Idee und Ideal #9. Die philosophische Perspektive

„Die Philosophie tritt als der sich abscheidende Geist hervor. Wenn sie grau auf grau gemalt, dann ist die Scheidung an Leib und Seele ergangen.“ (He­gel) Dann ist sie zum Gespenst ge­worden.

Vor ein paar Tagen habe ich meinen schon länger, seit dem 26.7., angekündigten Blog­bei­trag zu den logischen Grundlagen der Ethik bzw. der Differenz von Idee und Ideal gepostet und ihn heute um ein Postskriptum erweitert (siehe unten).

Ich bit­te meine Le­ser und Follower, die Verzögerung zu entschuldigen: In den letzten Wo­chen und Mona­ten galt ein Großteil mei­ner Zeit einem Thema, das erst vor kurzem in den Fokus meiner Auf­merk­sam­keit gerückt ist: der Ver­mittlung einer ethischen Grundhaltung in der profes­sio­nel­len Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern. Die Frage lautete: „Wollen wir, und wenn ja, wie kön­nen wir mit Kindern philosophieren?“

Dieses Thema, das in den letzten Jahren aufgrund einer zunehmenden Päda­go­gi­sie­rung al­ler nur mög­lichen Lebensbereiche – der ich, wie meine Leser wissen, kritisch ge­gen­­über­ste­he – zu einem Mo­dethema geworden ist, dieses Thema in einer Weise anzugehen, die einer­seits der lan­gen Tra­di­tion, der Komplexität und dem Ernst der Philosophie, aber an­de­rer­­seits auch den le­bensweltlichen Bedürfnissen und Fragen, dem Ernst von Kindern und Jugendlichen entspricht, war eine Heraus­for­de­rung für mich.

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Diese Herausforderung hat, wenn ich mich so ausdrücken kann,  die „zweite Säule“ meines philoso­phi­schen Engagements, die seit ca. 2004 besteht und die ich 2011 zu meinem Beruf gemacht habe (vgl. Biographie), in entscheidender Weise gestärkt – neben zwei weiteren Säu­len: der „ersten Säu­le“, mei­ner philoso­phi­schen Publikationstätigkeit, die ich Mitte der 80er Jahre begonnen habe (vgl. Bibliogra­phie), und der „dritten Säule“, meiner Blog­ar­beit, die ich seit Juni 2012 betreibe.

Fakt ist: Ich lerne / wir lernen nie aus, ich / wir können nicht nicht lernen. Aber das ist tri­vial: das Lernen ist eine ontologische Idee, nicht mehr und nicht weniger. Aber wie steht es um das, was gravial ist: das Ideal, das ethische Ideal des Lernens? Wir können noch so viel forschen, wie Men­schen „so im Allge­meinen“ lernen (Badura, Hurrelmann), wie Men­schen sich „so im Allgemeinen“ entwickeln (Kohlberg, Piaget), weder wissen wir re­tro­spek­tiv, wie je der / jeder Einzelne gelernt und sich entwickelt hat, noch können wir pro­spek­tiv bestimmen, was je ein Einzelner lernt. Könnten wir es, wäre unsere Macht gren­zen­los. Ein erschreckender Gedanke.

Die Wissenschaft ist stets differenzenverschleifend (ich hätte schon fast geschrieben: ver­gleich­gül­­ti­­gend), man könnte, wenn man das überhaupt sagen kann, behaupten: ihr Ideal – hat sie ein Ideal und nicht nur Ideen, den Kopf voller Ideen? – ist die Allgemein­heit. Das philosophische Ideal sollte aber die Ein­zel­heit, die Indi­vi­dualität, die spe­zifische Differenz gegenüber der Allge­meinheit sein, das, was dem Allge­meinen Wi­der­stand leistet, das, was der Nacht, in der alle Kühe grau sind, Farbe verleiht.

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Nehmen wir Hannah Arendt. Was habe ich der Nacht ihrer Texte entnommen, was habe ich von ih­nen gelernt? Als Wissenschaftler, der am Allgemeinen in­teressiert ist, als Kultur- und Philosophie­wis­sen­schaftler, der ich auch bin, eine Menge. Doch als Philosoph? Wenig.

Das korrespondiert – erstaunlich genug – mit einer Selbsterkenntnis, die Arendt im Fe­rn­seh­ge­spräch mit Günter Gaus einmal so formuliert hat: „daß ich keine Philosophin bin“. Das bedeutet, Arendt hat die von mir in meinem letzten Blogbeitrag monierte abstrakte Trennung von Philosophie und Politik tatsächlich derart weit getrieben, dass sie sagen kann: „Ich gehöre nicht in den Kreis der Philosophen. Mein Beruf (…) ist politische The­o­rie.“ (Ich will ver­ste­hen, München 1996, S. 46)

Aber wer oder was gehört denn für Arendt in den Kreis der Philosophie? In ihrer Vor­le­sung Über das Böse heißt es einmal mit Bezug auf Nietzsches Philosophie: „ (…) wenn denn diese höchst erstaun­li­che An­häufung von Fragen und Problemen und das ständige Experimentieren mit ihnen, bei dem nie­mals ein unzweideutiges Ergebnis zurückbleibt [wie es in Nietzsches Philosophie der Fall ist, C.K.], Philoso­phie genannt werden kann.“ (a.a.O., S. 135)

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Philosophie kann also diesem, von Nietzsche revolutionierten klassischen Verständnis zufolge keine blo­ße Anhäufung von Fragen und Problemen und auch nicht das ständige Experimentieren mit ihnen sein, so dass am Ende stets ein zweideutiges Ergebnis zu­rück­bleibt. Philosophie muss vielmehr auf die Fragen, die sie stellt, Antworten formulieren und für Probleme, mit denen sie sich beschäftigt, unzwei­deu­tige Lösungen finden.

Aber ist das nicht genau das, was sich bei Arendt im höchsten Maße ausgeprägt findet: ein Denken, das sich einem überschaubaren Set von Fragen und Problemen widmet und sich niemals nur mit zwei­deutigen Ergebnissen zufrieden gibt? Und ist Arendt nicht gerade des­halb – hier und heute – eine vor­bildliche Philoso­phin? Eine Vorzeigephilosophin, wie sie in keinem Buche steht?

Hannah Arendt ist in aller Theoretiker Munde, und zwar genau deshalb. In einer Welt der Be­trach­tungs- bzw. Mei­nungs­mög­lich­kei­ten­über­for­de­rung, in der Bücher und ihre Tra­di­ti­o­nen nur noch eine untergeord­ne­te Rolle spielen, in der „Deine Meinung“, nicht ir­gend­ei­ne „anonyme Wahrheit“, „Dei­ne Rhetorik“ und nicht „die Dia­lektik“ gefragt ist, liefert sie uns klare Ergebnisse, mit denen sich zwar nicht philo­so­phisch (s.o.), aber doch poli­tisch etwas an­fangen lässt.

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Warum lässt sich mit diesen Ergebnissen nicht philosophisch arbeiten? Weil sie zwar klar scheinen, aber alles andere als klar sind. Sobald man sie in einen größeren, integralen Zu­sam­men­hang stellt, sobald man die „Schubladen“ hinterfragt, aus denen sie stammen: Recht vs. Moral, Poli­tik vs. Philo­so­phie, Han­deln vs. Den­ken, Dia­log vs. Mono­log, Mei­nung vs. Wahrheit, Rhetorik vs. Dialektik etc., zer­fallen sie zu Staub wie Blätter eines lange gefällten Baumes.

Es gibt keine Philosophie ohne den Blick auf das Ganze. Wer den Binarismus nicht re­flek­tiert, die binären Kategorien nicht in ihrem integralen, oft implementären Zusammenhang denkt, wer also, könnte man populärphilosophisch sagen, nicht dialektisch denkt, denkt un­phi­lo­so­phisch. Und Arendt ist, wenn ich mich nicht irre, Anti-Dia­lek­ti­kerin par ex­cel­len­ce.

Als Philosoph kann man also, ich wiederhole es noch einmal, „wenig“ von Arendt lernen. Aber dieses „we­nig“ ist „viel“, denn wenn ich dieses „wenig“ meiner Lektüre durchdenke, philosophisch negati­vie­re, wird es in ei­ner Ver­fär­bung, die die Wissenschaft nicht kennt, da sie einer Verfälschung gleich­kommt, zu „viel“. Es ist diese Ver­färbung – viel Farbe –, die, so eigentümlich das klingt, das Ideal mei­ner Texte ist.

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Nehmen wir Peter Handke. Dieser in allen stilistischen Farben und Genres bewanderte Schriftstel­ler gab vor kurzem der Wochenzeitung der Freitag ein umfangreiches, über drei volle Zeitungsseiten ge­hendes Interview (vgl. Nr. 34 v. 23.8.18, S. 15-17), das mit großer Authentizität das lebendige Den­ken eines Man­nes zeigt ­– die im Interview gespro­che­ne Sprache scheint nachträglich kaum redigiert worden zu sein –, wie es einzigartiger kaum sein kann und selten einmal auf der Welt vorkommen mag.

Das Denken eines Mannes, eines Menschen, nicht diesen Mann, diesen Menschen selbst. Denn als Menschen sind wir alle einzigartig, das macht unsere primäre Würde aus, kraft derer wir unveräu­ßer­­liche Rechte und Pflichten gegeneinander haben. Aber das Denken, das wir alle unterschiedlich und selten einmalig ausbilden, die­ses Denken, kraft dessen wir eine sekundäre Würde ausbilden, ist es, was im Austausch freier und gleicher Men­schen das Entscheidende ist.

Dieses Denken tritt in dem Interview mit solcher Macht und Leidenschaft hervor, dass man erstaunt ist über jene, die mit Hannah Arendt behaupten, in der Öffentlichkeit re­giere das Handeln, das Den­ken dagegen ziehe sich in die Einsamkeit zurück, oder in der Politik komme es auf Meinungen an, nicht auf Wahrheiten. Was Handke hier sagt und zeigt, ist das – zugegebenermaßen seltene – Ge­gen­teil von dem, was Arendt in fast all ihren Tex­ten behauptet (außer vielleicht in manchen Winkeln ihrer Apologie der Plu­ra­lität).

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Handke wird gefragt: „In der Stadt wollen sie nicht wohnen?“ Und er antwortet: „Nie mehr! Man muss sich da immer entschuldigen, dass man lärmempfindlich ist. Es sollten sich eher die entschul­digen, die nicht lärmempfindlich sind. Das sind keine Menschen für mich.“ (S. 15 Sp. 2) Das sind alles andere als Menschen; es sind post-humane Geschöpfe, die vom Schreiben, das die Stille braucht, nie­mals gehört oder es längst vergessen haben.

Handke wird – in bodenloser Naivität – gefragt: „Hatten Sie einmal das Gefühl, Sie hätten jetzt alles geschrieben, was Sie schrei­ben wollten?“ Und er antwortet: „Nein, nein, ich sag Ihnen einen Satz von gestern, den ich mir ge­dacht habe: ‚Ich hab nichts zu sagen‘. Men­schen, die nichts zu sagen haben, haben bis ans Ende ihres Lebens etwas zu schreiben.“ (S. 17 Sp. 2).

Und zu guter Letzt: „Geht die Leute es etwas an, welche Sexualität einer hat? Ob jemand schwul ist oder lesbisch?“ – „Was sollen diese Definitionen? (…) ‚Homosexuell‘, das ist doch lächerlich. Soll ich denn sagen ‚Ich bin heterosexuell‘? Das ist völlig irrwitzig, dieser Missbrauch der Sprache.“ (S. 16 Sp. 3) – ein Missbrauch, der schon in der Frage selber steckte.

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Man muss die darin – in allem Gesagten und hier Zitierten – enthaltenen Konnotationen nicht tei­len (so weit kann man Pluralist sein). Aber alles, was Handke hier sagt, das Zi­tier­te selbst, ist wahr. Wahr in einem spezifischen Sinne, den nur die Philosophen kennen und den Hannah Arendt mit ihrem Hinweis auf den angeblichen ab­so­­lu­ten Wahr­heits­an­spruch philosophischer Wahrheit (vgl. Wahrheit und Lüge in der Politik, Mün­chen 1987, S. 59) in spektakulärer Weise verfehlt.

Natürlich kann man behaupten, wir müssten alle miteinander auskommen können: Lärm­empfindliche ebenso wie Lärmunempfindliche – als ob die Unempfindlichkeit gegen Lärm eine Naturtatsache sei. Und natürlich kann man sagen: wer nichts zu sagen hat, der hat auch oder erst recht nichts zu schrei­ben – als ob es das Wichtigste wäre, etwas zu sagen zu haben. Und sicher ist es nicht verboten oder anrüchig zu sagen, welche sexuelle Orien­tie­rung man hat – als ob man ist, was man hat.

Aber das ist derart allgemein, dass es unwahr ist. Das Allgemeine ist das Unwahre. Nur das Indivi­du­ell­e ist und kann wahr sein. Denn wahr ist, dass es keine Schubladen geben muss und dass der ein geseg­ne­ter Mensch ist, der keine kennt. „Ich habe keine Schub­la­de“, sagt Handke (S. 17 Sp. 2). Ich weiß nicht, ob er eine hat oder nicht – ich würde es bezwei­feln. Jeder hat eine. Auch ich. Aber die Philosophie, weil sie nichts zu sagen hat, kennt sie nicht, will sie nicht kennen. Das ist ihr Ideal.

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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