Idee und Ideal #10 – Schlusspunkt / Ende / Aus (Selbstkritik)

Ich setze hier einen Schlusspunkt unter meine – alles in allem gescheiterte – Analyse des Ver­hält­nis­ses von Idee und Ideal. Woran ist diese Analyse gescheitert? Erstens, an der Im­plau­si­bi­li­tät meines Ver­ständnisses von Idee? Zweitens, an der Klassizität meines Ver­ständ­nis­ses von Ideal? Drittens, an der Komplexität und / oder Diffusität ihrer möglichen Anwendungsszenarien? Oder viertens, an ei­ner Vorgehensweise, die nicht methodisch, nicht wissenschaftlich genug war?

***

Um es, in jeweils einem Absatz für jede Fra­ge, kurz zu machen:

  1. Ja, diese Idee der Idee hatte etwas Kontraintuitives, vielleicht sogar Kon­tra­pro­duk­ti­ves. Kontra­in­tu­i­tiv war sie, weil heute jeder unter einer Idee etwas Theoretisches: eine projektive Vorstellung, ei­nen projektiven Gedanken versteht (etwa die Idee eines Tex­tes / für einen Text, eines Kunst­werks / für ein Kunstwerk oder z.B. auch einer Idee / für eine Idee). Das heißt, keiner verbindet damit mehr das, was Platon einmal damit verbunden hat: die Objektivität oder Allgemeinheit einer Regel, der sich kein Diskurs, kein Denkvorgang entziehen kann. Und kontraproduktiv war sie, weil der Status die­ser Regel unklar geblieben ist: Handelt es sich bei ihr um eine empirisch-historische, kon­zep­ti­o­nell-begriffliche oder ideell-trans­zendentale Regel? Oder übergreift die Idee – Stichwort „historisches Apriori“ – solche Unterschiede? Wenn man also Platon heute wieder stark machen will, handelt man sich gelegentlich nicht nur Gelächter, sondern auch eine Menge diskursiver Probleme ein.
  2. Wahrscheinlich holt man aber heute auch keinen Menschen mehr mit einer Ideal-Vor­stel­lung – z.B. vom Ideal – hinter dem ideellen Ofen hervor. Nachdem Ideale als Ideale – von Lacan und einigen seiner Adepten – vollständig dekonstruiert wurden, war es auf einmal, jedenfalls für mich, schwer, noch von irgendeinem Ideal zu reden: Jedes Ideal war verdächtig. Das war zunächst, im Sinne einer heuristischen Ethik, auch gut so. Aber diese allgemeine Dekon­struk­tion hatte zugleich etwas Absur­des, denn sie war elitär: Teil eines Denkens von oben statt von unten. Sind wirklich alle Ideale ver­däch­tig? Und wenn ja, würde man damit nicht die Schranke von Sein und Sollen vollständig einrei­ßen bzw. die Dif­ferenz von Idee und Ideal kassieren? Dann könnte man ja noch nicht einmal mehr das Ideal (gehabt) haben, Ideale abzuschaffen… Und das hieße ja wohl: eine – utopische – Welt zu schaffen, in der keine Ideale mehr notwendig wären.
  3. Die Anwendungsszenarien, die ich vor Augen hatte, waren in der Tat ein wenig diffus. Auf der einen Seite ging es um den – utilitaristischen – Widerspruch von Krieg und Frie­den: Wir erhalten, etwas zuge­spitzt formuliert, den Frieden, indem wir Krieg füh­ren. Ich habe das unter die Idee der Moderne gerechnet. Einfacher gesagt: Der Uti­li­ta­ris­mus ist der Kern dieser Idee. Auf der anderen Sei­te Eich­mann: Hier ging es weniger um Widersprüchlichkeit als um Gleichgültigkeit, u.z. vor allem um eine Gleichgül­tig­keit dem (modernen) Widerspruch gegenüber. Wenn mich nicht alles täuscht, ist es das, was wieder im Kommen ist: der Rückfall hinter den Widerspruch und damit der Rückfall hinter die Moder­ne. Wir bewegen uns in einer Zeit des Übergangs, in der uns die Unerträglichkeit des Wi­derspruchs in eine Haltung der Gleichgültigkeit treibt. Aber diese zentrale Einsicht, an der ich fest­hal­ten werde, habe ich nicht richtig klar machen können, ist am Ende diffus geblieben.
  4. Wäre der Gedanke klarer und plausibler geworden, wenn ich eine wissenschaftliche Dar­stel­­lungs­­form gewählt hätte, wie ich es in meinen stärker aka­de­misch aus­ge­rich­te­ten Texten getan habe (vgl. Bibliographie)? – Ich wäre, denke ich, überhaupt nicht so weit ge­kommen! Die Diffusität ist am Ende der Preis für ein Mehr an Erkenntnis, viel­leicht dieses Mehr selbst. Denn wie wäre ich vorgegangen: Ich hätte den Ideen-Begriff Platons dargestellt, dann vielleicht den von Kant. Und um den Übergang zu meiner The­se zu finden, hätte ich vielleicht Hegel zitiert. Ich hätte also erst einmal die These ab­geleitet. Aber wie will man das ableiten / nachweisen, wenn es einen Ideen-Begriff voraussetzt, der selber nir­gendwo ableitbar / nachweisbar ist? Mit der Nachweisbarkeit von Thesen macht man sich also im Endeffekt etwas vor, jedenfalls mehr vor, als man halten kann. Diese ganze Idee der Nach­weis­barkeit ist gar keine: es ist mit ihr nichts.

***

Ich halte – trotz allem, widerständig gegen das eigene Scheitern – fest:

  1. Das (ontologische) Nicht-Sagen ist eine Idee, das (ethische) Nein-Sagen ein Ideal: Wir können nicht nicht Nicht-Sagen, aber wir können – das ist Freiheit – Nein-Sagen. Wir können zwar mit dem Spre­­chen aufhören, Nein-Sagen zum Sprechen aber nicht zu spre­chen ist auch ein Sagen, ein Nicht-Sagen. Das Nein-Sagen zeigt sich – not­wen­di­ger­wei­se – als irgendein Nicht (das Ethische muss eine ontologi­sche Signatur haben). Aber das Nicht-Sagen ist nicht notwendigerweise auch ein Nein-Sagen.
  2. Das (ontologische) Nicht-Sagen ist eine transzendentale Regel, ein Gesetz, eine Not­wen­dig­keit un­seres Diskurses, der wir uns als Menschen nicht entziehen können; das nenne ich, anknüpfend an Pla­ton, eine Idee. Diesem Nicht-Sagen, dieser Idee ge­gen­über sind wir unfrei. Im (ethischen) Nein-Sagen dagegen bekundet sich unsere Frei­heit; mit ihr begehren wir auf gegen das, was ist und vor allem, wie es ist; das nenne ich ein Ideal. Dieses Nein-Sagen, dieses Ideal steht uns frei.
  3. Der / die Widerständige bleibt nicht bei Ideen stehen. Ideen, auch und gerade schon immer rea­li­sierte (wir können nicht nicht handeln, wir können nicht nicht denken, wir können nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren; wir können nicht nicht par­tizipieren, wir können nicht nicht Personen sein, wir können nicht nicht inter­subjekti­ve Wesen sein, wir kön­nen nicht nicht Ideen haben usw.), diese Ideen sind nur ein Mini­mum, mit dem wir uns nicht zufrieden geben können.
  4. Regeln, Gesetze, Transzendentalien, Paradigmen etc. pp., empirisch-historisch, kon­zep­ti­o­nell-be­griff­lich oder ideell transzendental – all das und noch viel mehr, was die Philosophen so sehr be­wegt, kön­nen die Wissenschaftler und unter ihnen insbesondere die Philosophie­wissenschaftler immer wie­der gut beschreiben und er­for­schen. Und sie wissen auch: das kommt – im­mer mal wie­der, wenn es gut läuft – auf den Müll­hau­fen der Geschichte.

Und wenn es schlecht läuft? Dann ersticken wir daran.

Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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