tei­lig­ten den möglichen Kontrast zwi­schen Wert­ori­en­tie­rung und Wertrealisierung im Blick hatte, der bei einem solchen Thema, dem der Emanzipa­ti­on, eigentlich im Blick sein sollte. Und insofern waren die Organisa­to­ren und Beteiligten zwar nicht taub ge­gen­über dem, was sie sagten – sie sagten es in durchaus elo­quen­ter Weise –, aber doch blind gegenüber dem, was sie dabei taten.

Das wurde schon am Anfang der Veranstaltung deutlich, als einige Studentenvertre­ter das Po­dium okkupierten und darauf hinwiesen, dass Tagungen dieser Art ohne Mitarbeit stu­den­ti­scher Hilfs­kräf­te nie­mals stattfinden könnten, sich aber die Ver­antwortlichen seit Jahren sowohl gegen eine Ver­bes­­se­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen als auch gegen eine An­glei­chung der studentischen Bezüge sperr­ten. In den da­rauf folgenden Grußworten ver­mie­den es dann die Präsidentin der Humboldt-Uni­ver­sität Berlin, Sa­bine Kunst, und die Vizepräsidentin der Technischen Universität Ber­lin, Angela Ittel, nicht, ledig­lich da­rauf hin­zuweisen, dass sie sich zu dem Thema nicht äußern würden, „da wir uns hier nicht in Ta­rifverhandlungen befinden“, um dann frisch-fromm-fröhlich-frei zur Tages­ord­nung zurück­zukehren.

Etwas geschickter fiel kurz darauf die Reaktion der beiden Haupt­­ver­­ant­wort­li­chen für die Organisation und Konzeption der Tagung, Sabine Hark und Rahel Jaeggi, aus. Eilig hatten sie, während die beiden Präsidentinnen noch sprachen und sich bla­mierten, die Na­men al­ler studentischen Mitarbeiter zusammengetragen – oder wahr­scheinlicher: zu­sam­men­tra­gen las­sen –, um sich nun bei jedem einzelnen von ihnen namentlich zu bedanken. Kein Wort jedoch verlo­ren sie über die eigentliche For­de­rung, um die es ging, noch ließen sie – die Exponentinnen der Neu­en Kri­tischen The­orie – sich dazu hinreißen, sich mit den For­de­run­gen der Aktivisten solidarisch zu erklären.

So geht man also im Jahre 2018, fünfzig Jahre nach der 68er Studentenbewegung (vgl. mei­nen Blog­beitrag vom 21.5.18), mit einem sehr einfachen, nur all­zu berechtig­ten po­li­ti­schen Anliegen studentischer Mitarbeiter um. Man departementalisiert den Geist in sei­ne bürokratischen Schubladen und wählt mit der Ver­ta­gung des Themas, respektive der Ver­le­gung der not­wen­digen Diskussion hinter ver­schlos­sene Tü­ren die bequemste aller bür­ger­li­chen Strate­gien: die, einen so genannten „symboli­schen Obolus“ zu zahlen, den Mit­ar­bei­tern seine „symbolische An­erken­nung“ aus­zuspre­chen, aber sich ansonsten nicht in die sorg­sam gehüteten institutspoli­ti­schen Karten schau­en zu lassen.

*

Wo die Trennung zwischen Sagen und Tun, Sprechen und Handeln so offensichtlich ist wie in der Frage der ökonomischen Bedingungen – denn über diese, die Basis ihrer gei­sti­gen Arbeit bestimmen linke Intellektuelle trotz ihrer Bemühungen seit 68 im­mer noch nicht –, mag man für die Unbeholfenheit, die Hark und Jaeggi hier an den Tag leg­ten, noch ein gewisses Ver­ständ­nis ha­ben. Wo aber das Sagen als Tun und das Spre­chen als Handeln, also der performative Charak­ter der Spra­che in den Vorder­grund rückt, auf dem ureigenen Feld der Intellektuellen selbst, da zeigt sich letzt­lich das gesamte Aus­maß der Misere, mit der die Akteure eines „Marschs durch die In­stitutio­nen“ auch heute noch – und immer wieder – zu kämpfen haben: Sie können dem, was sie sagen bzw. be­haupten, keine eigene materielle Basis verschaffen, sprich: nicht die dem Ge­sag­ten / Behaupteten ent­spre­chen­den Werte und daraus hervorgehenden Ansprüche auch realisieren.

Was behaupten sie denn? Sie behaupten erstens, und zwar zurecht: Emanzipation sei ein so­zi­a­ler, das gesamte Leben umfassender Prozess. Um diese Trivialität bzw. Selbst­ver­ständ­lich­keit zu un­ter­mauern, hatte sich Rahel Jaeggi sogar der Mühe un­terzogen, noch einmal in den Schriften Hans-Jür­gen Krahls nach­zu­schlagen, um aus ihnen – immerhin – einige Worte zu zitieren. Aber kommen Jaeg­gi, die Organisato­ren und Refe­renten der Wertorientierung dieser intel­lek­tuellen Trivialität auch nach? Mitnichten. Als sei eine Ta­gung kein sozialer Akt, als ge­höre sie nicht zum Lebenszu­sammenhang von Men­schen ver­ur­teil­ten sie ihr Pub­likum in der Auftaktveranstal­tung geschlagene drei Stunden zum Schweigen, um am Ende darauf hinzuweisen, die Zeit sei schon derart weit fortgeschritten, dass man nun nur noch – „aber bitten fas­sen Sie sich kurz“ – wenige Nachfragen zum The­ma zu­las­sen würde.

Zweitens behaupten sie, und zwar ebenfalls zurecht: Emanzipation sei ein partizipati­ver, sich durch ein  ge­meinsames Handeln auszeichnender Prozess. Das ist nicht minder tri­vi­al, aber von Par­tizipati­on, sprich von partizipativen Arbeitsfor­men, konnte während der gesamten Tagung nicht einmal im Ansatz die Rede sein. Die Kolloquien, in denen man un­ter- und miteinander, vor allem mit dem Pub­likum, hätte disku­tieren können, mutier­ten zu Vor­tragsmarathons, in denen die Stars der Szene und ihre Adepten (Ben­ha­bib, Brown, Brum­lik, Eri­bon, Fraser, Mouffe, Rosa etc.) fleißig vor sich hin monologisierten und mo­na­di­sier­ten. Mit­ein­ander diskutie­ren? Das Publikum einbeziehen? Gemeinsame Konzepte erarbeiten? No way. Daran hatte hier, auf der Speerspitze der linken intellektuellen Be­we­gung, kaum einer Inte­resse.

Drittens behaupten die Speerspitzenträger dieser Bewegung, ebenfalls zurecht: Eman­zi­pa­ti­on sei ein selbstreflexiver, ge­rade auch die eige­nen Unfreiheiten einschlie­ßender Pro­zess. Eine dieser Unfreiheiten oder Quälereien ist das Korsett des „akademischen Dau­er­vor­trags“, in dem eine Hydra aus monadischen Köpfen mittels einer zum Monolog ver­dich­teten Fachsprachlichkeit ein Publikum mit Einsichten torpe­diert, die es erstickt, so dass ein Dialog nicht mehr möglich ist. Eman­zipation von den altuniversitären, alt­ba­cke­nen, das Denken einengenden Formen der „Wis­sens“- und „Einsichtsvermitt­lung“? Von solcher Emanzipation war auf dieser Tagung nichts zu spü­ren.

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Wertorientierung und Wertrealisierung standen also auch hier, auf dieser Tagung, im Ge­gen­satz, wenn nicht im Wider­spruch zueinander. Und es ging auf ihr eben nicht um „das uralte mora­li­sche Problem von Zweck und Mitteln“ (Weizsäcker), sondern schlicht um das, was man intellektuelle Glaubwürdigkeit nennen könnte: Sozialität, Partizipation und Selbstreflexivität, man kann – und muss – sie im Munde führen. Sie sind zu Trivialitäten gewordene Ideen unseres Diskurses; man kann sie nicht nicht kommunizieren. Aber wie kann man ihnen, statt sie nur zu kommunizieren, auch Raum geben, um glaubwürdig zu bleiben? Mit welchen Idealen will man diesen Ideen ihre das Han­deln blo­ckierende Main­stream-Selbstverständlichkeit neh­men?

Das ist die Frage der Kunst der Emanzipation, der sich niemand der Beteiligten stellte. Kunst? Was ha­ben sie, diese Sozialtheoretiker und Philosophiewissenschaft­ler, mit Kunst zu schaffen? Oder mit Idealen? Die Agenten der Neuen Kritischen Theorie haben keine; zumindest keine, die sie verlauten lassen. Sie haben nur Ideen. Sie er­gehen sich in deren Aus­ein­an­der­fal­tung und arbeiten sich an Minimal­dif­feren­zen ab: an kleinen nar­zisstischen Un­­ter­schie­den, die sie zu einem Un­ter­schied ums Gan­ze aufblasen, um sodann, gefan­gen in dieser ihrer Blase, fortan mit sich selber zu spre­chen und nur noch das zu hören – die Neuen Sozialen Medien lassen grüßen –, was in sie gehört.

Bestes Beispiel für solche Blasiertheit war in der Auftaktveranstaltung die Reaktion von Sey­la Ben­ha­bib auf die Intervention von Didier Eribon: Eribon hatte über die Gewalt in der heutigen in­stitutionel­len Pflege al­ter Menschen gesprochen: Gewalt, die geeignet sei, das Vertrauen in den Sozialstaat und die De­mo­­kratie zugunsten von Po­pu­li­sten, sprich des Front National zu un­ter­gra­ben. Und er hatte den klei­nen, aber feinen Feh­ler begangen, das als ein Problem der Repräsen­ta­tion aufzuwerfen: „Who speaks for the elder people? Who speaks for those who can’t speak?“ „Lie­ber Di­di, fal­sche Schub­la­de!“, rief da ober­leh­rer­haft Sey­la Benhabib: „We’re not talking about repre­sen­ta­ti­on, we’re talking about emancipa­tion.“ Da wirft je­mand ein ernsthaftes Problem unserer Ge­sell­schaft auf, und ihm wird beschieden, er habe leider das Thema verfehlt? Liebe Seyla Benhabib, wie spie­ßig ist das denn?

Noch ein Beispiel für solche Blasiertheit: Chantal Mouffes Vortrag in der Ver­an­stal­­tung „Emanzipationsbewegungen und soziale Kämpfe“. Als säße sie in einem Rund­funktsende­studio und nicht vor achthundert lebenden Men­schen, trötete Mouffe in ih­rem un­ver­schämt und fahr­läs­sig schlechten Englisch politisch heiße Luft in den Raum, die mit dem Titel der Veranstal­tung in kei­nem Zusammenhang stand; außer dass Mouffe be­flis­sen „die Leute da drau­ßen“ lobte, „die gerade gegen die AFD de­monstrie­ren“. Sie selbst faselte nur vor sich hin. Und wollte man ein­wen­den, dass ja auch das Sagen ein Tun und das Spre­chen ein Handeln sei (s.o.), so wird man sich angesichts des Blablas der Performance-The­o­rie doch fragen dür­fen: Zog auf der Ta­gung daraus irgendjemand ir­gend­eine – per­for­ma­ti­ve – Konsequenz? Übte man sich in irgendeiner – performativen – Kunst zu­min­dest sprach­li­cher und / oder organisatori­scher Emanzipation? Aber nicht doch! Woher denn?

***

Sie hören, was sie sa­gen. Aber sie sehen nicht, was sie tun. Aber vor allem hören sie nicht (mehr) zu und sehen nicht (mehr) hin. Wenn sie es täten, würde ihnen aufge­hen, dass all diese Trivialitäten, die sie im Munde führen, nur nach einem ver­langen: nach Ne­ga­ti­vie­rung, und nicht nach im­mer neuen, einschläfern­den Beschwö­rungen, die ihnen die Glaub­wür­dig­keit rauben. Ihnen sind Inter­sub­jek­ti­vi­­tät, Sozialität, Re­flexi­vi­tät und Partizipation gleichsam zu platonischen Ideen ge­wor­den, deren Realität angeblich kei­ner bezwei­feln kann. Sie sind für sie Po­si­ti­vi­tä­ten. Die da­raus überhaupt erst zu konstruie­renden Ide­a­le oder ihnen entge­gen­zusetzenden Negativitäten kennen sie nicht oder wollen sie nicht kennen.

Dass wir nicht nicht intersubjektive, soziale Wesen sein können: dass mit der Idee der So­zi­a­li­tät viel­mehr die Gefahr verbunden sein könnte, sich mit ihr zu begnügen; dass wir nicht nicht reflektieren kön­nen: dass mit der Idee der Reflexivität viel­mehr die Gefahr verbunden sein könnte, nie über sie hin­auszu­kom­men; dass wir nicht nicht partizipieren können: dass mit der Idee der Partizipation vielmehr die Ge­fahr verbun­den sein könnte, in der Teil­habe zu versinken  (Le­vi­nas; vgl. a. meinen Beitrag zum Kunstforum Bd. 240, S. 56ff), – aus all dem zieht die heutige Kri­tische Theorie nicht den Schluss, dass es nicht ausreicht, diese Tri­vi­a­li­tä­ten ein­zufordern. Denn wie können wir etwas einfordern, dessen Transzendentalität nicht zu leugnen ist? Z.B.: Kennt jemand ir­gendei­nen Menschen, der kein inter­sub­jek­ti­ves, kein sozia­les Wesen ist? Ein solcher Mensch ist mir noch nicht un­ter­ge­kom­men.

Nicht das Was, der Sinn der Wertorientierung ist hier das Entscheidende, sondern das Wie, die Art ihrer Reali­sierung. Über die Bedeutung von Intersubjektivi­tät, Soziali­tät, Par­ti­zi­­pa­­ti­­on etc. lässt sich nur noch im Sinne wissenschaftlicher Minimaldifferenziertheit strei­ten. Aber wie sollten Intersub­jek­ti­vi­tät, Sozialität, Parti­zi­pa­tion jenseits ihrer Selbst­verständlichkeit prak­ti­ziert werden? Worin besteht die Kunst der Inter­sub­jektivität? Vielleicht darin, ein Indivi­duum, ein einzelner, eigensinniger Mensch zu werden? Worin besteht die Kunst der Sozialität? Viel­leicht darin, ein ge­wis­­ses Maß an Asozialität leben zu kön­nen? Worin be­steht die Kunst der Par­tizipation? Vielleicht darin, sich der Partizipation zu verweigern? Usw. usf. Die Kunst der Eman­zi­pa­ti­on verweist auf zwei weitere Künste: zurück auf die Kunst der Dialektik und voraus auf die Kunst des Wi­der­stands.

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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