Textmosaik – Splitter # II.4

Schweigen: eine Lösung? Von Kant stammt die prinzipielle methodische Idee neu­zeit­li­cher Wissen­schaft(en): sich keinen Pro­blemen zu widmen, die man nicht lösen, sich kei­ne Fragen zu stellen, die man nicht beantworten kann. Der frühe Wittgenstein hatte mit sei­nem Diktum „Was sich überhaupt sagen läßt, lässt sich klar sagen, und wovon man nicht reden kann, dar­über muss man schweigen“13, fast schon tautolo­gisch, dieses neu­zeit­li­che Prinzip auf die Spitze getrieben. Alles andere erklärte er, ebenso verein­fa­chend, zum Ge­gen­stand von Mystik: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das My­sti­sche.“14 Es ist dieser, fast schon manichäisch anmutende Dualismus: einer im ge­sell­schaft­li­chen Zentrum stehenden Effizienzlust am Problemlösen („das Gute“ = das Klare) und einer ins Exil getriebenen The­matisie­rung des scheinbar Unlösbaren, Nicht-Beant­wortbaren („das Böse“ = das Mystische), der auch heute noch unser Den­ken prägt. Aber was wäre denn eine Lösung? Was heißt es, dass ein Pro­blem unlösbar ist? Oder mit Bezug auf Wittgenstein: Was heißt hier Schweigen? Und gäbe es nicht gerade dazu noch Einiges zu sagen? Die Frage nach dem, was unbeantwortbar ist, ist offen­bar selber noch nicht be­ant­wor­tet, und das Problem, das diese Frage motiviert, selber noch ungelöst.

13 Ludwig Wittgenstein, Tractatus-logico-philosophicus, in: ders., Schriften 1, Frankfurt/M. 1963, S. 9.
14 Ebd., S. 82.
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Textmosaik – Splitter # II.3

Symptomatisch. Was ist es, was sich im Ner­ven­zu­sam­men­bruch moderner Philosophie verdichtet? Wel­ches Symptom zeigt sich hier? Im Kern ist es die zunehmende Unfähig­keit der zur Wissenschaft mu­tierten Phi­lo­so­phie, sich der eigenen Seins­melancholie zu stel­len. Oder anders gesagt: die Unfähig­keit zu trauern, ohne sich indes dieser Unfä­higkeit be­wusst zu wer­den. Denn genau solches Bewusst­sein müsste philosophisches Denken heute daran einnern, woher es einmal kam: aus einer Me­di­tation der Ver­gäng­lichkeit und einer da­raus resultierenden Ahnung der Ver­geb­lichkeit allen menschlichen Tuns. Wie Irre, lo­gisch gesprochen: wie Idioten, führen wir heute – immer noch und manch­mal so­gar, mit friedlichen Mitteln – Krieg ge­gen­einan­der und gegen die Natur. Und wir be­kräf­­ti­gen, in­ten­si­­vie­­ren gerade so jenes Verge­hen, vor dem wir zu fliehen versuchen, statt uns unse­rer nega­ti­ven Frei­heit zu besinnen, Möglich­kei­ten, die sich uns bieten, ungenützt zu lassen und uns unserer zen­tralen Schwä­che zu stellen: auf die grundlegen­den Fragen unserer Existenz immer noch keine Ant­wor­ten gefunden zu haben.

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Textmosaik – Splitter # II.2

Unreflektiert / reflektiert. Selbstverständlich / unselbstverständlich. Warum setzen sich die Phi­losophiewissenschaften und die Po­pu­lar­phi­lo­so­phie dem Dis­kurs der klassischen Philoso­phie nicht mehr aus? Und warum müssen sie es auch nicht? Das hat seinen Grund in dem, was ich einmal, vor Jah­ren, den Ner­venzusammenbruch der Phi­lo­so­phie genannt habe: Histo­risch hat die Philosophie ihre Dis­kurs­macht nach und nach an die Wissenschaften verloren, sich im Gegenzug selbst in eine Wis­sen­schaft, die Phi­lo­so­phie­wis­sen­schaft verwandelt und dabei verkannt, was der geschichtliche Pro­zess der re­fle­xi­ven Mo­der­ni­sie­rung nicht zu leisten vermag: das Alte, Re­flek­tierte aufzulösen, es gänz­lich durch das Neue, noch Unreflektierte zu ersetzen. Und systema­tisch hat sie ihre Dis­kurs­­macht durch ihre konsequente Selbstkritik – man könnte auch sagen: durch ihre ei­ge­ne Demontage – verloren, in­dem sie von Anfang an selbst schon reflexive Mo­der­ni­sie­rung betrieb. So machte sie das Selbstver­ständ­liche derart unselbstverständlich, dass sie ihren Reflexionskrampf am Ende – buchstäblich am Ende des letzten Jahrhunderts – nicht mehr auflösen konnte. Ihr Denken wurde ins Bodenlose ver­rückt. So wie generell das der Moderne.

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Textmosaik – Splitter # II.1

„Unsere ganze Würde besteht (…) im Denken. Arbeiten wir also daran, gut zu denken. Das ist das Prinzip der Moral.“ (Blaise Pascal, Pensées, Fr. 347 bzw. 207)

II

Eine Differenz. Worin besteht die Aufgabe von Philosophie heute? Sie besteht – de­skrip­tiv, epi­ste­misch – im Auf­weis und in der Klärung von Ideen; und sie besteht – nor­ma­tiv, ethisch – im Aufweis und in der Klä­rung von Idealen. Dabei bin ich mir bewusst, dass beide Be­griffe, der der Idee und der des Ideals, des epistemischen Seins und des ethischen Sollens, für einen zeitgenössischen Leser ei­gentümlich „verstaubt“, alt­modisch da­her­kom­men können. Aber diesen Preis – den eines Eindrucks, eines Scheins – muss Phi­losophie heute zahlen, will sie sich nicht im un­end­lichen Klein-Klein ei­ner aka­de­mi­schen Dis­ziplin oder in den Oberfläch­lich­keiten einer sich in Vi­deo­streams ar­ti­kulierenden Mei­nungs-Philoso­phie verlieren. Denn in der Differenz von Idee/n und Ideal/en – einer sig­nifi­kan­ten / Signifi­kanten-Differenz – findet sie An­schluss an den Diskurs der klas­si­schen Philo­so­phie, den die Philo­sophiewis­senschaften und die Popularphilosophie ge­gen­wär­tig nicht mehr finden, u. z. nicht ganz zu unrecht nicht mehr fin­den.

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Textmosaik – Splitter # I.10

Ruhelosigkeit. Eine Zeitlang, mehrere Monate, habe ich nicht gewusst, wie es ist, nicht zur Ruhe kom­men zu können. Nicht, weil mich eine Erinnerung, eine Be­fürchtung oder ein Schmerz pla­gen würde, sondern weil mich – was auch eine Art Schmerz ist – das Den­ken plagt, weil die Gedanken um die Ge­danken kreisen, um die eines Textes wie diesen hier. Nur wenige geschriebene Splitter sind nötig, und gleich wird das Den­ken wieder von der Schwe­re der Schrift erfasst, in einer Art Sog, der Über­stürzung aus­löst und es auf Ab­we­ge führt: vielleicht zu voreiligen Schlüssen, Inkonsistenzen, logi­schen Brü­chen, Enttäu­schun­gen … – Wie um­gehen mit dieser Über­stür­zung, dieser Hast? Wie ihr ge­recht wer­den, wie der Enttäu­schung Widerstand leisten? Die Vor­stel­lung ist die ei­nes Arrange­ments, einer Me­na­ge­rie von Texten, die ein Gesamtbild ergeben – aus Split­tern, die aus je unter­schiedli­chen Kon­texten stam­men. Wobei ich betonen möchte: Nichts ist in den kom­menden Blog­beiträgen endgültig, es handelt sich lediglich um „Versuche“, und ich schaue, wie weit ich mit ihnen komme.

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Textmosaik – Splitter # I.9

Nicht davon. Ist von der Sterblichkeit des Menschen die Rede, z. B. bei Rosset oder auch Camus, so ist stets der Blick auf das Ende oder den Tod des Einzelnen und nur selten – und wenn, dann fast aus­schließlich in der ana­ly­tischen Philosophie – auf das Ende des Allgemeinen gerichtet, so z.B. bei Ber­trand Russell: „Die Erde wird nicht immer be­wohn­bar blei­ben; das Men­schenge­schlecht wird aus­ster­ben, und wenn sich das kos­mi­sche Ge­sche­hen hiernach recht­fertigen soll, wird es das anders­wo tun müssen als auf der Oberflä­che unseres Plane­ten. Und selbst dann müsste es früher oder spä­ter enden.“12 (vgl. Le­se­zei­chen #9). Zwei Formen der Endlichkeit, des dro­henden Endes sind also in den Blick zu nehmen: das des einzelnen Menschen und das der Menschheits­kultur. Beide unterlie­gen ei­nem Nicht-Davon-Wissen-Wollen, aber, aus naheliegenden Gründen, das zweite Ende stärker als das erste. Das heißt, es wird ver­gessen, dass die Kultur als Kultur, weil sie ein Emergent der Natur ist, ih­rerseits endlich ist (wenn auch die Natur möglicherweise un­end­lich ist). Der Grund unserer Hoffnun­gen ist immer zugleich der Gegenstand unserer Ent­täu­schungen. Der Nihilis­mus bleibt, neben dem glücklichen Positivismus und dem unglücklichen Ne­ga­tivis­mus, eine ernst­zu­nehmende, dritte Option.

12 Bertrand Russell, Warum ich kein Christ bin, übers. v. G. Osterwald, Berlin 2017, S. 57.
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Textmosaik – Splitter # I.8

Scheinbares Paradox. In Vorbereitung auf den zweiten Band meiner „Versionen des Denkens“ – ob die­ser jemals erschei­nen wird, ist offen – lese und diskutiere ich ge­mein­sam mit Freunden in einer Lektüre-Gruppe Peter Weiss‘ monu­men­talen Essay-Roman ‚Die Ästhetik des Wider­stands‘, der in den 70er Jahren des vo­ri­gen Jahr­hun­derts entstand. In ihm ist eines der zentralen Motive der not­wendi­ge Rückgriff auf eine nolens volens bür­ger­li­che Werk-Kultur, in der diejenigen fundamentalen Werte for­mu­liert sind, die dem po­li­ti­schen Widerstand zugrundeliegen: „Diese Werke, in denen die Tradi­tio­nen einer Litera­tur erhalten blieben, standen außerhalb der Raserei, die im Land des Sprach­ur­sprungs um sich griff, doch würden sie im Vakuum, in dem sie sich jetzt befanden, die Spal­tung über­brücken und eine Be­ziehung herstellen können zu jenen, deren Aufnahmefähigkeit mit je­dem Tag mehr zerstört wurde, fragten wir uns. Da hatten wir wieder die Idee der Un­ver­wüst­lich­keit fun­da­men­taler Werte heranzu­ziehn, die alle Katastrophen überstehen.“11 (vgl. Lesezeichen #8). Das ist das scheinbare Paradox des Widerstands: auf die Er­run­gen­schaf­ten derjenigen Epoche bauen zu müs­sen, deren Abschluss gerade das Ziel des Wi­der­stan­des ist.

11 Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands, Frankfurt/M. 2016, S. 375.
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Textmosaik – Splitter # I.7

Der Fels. Wollte man, was nicht unproblematisch ist, die philosophische Position, die Albert Camus im ‚My­thos von Sisyphos‘ ein­nimmt, in einem Wort zusammenfassen, so müsste man sie als „negati­vi­stisch“ kennzeichnen und hierzu auf das Gnosis-Kapitel seiner Diplomarbeit von 1936 ‚Christliche Metaphy­sik und Neoplatonismus‘ verweisen. Dort heißt es: „In dieser pessimistischen Ansicht [der Gno­sis] über die Welt und die­ser stolzen Verweige­rung der Anerkenntnis äußert sich eine geradezu moderne Sen­sibilität.“8 (vgl. Lesezeichen #7). Was Camus in der Gnosis als Grundlage einer durch und durch pessi­mi­sti­schen Weltsicht „das Böse“ nennt: „Das Böse ist es, was die Gnostiker fesselt. Sie alle sind Pessi­mi­sten hinsicht­lich der Welt.“9, das ist in seinem Essay von 1942 „das Ab­sur­de“. Das In-der-Welt-sein ist ein In-der-Irre-sein, aus dessen Negativität nur die pneumatische Er­kenntnis der Wahr­heit selbst befreien kann: die „Stun­de des Be­wusstseins“, in der sich die Über­le­genheit des Menschen über sein von den Göttern verhängtes Schicksal zeigt: „Er“, der Mensch, Sisyphos, der noch im ersten Mo­ment selbst Stein zu sein schien, „ist stärker als sein Fels“10.

8 Albert Camus, Christliche Metaphysik und Neoplatonismus, übers. v. M. Lauble, Hamburg 1978, S. 62.
9 Ebd., S. 74.
10 Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos, übers. v. V. v. Wroblewsky, Hamburg 2020, S. 143.
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Textmosaik – Splitter # I.6

Alternative. Für Philosophen ist die begriffliche Unbestimmtheit von Albert Camus‘ zweitem, 1951 veröffent­lichten theoretischen Werk ‚Der Mensch in der Revolte‘ eine her­me­neu­ti­sche Herausforde­rung, vor allem in Anknüpfung an und, noch viel stärker, in Ab­gren­zung zum ‚Mythos von Sisyphos‘ von 1942. Ich musste beide Texte zweimal lesen, um mir auch nur annähernd dar­über im Klaren zu werden, was sie für die Frage des phi­lo­so­phi­schen und politischen Widerstandes bedeuten könnten. War Camus‘ Haltung zum Ni­hi­lis­mus in seinem früheren Werk noch von Ambivalenz ge­prägt, weicht diese Ambivalenz im zweiten Werk einer kritischen Haltung, von der lediglich der Atheis­mus aus­ge­nom­men wird: „Wenn der Nihilismus gekennzeichnet ist durch die Unfähigkeit zu glauben, so be­steht sein bedenklichstes Symptom nicht im Atheismus, sondern in der Unfähigkeit zu glau­ben, was ist, zu sehen, was geschieht, und zu leben, was sich dar­bietet.“7 (vgl. Le­se­zei­chen #6). Ähnlich wie Foucault, der zum Nihilismus ebenfalls in einem ambivalenten Ver­hält­nis stand, entwickelt Ca­mus hier eine Art glücklichen Positivismus. Für eine ne­ga­ti­vi­sti­sche Haltung, die sich vom Nihilismus sym­pa­the­tisch ab­zugrenzen sucht, stellt er die einzige ernst zu nehmende Alternative dar.

7 Albert Camus, Der Mensch in der Revolte. Essays, übers. v. J. Streller, Hamburg 2020, S. 98.
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Textmosaik – Splitter # I.5

Tragisch. In einer Reihe von Texten über Idiotie, die ich gelesen habe, z.B. Dostojewskis bekannten Roman, Botho Strauss‘ Elaborat, Zoran Terzićs ‚Idio­cra­cy‘ und Metz‘ & Seeß­lens ‚Blödmaschinen‘, ist mir am stärksten Clement Rossets ‚Traktat über die Idiotie‘ von 1977 in Erinnerung geblieben. Dort heißt es einmal: „Von der Tra­gik des Todes ist man noch weit ent­fernt, wenn man mit grenzenloser Beküm­me­rung der Not­wen­digkeit ge­wahr wird, selber sterben und ei­nes Tages alles Liebgewordene ver­las­sen zu müssen. Denn bei ge­nau­erer Betrachtung bleibt den Dingen, die ich verlasse, auch nicht mehr viel Zeit, und sie haben mich zum Teil sogar schon von dem Augenblick an verlassen, in dem ich ihrer Ver­gäng­lichkeit ein­ge­denk wurde.“6 (vgl. Lesezeichen #5). Das hat zwar auf den ersten Blick mit Idiotie wenig zu tun, korrespon­diert aber gut mit der These von Groet­huysen, dass wir an dieser Tragik ir­re werden. Die essentialistische Versenkung des Irreseins ins ontologisch Reale, das wir – an­geb­lich – nicht voll erfassen können, erzeugt allerdings erneut ein Vakuum: ein intellektuel­les, in dem am En­de, unter dem Vulkan, auch das Denken verschwindet.

6 Clement Rosset, Das Reale. Traktat über die Idiotie, übers. v. R- Hörisch-Helligrath, Frankfurt/M. 1988, S. 89.
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