Nach zwanzig Jahren (Jubiläum II)

Wie bereits in meinem vorigen Beitrag Vor zehn Jahren (Jubiläum I) vom 12.5. an­ge­kün­digt, veröffentliche ich hier in meinem Blog nun auch den Vortrag, den ich vor einer Wo­che zum zwanzigjährigen Jubiläum der von mir 1994 mitbe­gründeten Gesellschaft für Phi­lo­so­phie und Wissenschaften der Psyche e.V. (GPWP) gehalten habe. Ich habe diesem Vortrag nachträglich den – für professionelle Ohren – sicherlich etwas provokanten Titel Ein Höchstmaß an negativer Freiheit gegeben, um hier nebenbei auf einen Umstand hin­zu­wei­sen, der mir schon während der Jubiläumstagung un­an­ge­nehm auf­gefallen war:

Die negative Freiheit hat heute offenbar gerade unter Philosophen einen schweren Stand. In jedem Fall muss die Ge­fahr, die offenbar von ihr ausgeht – das Negative –, durch ihr dialektisches Pendant, die positive Freiheit, ausba­lan­ciert werden, und zwar offenbar be­reits – jenseits der biographischen und historischen Notwendigkeiten – gegen die auf der Hand lie­gen­de Einsicht, dass hier ein Gleichgewicht, eine Ba­lance überhaupt nicht zu ha­ben ist. Denn was wä­re die positive Freiheit ohne die negative? Während die negative gut und gerne ohne die positive auskommen kann, ist die positi­ve ohne die negative noch nicht einmal zu denken.

Aber das schert offenbar viele noch stets auf Ausgleich bedachte Diskursprofis – Phi­lo­so­phie­wis­sen­schaft­ler ihres Zeichens – in keiner Weise. Frisch, fromm, fröhlich und positiv frei schwadronieren sie mit ihren anämisch geworde­nen Konzepten, wie eh und je, über die Realitäten hinweg und zi­tieren dabei immer wieder gerne das berühmte Me­sotes-Prinzip des Aristoteles – die Vorstellung vom guten Leben als einer mittleren Lebensform –, ohne nur je­mals ei­nen Gedanken daran zu verschwenden, dass das, was die Grund­la­ge dieses Prinzips ist, nämlich die Frei­heit, die­sem Prinzip offenbar selbst nicht mehr un­ter­wor­fen werden kann.

Genau das Gegenteil ist der Fall: Es ist überhaupt erst das systemische Übergewicht der negativen über die positive Freiheit, das es einem Menschen erlaubt, eine mittlere Le­bens­form zu wählen – weil er sie eben auch nicht wählen kann. Oder anders formuliert: Wie sollte ich denn zwischen positiver und negativer Freiheit ein gutes Gleich­gewicht herstellen können, wenn es dazu meinerseits wieder einer negativen und positiven Frei­heit bedürfte, deren Gleich­ge­wicht erst herzustellen wäre usw. usf.? Es ist die uns von Natur gegebene negative Freiheit, die es uns ermög­licht, ein ethisches Gleich­ge­wicht her­zu­stel­len oder jede andere nur denkbare Ethik zu entwerfen, während die positive an das Gegebe­ne einer Kul­tur gekettet ist, die unsere Denk-Möglichkei­ten schon vorab, vor aller Autonomie, begrenzt.

Kurz, so wie der Kultur die Natur zugrunde liegt, so liegt der Freiheit die Unfreiheit zu­grun­de. So wie wir nicht wählen können, geboren zu werden, so können wir auch nicht wählen, frei zu sein – was ich einmal – in einem GPWP-Band – folgendermaßen for­mu­liert habe: „Wir sind empirisch zur Freiheit verurteilt, ob sie nun eine Illu­si­on ist oder nicht. Das heißt, wir sind gehirnphysiologisch dazu ‚determiniert‘, freie Entscheidungen zu treffen. Man könnte auch sagen: Es liegt in der Natur unseres Gehirns, sich frei ent­schei­den zu können. Das und nichts ande­res be­sagt die These, dass wir empirisch zur Freiheit verurteilt sind.“ (Metaphysischer Determinismus und naturge­schicht­liche Frei­heit, in: Willensfreiheit – eine Illusion?, hrsg. v. M. Heinze u.a., Lengerich / Berlin 2006, S. 63ff, hier S. 69).

Hier kommen dann die soeben schon kurz angesprochenen biographischen und hi­sto­ri­schen Notwendigkeiten ins Spiel (denn jedes Gehirn ist erst das, was es ist, durch seine Geschichte), Notwendigkeiten, die die Anthro­pologen und Phänomeno­lo­gen, Her­me­neu­ti­ker und Textexegeten, Sprach- und Daseinsanalytiker etc. immer wieder gerne ver­ges­sen und die wir nur dadurch relativieren können, dass wir uns unserer negativen Frei­heit erinnern, statt sie zu verdrängen, uns „losreißen“ (Sartre) von diesen Not­wen­dig­kei­ten und dadurch Raum – Freiraum schaffen für Ver­änderungen, d.h. für neue bio­gra­phi­sche und historische Kontexte, deren Zwänge wir immer wieder neu trans­zendie­ren müssen.

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Ein Höchstmaß an negativer Freiheit. Vortrag anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums der GPWP am 9. Mai 2014

Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich, hier heute vor Ihnen zu stehen, um Ih­nen als Mitglied des Vorstandes der „Gesellschaft für Phi­lo­sophie und Wissenschaften der Psyche e.V.“ einen kurzen Einblick in die Geschichte dieser Gesellschaft, kurz der GPWP, geben zu können. Das ist insofern eine Ehre, als auch eine Reihe anderer Per­sonen aus dem Kreis der ak­ti­ven Mitglieder der Gesellschaft, die am heutigen Tag hier sind, diese Aufgabe hätten übernehmen können.

Allen voran wären hier Mar­tin Heinze und Isolde Eckle zu nennen, die wohl damals, vor mehr als zwanzig Jah­ren, die allerersten gewesen sein dürf­ten, die den Gedanken einer Ge­sell­schafts­grün­dung gefasst hatten, oder auch Kai Vogeley und Klaus Leferink, die, ähn­lich wie ich, etwas später am lang­wierigen, mehrere Monate dauernden Pro­zess der Kon­sti­tu­tion der Gesell­schaft or­ganisa­to­risch und programmatisch mitgewirkt haben.

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Wenn ich eine einfache Formel finden wollte, die die GPWP im Verlauf ihrer nunmehr 20-jährigen Geschichte cha­rakterisie­ren könnte, so würde ich sagen: klein, aber fein – die GPWP ist klein, aber sie ist auch fein. Man kann m. E. nicht sagen, dass die­se Ent­wick­lung: klein zu bleiben, aber fein zu werden, von den Gründungsmitgliedern ur­sprüng­lich so in­ten­diert war, falls man am Anfang überhaupt von langfristigen Zielen – außer viel­leicht, was einige inhalt­liche Vor­stel­lun­gen anbelangt – sprechen konnte.

Es waren vielmehr gerade diese inhaltlichen, dann in die Programmatik der GPWP ein­ge­gan­ge­nen Vorstel­lungen, die den Kreis der Interessenten von Anfang recht überschaubar gehalten und es von daher auch eher unwahr­schein­lich gemacht hatten, dass sich die GPWP zu einer größeren, alle möglichen Kreise integrierenden Fachgesell­schaft ent­wi­ckeln würde. Ich möchte zunächst diese beiden Aspekte ein wenig ver­tiefen:

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Erstens, die GPWP ist klein. Sie ist nie über eine gewisse Zahl von Mitgliedern hin­aus­ge­wach­sen und hat insofern auch nie die Bedeutung erlangen können, wie sie sich andere Fachgesellschaften, etwa die DGPhil (die ‚Deutsche Ge­sellschaft für Philosophie‘) oder die DGPPN (die ‚Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psy­cho­­somatik und Nervenheilkunde‘) erworben haben. Sie hat vielmehr eine schon in ihrem Titel be­zeich­ne­te Nische besetzt gehal­ten – über die ich gleich noch etwas ausführlicher sprechen werde –, die ihr eine gewisse Dauer ga­ran­tierte, die aber eben auch eine Nische geblieben ist, selbst wenn sich vielleicht der eine oder andere anfänglich etwas anderes erhofft hatte.

Ich möchte in diesem Zusammenhang nicht auf das Programm der Gesellschaft einge­hen, das jeder nachlesen kann und in dem dieses Ni­schen­dasein einen gewissen Reflex ge­fun­den hat (vgl. Psyche im Streit der Theorien, Würzburg 1996, 11ff), sondern ei­nen Aspekt hervorheben, der im Verlauf des 20-jährigen Be­ste­hens der GPWP immer mal wieder, aber m. E. viel zu selten thematisiert wurde: die marginale Bedeutung, die die Philosophie für die Psychiatrie heute noch hat, bzw. der Be­deutungsverlust, der die Philosophie der Psy­chi­a­­trie, also z.B. die phä­nomenologische, die daseinsanalyti­sche oder an­thro­po­lo­gi­sche Psychiatrie seit einigen Jahr­zehnten kenn­zeichnet.

Die GPWP hat diesen Bedeutungsverlust m.E. nie nennenswert kompensieren können, auch wenn es eine Zeit­lang, v.a. in der Zeit zwischen 2005 und 2008, in der sie sich in die Diskussionen um die so genannten ‚Neurowis­sen­schaften‘ engagierte, so schien, als ob sie daran mith­elfen könn­te, diesen Trend umzukehren. In diese Zeit fiel auch die In­­ten­si­vie­rung der Zusammenarbeit mit der DGPPN, die sich in der Veröffentlichung dreier ge­mein­sa­mer Sammelbände niederschlug (Willensfreiheit – eine Illusion?, Lengerich/Berlin 2006; Subjektivität und Gehirn, Len­ge­rich/Berlin 2007 und Psyche zwischen Natur und Kultur, Lengerich/Berlin 2008), die aber auch die Gefahr mit sich brachte, dass die phi­lo­so­­phi­­schen Akzente unter der Dominanz der psychiatrischen Themen zu kurz ka­men.

Als ich vor zehn Jahren – zum zehnjährigen Jubiläum der Gesellschaft – einen kleinen Vor­trag hielt, der den iro­nischen Titel trug ‚Die Philosophie am Rande des Ner­ven­zu­sam­men­bruchs ‘ (vgl. meinen vorigen Beitrag Vor zehn Jahren (Jubiläum I) vom 12.5.), gab es unter den Zuhörern viele, die mir zu erkennen gaben, dass sie mei­ne eher pessimistische Analyse teilten. Von anderen wiederum weiß ich, dass sie die Sache – ob nun ironisch oder mit bitterem Ernst vor­getragen – nicht so dramatisch sahen und sehen. In­ter­es­san­ter­wei­se sind das aber in der Mehrzahl gerade nicht die Phi­loso­phen in unserer Gesellschaft, son­dern die Psychiater, so dass hier also ein gewisses Muster zu erken­nen ist, das schon zu weiteren Diskussionen in der GPWP geführt hat und auch weiterhin führen wird.

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Die GPWP ist aber nicht nur klein, sie ist auch fein. Ihr Nischendasein hat ihr nicht nur eine gewisse Dauer, sie hat ihr auch eine gewisse Exklusivität garantiert. Gerade weil der Bedeutungsverlust der Philosophie, sowohl gesamt­gesellschaftlich als auch im Verhältnis zur Psychiatrie, so eklatante Züge angenommen hat, gab es neben dem sub­jektiven Be­dürfnis und dem objektiven Bedarf an philosophischen Fragestellun­gen, dem wir uns we­der entziehen konnten noch wollten, immer auch eine große – sowohl negative als auch positive – Freiheit, solches Bedürfnis und solchen Bedarf zu stillen. Ich werde hierzu gleich noch ein paar Worte sagen. Zunächst aber einige kurze Hin­weise auf die historische und die systematische Dimension, in der wir diese unsere Freiheit genutzt haben.

Zum einen haben wir uns bemüht, an die Geschichte des Dialogs zwischen Philosophie und Psychiatrie nicht über ihre oft konservativen – bzw. heute von Konservativen ver­tre­te­nen – Vertreter anzuschließen wie z.B. Viktor Emil v. Gebsattel, Ludwig Binswanger oder, noch deutlicher, Medard Boss, sondern über ihren pro­gressi­ve­ren, selbst­kritischeren Part, der uns v.a. durch Person und Werk Wolfgang Blankenburgs repräsen­tiert schien. Ihm, der noch zu Lebzeiten Ehrenmitglied unserer Gesellschaft geworden war, haben wir uns besonders ver­pflich­tet gefühlt. Mar­tin Heinze hat 2007 in einem Sonderband der Jahr­buch­rei­he der GPWP ausgewählte Auf­sätze Blan­kenburgs unter dem Titel ‚Psy­cho­­pa­tho­lo­gie des Unscheinbaren‘ herausgegeben. Und 2012 ist es ganz we­sent­lich durch Initiative und Mitarbeit der GPWP gelungen, im Parodos Verlag Blankenburgs große und bedeuten­de Studie ‚Der Ver­lust der natürlichen Selbstverständlichkeit‘ wieder zu veröffentlichen.

Andererseits haben wir uns in der GPWP aber auch in systematischer Weise bemüht, den Ort der Philosophie nicht nur nach dem üblichen, v.a. in der analytischen Philosophie weit verbreiteten Deutungs-Schema von Ver­fü­gungs– und Orientierungs­wissen, von hard und soft science, von techies und fuzzies zu bestimmen, sondern neben diesen eher formalen auch inhaltli­che, konzeptionelle Gesichtspunkte einzubringen. Wenn man nämlich heute von Philosophen ver­langt, sie mögen die Entwicklungen in den einzelnen Fach­wis­sen­schaf­ten begrifflich mode­rie­ren und kritisch be­gleiten, so ist dies unserer Auffassung nach definitiv zu wenig, um die Philosophie aus ihrem Be­deutungs­ver­lust wieder her­aus­zu­füh­ren. Die Forderung nach Moderation und Modulation zementiert diesen Verlust vielmehr: sie macht die Philosophie zur ancilla scientiae, zur Magd der Wissenschaft.

Wenn aber, wie Martin Heinze und ich es einmal im Anschluss an Wolfgang Blankenburg for­muliert haben, Phi­losophen sich in ihrer Grundhaltung gerade zur Infragestel­lung na­tür­li­cher Selbstverständlichkeiten aufgerufen fühlen, ja, diese Infragestellung ausdrücklich praktizieren (vgl. Philosophie in der Psychiatrie, Der Nervenarzt, Bd. 77, H. 3, 346ff, hier 348), so ist Philosophie mehr als stützende und hie und da Orientierung bietende Begleit­mu­sik. Sie ist intransigente Kritik, Destruktion jeder Gewissheit. Und damit ist sie zu­gleich näher an der Psy­chiatrie als sich vie­le in ihren Elfenbeintürmen eingemauerten Philosophen heute noch ausmalen können. Sie ist in einer auf Norma­lität und Positivität geeichten Gesellschaft selbst ein kleiner, aber feiner Wahn, eine psychisches – ich will nicht sa­gen psychiatrisches – Symptom, das durchaus mit einem gewissen Leiden ver­bun­den ist: mit dem Leiden an jeder Form von prosperierender Gesundheit in einer von Krank­heit gezeichneten Welt.

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Als wir im Sinne dieses – hier bewusst überzeichneten – Selbstverständnisses 1994 star­te­ten, gab es, wenn ich mich recht entsinne, drei sehr allgemeine, aus der Programmatik un­se­res Gründungsaktes abgeleitete Intentio­nen: Wir woll­ten zunächst die gemeinsame Ar­beit an Problemen und Texten der philosophisch-psychiatrischen, philo­sophisch-psy­cho­ana­ly­ti­schen und philosophisch-psychologischen Tradition vorantreiben. Wir wollten so­dann un­sere individuellen und kollektiven Arbeitsergebnisse mit denen anderer Autoren und Forschergruppen auf Ta­gun­gen und Kongressen präsentieren und diskutieren. Und wir wollten schließlich diese Diskussionen in Sam­mel­bän­den – die wir ur­sprünglich als ‚Jahrbücher‘ bezeichneten – dokumentieren. Auf all diesen Feldern haben wir, im kleinen Rahmen zwar, aber mit einer, wenn ich das so sagen darf, erstaunlichen Kontinuität ge­ar­bei­tet:

So ist es uns gelungen, sowohl selbst regelmäßig, nämlich im Schnitt alle zwei Jahre Kon­gres­se zu veranstalten, als auch an anderen, nationalen und internationalen Kongressen mitzuwirken, in thematischer, aber auch in or­ga­ni­sa­­to­rischer Hinsicht. Unvergessen ist für uns sicherlich die Beteiligung am Weltkongress für Psychiatrie 2002 in Yo­kohama, auf dem wir eine Vielzahl internationaler Kontakte knüpften, die z.T. heute noch bestehen. Der von un­serem damaligen Vorstandsmitglied Toshiaki Kobayashi vermittelte Austausch vor allem mit japanischen Kollegen, z.B. mit Bin Kimura, hat uns lange Zeit beflügelt, ja so­gar dazu geführt, dass der in Japan renommierte Philosoph Saito Yoshimichi auf un­se­rer Feier zum zehnjährigen Be­stehen der Gesellschaft den Festvortrag hielt.

Viele dieser und andere Vorträge haben wir in unseren Sammelbänden veröffentlicht. Nicht immer war die Qua­lität der Bände gleichbleibend hoch; und ich hätte mir im Rück­blick durchaus die eine oder andere Korrektur ge­wünscht. Aber als thematisch und in­halt­lich herausragende Bände können wir hier und heute sicherlich nen­nen: ‚Das Maß des Lei­dens‘ als Doku­men­t unseres wohl bis dato erfolgreichsten und auch ertragreichsten Kon­gres­ses, den Band ‚Sagbar-Unsag­bar‘, der in seiner theoretischen Breite, aber auch durch seine Beteiligung interna­tio­na­ler Autoren für mich nach wie vor aus der Liste un­se­rer Pu­bli­ka­ti­o­nen herausragt, und schließlich ‚Andersheit, Fremd­heit und Ex­klusion‘, der die Ar­beit der Gesellschaft erst­malig unter einer etwas anderen Perspektive zeigte, die wir dann mit dem Band ‚Verschwin­den des Sozialen‘ erneut thematisierten: unter einer so­zi­al­po­li­ti­schen Per­spek­tive.

Für mich persönlich und eine große Zahl unserer langjährig aktiven Mitglieder – ich möch­te an dieser Stelle Chri­stoph Kurth, Christoph Braun, Thilo Billmeier und Ste­fa­nie Rosenmüller nennen – ist der Sammelband ‚Anders­heit, Fremdheit und Exklusion‘ aber auch noch aus einem anderen Grund bedeutsam geworden. Es war das letzte Ar­beits­pro­jekt mit unserem Freund Bernd Heiter, der sich 2010 krankheitsbedingt aus dem Vorstand der GPWP zu­rückziehen musste. Bernd Heiter und ich hatten es über Jahre, von 2002 bis 2007, geschafft, die gemein­same Ar­beit an aktuellen Themen und Problemen in freien Se­mi­na­ren und Kolloquien an der Charité fortzusetzen. Sein durch seine schwere Krankheit bedingter Rückzug hat hier eine empfindliche Lücke hinterlassen. Und es ist zu­min­dest für mich persönlich nicht klar, ob und wie ich an das gemeinsam Begonnene wieder an­knüp­fen kann. Auch hier also kann philosophisches Denken zu einem Symptom werden – wenn es nämlich, aus direkter Betroffenheit durch genau diejenige Endlichkeit, die es zu be­den­ken doch berufen ist, seine Arbeit unterbricht.

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Als wir bei der Planung des Jubiläumskongresses darüber diskutierten, welches Thema für einen solchen Kongress angemessen sei, und als wir uns dann für das Freiheitsthema ent­schie­den, geschah das, zumindest was meine ei­gene Person anbelangt, hintergründig auch deshalb, weil mir die GPWP immer selbst wie eine Verkörperung der diffe­renziellen Ein­heit, d.h. der Inein­ander- und Auseinandersetzung von negativer und positiver Freiheit schien: als Ort einer z.T. unge­bundenen Kreativität (in der die negative Freiheit ihr Über­ge­wicht hat), aber auch als Ort einer nicht immer unproblematischen Nor­mati­vi­tät (in der die positive Freiheit ihr Übergewicht hat).

Zum einen nämlich hat sich die GPWP eine Vielzahl der institutionellen und disziplinären Normen, die v.a. im psy­chiatrischen und psychologischen Kontext gelten, nie zu Eigen ge­macht. Sie ist ihren eigenen Weg gegangen, hat, wie man vielleicht sagen kann, „ihr ei­ge­nes Ding gemacht“. Aber auf der ande­ren Seite hat sie sich den geltenden Normen des psy­chiatrischen und wissenschaftlichen Betriebes auch nie gänzlich entzogen. Um willen ihrer eige­nen Wirksamkeit hat sie sie produktiv gewendet, d.h. zum Motor ihrer Kreativität ge­macht. Das möchte ich Ih­nen im Folgenden noch ein wenig erläutern:

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Die GPWP, so wie sie ursprünglich konstituiert wurde, als Arbeitsprojekt junger Psy­chia­ter und Philosophen, Psy­cho­logen und Psycho­analytiker ist, ganz ohne Zweifel, ein Pro­dukt sowohl negativer als auch positiver Freiheit: ein Pro­dukt negativer Freiheit, weil sich die Gründungsmitglieder von Anfang an darin einig waren, den Hypostasie­rungen der bio­lo­gi­schen, aber auch dem verkrusteten Positivismus der klassifikatorischen Psychiatrie ent­ge­genzu­treten; und ein Produkt positiver Freiheit, weil daraus die Verpflichtung er­wuchs, Gegenkonzepte zu entwickeln und es eben aufgrund der vorausgesetzten Ne­ga­ti­vi­tät nicht nur bei begrifflicher Moderation und kritischer Modu­lation zu belassen. So ver­wandelt sich negative Freiheit zwangsläufig zu positiver Freiheit und hat umgekehrt po­si­tive Freiheit ihre beständige Basis in der Positivität ihrer Negation.

Die Kreativität der Gesellschaft bestand nun m.E. genau in diesem Wechselverhältnis von positiver und negati­ver Freiheit. Und weil das so war, bestand auch für die GPWP, wie für jede Organisation, die Gefahr, sich in ihren ei­genen Gegenkonzepten auf Dauer ihrerseits positi­vi­stisch einzumauern und der Kraft der Negation, z.B. in Form von Selbstkritik, kei­nen Raum mehr zu geben. Denn jede Kreativität droht – jedenfalls wenn sie autono­me, nicht nur willkürliche Kreativität ist – durch ihre eigene Normativität eingeholt und letzt­lich von ihr ver­schluckt zu werden. Oder anders gesagt: Die positive Freiheit verstrickt sich in sich selbst, schlägt in Unfreiheit um, wenn sie hyposta­siert, d.h. von ih­rem dia­lek­ti­schen Pendant, der negativen Freiheit entkoppelt, im Stich gelassen wird.

In der konkreten Gesellschaftsarbeit war diese Gefahr z.B. immer dann gegeben, wenn Neu­ro­wis­sen­schaft­ler und insbesondere so genannte „Neurophilosophen“ pauschal ver­däch­tigt wurden, die Biologie zu hypostasieren. Dass das nicht der Fall ist und dass die Konfliktlinie heute nicht mehr die klassische Linie zwischen den Natur- und Gei­stes­wis­sen­schaften darstellt oder gar dem mittlerweile überholten Erklärens- und Ver­ste­hens­pa­ra­dig­ma folgt, zei­gen, wenn auch nicht alle, so doch eine Reihe von Beiträgen, die aus dem Kontext der GPWP in den ge­mein­sam mit der DGPPN herausgegebenen Sammelbänden veröffentlicht wurden, insbesondere der letzte dieser Bände zum Thema „Personalisierte Psychiatrie“. Wir müssen heute nicht mehr Anti-Biologen sein oder Substanz­ontologie be­trei­ben, z.B. indem wir von einem substanzialistischen Personenbegriff ausgehen, um uns den Ver­kür­zungen der rein biologischen und neuro-biologischen Psychiatrie zu stellen. Die alte Metaphysik hat in diesem Punkt aus­gedient.

Wenn aber die Gefahr der Hypostasierung der einmal eingenommenen Position und damit die eines Schwunds der ei­genen Kreativität gleichsam struk­turell vorgegeben ist, welche Be­din­gun­gen müssen dann erfüllt sein, damit diese Gefahr gebannt werden kann? Ich könnte nun mit Bezug auf die GPWP sagen: Dadurch, dass sie klein, aber fein geblieben ist, ist sie auch kre­ativ geblie­ben. Tatsächlich spielt die Größe, wenn man z.B. an die DGPPN denkt, in diesem Punkt eine nicht unerhebliche Rolle. Aber da es hier mög­li­cher­wei­se unter­schiedliche Auffassungen gibt (ich bin z.B. mittlerweile dezidiert gegen eine Zusammenarbeit mit der DGPPN), möchte ich etwas anderes beto­nen: Nur dann, wenn im Wissen um die so­eben ansatzweise entfaltete Dia­lektik einzelne Mitglieder selbstkritisch bleiben: ihren eigenen Ort innerhalb des psychiatrischen und wissenschaftlichen Betriebes immer wieder in Frage stellen und Vorsicht walten lassen geg­enüber den Fallstricken der Institutiona­lisierung, bleibt das kreative Poten­tial der gemeinsamen Arbeit erhalten.

*

Wie steht es nun aber um diese Fallstricke der Institutionalisierung, um die in­sti­tu­ti­o­nel­len Normen, die der Kre­a­tivität des Einzelnen ihre Gren­zen setzen? Ganz generell lässt sich sagen: Immer da, wo eine größere Zahl von Menschen zusammen­kommt und / oder eine größere Zahl von Men­­schen angesprochen werden soll, stellen insti­tutionelle Normen ein wichtiges, viel­leicht sogar das wichtigste Aktionspotential dar, um ein ange­strebtes Ziel zu erreichen. Auch die Gesellschaftsar­beit sah sich deshalb von Anfang an mit gewissen Not­wendigkeiten konfron­tiert, die sich nicht als Sachzwänge diskutieren ließen, sondern solche Normen darstellten, über die sie frei zu ent­scheiden hatte, und zwar mit dem Be­wusst­sein, dass sie, wenn sie sich diese Normen aneignete, ihr Han­deln da­ran auf Dauer ausrichten würde. Zwei Beispiele solcher Entscheidungssituationen, in die die GPWP in den letzten Jah­ren geraten ist, möchte ich hier kurz ansprechen:

Als wir in der GPWP die Idee entwickelten, unsere um 2004/05 begonnene Zu­sam­men­ar­beit mit der DGPPN durch Stiftung eines Blankenburg-Preises zu vertiefen, wurde die Na­mensgebung des Preises vom Vorstand der DGPPN abgelehnt. Man wollte keine der un­ter­schied­li­chen Positionen im Verhältnis von Philosophie und Psychiatrie, die da­seins­ana­ly­ti­sche, die phänomenologische, die anthropologische Position usw. be­vorzugen. Ich ver­ste­he hier die­se Neutralität als Norm, die man sich – darin unterscheidet sie sich vom Sach­zwang – entweder zu eigen macht oder verwirft. Wir haben sie uns, wenn auch schweren Herzens, zu eigen gemacht und beteiligen uns seitdem an der thematischen Ausrichtung und personellen Betreuung des Preises. Anders dagegen lief es, als wir 2010 wäh­rend un­se­rer Planung zum Kongress ‚Das Verschwinden des Sozialen‘ von der uns un­ter­­stüt­­zen­den Heinrich Böll Stiftung dazu aufgefordert wurden, den für sie offenbar zu anstößigen, negativen Titel durch einen positiveren zu ersetzen. In diesem Fall haben wir uns ge­wei­gert, das zu tun, und den Kongress – mit Unterstützung der Böll Stif­tung – trotz­dem ver­an­stal­tet.

Was an diesen beiden Beispielen m.E. deutlich wird, ist: Wo jeweils die Grenze zwischen dem Geltendmachen ne­ga­ti­ver und positiver Freiheit verläuft und inwieweit eine der bei­den Freiheiten die Kreativität entweder befördert oder hemmt, ist im Einzelfall schwer zu entscheiden und theoretisch kaum zu antizipieren. Ich persönlich glaube so­gar, dass wir hier an eine Grenze der Theoretisierbarkeit geraten. Zwar lässt sich mit einer gewissen Plausibilität argumentieren, es sei immer gut, zwischen den Polen eines im Kern di­a­lek­ti­schen Verhältnisses so etwas wie eine Vermittlung herzustellen. Aber die beiden Beispiele, die ich angeführt habe, zeigen gerade, dass es im Einzel­fall, in einer konkreten Situation oft nicht möglich ist, eine Vermittlung herzustellen. Wenn man also mit Bezug auf die Ge­schich­te der GPWP von einem Gleichgewicht zwischen positiver und negativer Freiheit, zwischen Normativität und Kreativität sprechen wollte, so wäre dies m.E. nur on the long run möglich: als ein dauerndes Changieren zwi­schen den Polen.

Gleichzeitig bin ich aber der Auffassung, dass die negative im Zwei­felsfall Vorrang vor der positiven Freiheit ha­ben sollte, was, wenn ich das sage, selbst ein Akt nega­ti­ver Frei­heit sein dürfte. Und zwar bin ich deshalb dieser Auf­fas­sung, weil es zwischen der negativen und der posi­tiven Frei­heit kein reziprokes, sondern nur eine asym­me­tri­sches Verhältnis gibt, das ich als implementär bezeich­nen würde: Die negative ist nämlich die Bedingung für die po­sitive Freiheit, aber die positive nicht die Be­dingung für die negative. Freiheit wäre korrumpiert, wenn nicht ein Widerspruch in sich, wenn es sie nur als positive gäbe. Anders gesagt, die negative Freiheit ist stets das Implement der positiven, aber diese nicht das Implement der negativen. Denn immer gibt es die Mög­lichkeit, nein zu sagen; ei­ne Verpflichtung zur Positivität gibt es nicht, weil ja gerade das die Freiheit vernichten würde. Das heißt aber wie­derum: Nur die negative Freiheit ist in der Lage, Raum für die positive zu schaffen, während diese stets in der Gefahr steht, in Unfrei­heit umzu­schla­gen. Dass um­ge­kehrt die negative Freiheit gefähr­det ist, im Unbestimmten zu verharren, scheint mir dagegen ein Vorurteil derjenigen Philosophen zu sein, die aus Angst vor der Radikalität der menschlichen Freiheit diese im Positiven, im Gege­benen einschließen wollen. Die GPWP scheint mir der exi­stie­rende Beweis dafür zu sein, dass eine solche präventive in­ten­ti­o­na­le Einschließung nicht not­wen­dig ist.

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Ich möchte meine Ausführungen kurz zusammenfassen: Erstens, die GPWP ist klein, aber auch fein; sie hat eine, bereits in ihrem Titel deutlich artikulierte Ni­sche besetzt gehal­ten, in der sie zugleich eine gewisse Exklusivität ent­falten konnte. Zweitens, die GPWP hat sich auf mehreren Ar­beitsfel­dern: dem der Organisation von Diskussionen, Tagungen und Pu­bli­ka­tionen, kontinu­ierlich weiterentwickelt und dabei z.T. recht eigenständige Positionen bezo­gen, historisch z.B. in ihrer Anknüpfung an das von Wolfgang Blankenburg mit kon­zi­pier­te Verständnis des Verhält­nisses von Philosophie und Psychiatrie oder systematisch durch ihre Überzeugung, der Philosophie im interdiszi­pli­nären Diskurs auch konstitu­ti­ve Bedeutung zuzuerkennen. Und drittens, die GPWP versucht seit 20 Jahren ein Gleich­ge­wicht zwischen positiver und negativer Freiheit, zwischen Normativität und Kreativität herzustellen, das zwar notwendigerweise labil bleiben musste, sich aber on the long run als stabil erwiesen hat.­

Dass der GPWP diese Exklusivität, Kontinuität und Stabilität gelungen ist, hängt weniger von glücklichen Um­stän­den ab (die man natürlich auch konzedieren muss), als vielmehr von der Intensität, mit der sich über viele Jahre Einzelne, de­ren Namen ich z.T. genannt habe, am Konstituierungs- und Arbeitsprozess der Gesellschaft beteiligt haben. Das Er­folgs­re­zept der GPWP, wenn man denn überhaupt von einem solchen sprechen will, hängt also nicht so sehr an der normativen Organisationsstruktur des Vereins, sondern vor allem am individuellen Engagement sei­ner jeweiligen aktiven Mitglieder. Keine intellektuelle oder wissenschaftliche Meinungsverschieden­heit, kein Geld­mangel und auch keine ver­al­te­te Website haben die GPWP in ihrer Existenz jemals ernsthaft bedrohen können. Wenn es zu einer solchen Bedrohung kommen sollte, dann nur in einer Situation, in der die Kraft der weni­gen Einzelnen, die diese Gesellschaft tragen, einmal versiegt.

Theoretisch gewendet heißt das: Das Verhältnis von positiver und negativer Freiheit, von Normativität und Krea­ti­vi­tät muss mit Blick auf die Frage der gemeinschaftlichen und bzw. oder gesellschaftlichen Organisierung und Insti­tu­ti­o­nalisierung auch auf das Ver­hält­nis von Kollektivität und Individualität durchsichtig gemacht werden kön­nen. Und in die­sem Kontext würde ich sagen: Die Möglichkeit von Kreativität schwindet, je mehr der In­sti­tu­­tio­na­lisie­rungs­grad einer Orga­ni­sation und der Institutionalisierungsdruck, dem sie nachgibt, über einen gewissen Schwel­len­wert hinaus ansteigt. Negative Freiheit löst sich also jenseits dieses Schwellenwertes immer schneller in positive Frei­heit auf, um schließ­lich so von ihr entkoppelt zu sein, dass vielleicht nicht ihre Produktivität, aber doch ihre Krea­ti­vität zum Erliegen kommt. Anders gesagt: Wenn eine Kette nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied, so sind die Freiheitsräume einer Organisation nur so stark, wie sie sie ihren einzelnen Mitgliedern zuge­steht.

Das sage ich – und ich komme hiermit zum Ende – durchaus auch vor dem Hintergrund meiner persönlichen in­tel­lektuellen Entwicklung. Ich, der ich immer einen Horror davor gehabt habe, mich mit meiner Arbeit den großen In­stitutionen unserer Gesellschaft, dem Staat, einem Konzern oder eben einer Universität anzuvertrauen und der in der Tat glaubt, dass philosophisches Denken und institutionelle Normierung einen kaum vermittelbaren Wi­der­spruch darstellen, ich habe in der kleinen, aber feinen GPWP durchaus eine gewisse Heimat gefunden. Ich habe in ihr ein Stückweit meiner Utopie von Heimat finden können, weil sie es mir ermöglichte, mit anderen ge­mein­same Sache und dennoch mein eigenes Ding zu machen. Das heißt, dass sie in der Lage war, mir als Imple­ment meiner positiven Freiheit – meines Bekenntnisses zur gemeinsamen kollektiven Anstrengung – zugleich ein Höchst­maß an negativer Freiheit zu garantieren. Dafür danke ich denjenigen, mit denen ich all die 20 Jahre zusam­men­ar­bei­­ten konnte und ohne die die GPWP zweifelsohne nicht existieren würde.

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Über Christian Kupke

Philosoph, Autor + Dozent
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