Textmenagerie – Splitter # I.3

Sand am Meer. Ein weiterer Satz hat mich beschäftigt – von Botho Strauß, aus seinem Buch: „Lichter des Toren“ von 2013, das ich vor knapp einem Jahr (vgl. Lesezeichen #3) mit gemischten Gefühlen las: „Theorien überleben sich in kurzen Zeiträumen, im ver­gan­ge­nen Jahr­hundert bestimmt ein gutes Dut­zend an der Zahl. Die Werke haben dazu nur den Kopf geschüttelt.“3 Theorien und Wer­ke gegen­über­zustellen ist ein gerissener Schach­zug, wenn auch, in einem insgesamt konservativen Werk, ein strategischer. Denn grund­sätz­lich ist nicht einzusehen, warum The­o­rien keine Werke sein sollten. Sie sind es näm­lich dann nicht, wenn sie sich damit begnügen, Theorien zu sein: wenn sie „nur“ The­o­rien sind. Solche selbstgenügsamen Theorien, Theorien, die „nur“ Theorien“ sind, gibt es wie Sand am Meer, und ir­gend­eine Sand-am-Meer-Theorie kann jeder entwi­ckeln. Hierzu bedarf es keiner li­te­rari­schen Kunst. Wer aber theoretische und künstlerische Ar­beit als verwandt, ja diffe­ren­tiell iden­tisch an­sieht, kennt auch das Kopfschütteln der Theorien über die Werke: über die Mach-Werke, die es in der Belletristik zu­hauf gibt. Auch sie ver­schwin­den, mit den Theorien, wie am Meeresufer ein Ge­sicht im Sand.

3 Botho Strauß, Lichter des Toren, München 2013, S. 104.

 

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Textmenagerie – Splitter # I.2

Not und Tugend. Ein Satz von Gustave Flaubert hat mich beschäftigt. Er steht in einem Brief, den Flaubert knapp zwei Jahre vor seinem Tod, am 22.12.1878, an seinen späten Freund Iwan Turgenev  schrieb. Aber ei­gentlich ist es nur ein halber Satz: „… ich habe wei­ter Papier bekritzelt in der Vor­stel­lung, es sei wich­tig“1 (vgl. Lesezeichen #2). Da hat je­mand sein Leben lang mit äu­ßer­ster Mühe und Akri­­bie und in quälender Lang­samkeit an Texten gearbeitet – und zweifelt am Ende an der Not­wen­digkeit seines Schrei­bens. Aber als gälte es, diesem Zweifel zuvor­zukom­men, aus der Not(wen­dig­keit) eine Tugend zu ma­chen, ent­wickelt er die Vorstellung, es sei wichtig zu schrei­ben: die sub­jek­ti­ve Idee, nicht nicht schreiben zu können, sei auch objektiv von Bedeutung, könne gar als Ideal ver­stan­den werden. Wobei sich der Leser der Ro­mane Flauberts im­mer wieder vor Augen halten soll­te: Flaubert ist wahr­schein­lich im Be­wusst­sein ge­storben, sich ver­geblich abgemüht zu haben. Für ihn ist seine Idee rein subjektiv ge­blie­ben: eine Frage des „Stolzes“ und der „Selbstachtung“ (so Michel Winock im letzten Kapitel seiner monumentalen Flaubert-Bio­graphie2).

1 Flaubert – Turgenev. Briefwechsel 1863-1880, hrsg. v. P. Urban, Berlin 1989, S. 173 (Brief Flauberts an Turgenev v. 22.12.1878)
2 Vgl. Michel Winock, Flaubert, übers. v. H. Brühmann u. P. Willim, München 2021, S. 552.
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Textmenagerie – Splitter # I.1

„Hammer und Meißel in der Hand / Immer wieder gegen die Wand / Unerbittlich das Ticken der Uhr / Staubiger Schutt weicht neuer Struktur.“ (Die Wände, GRCD 1509, 2022, Song „Die ewige Baustelle“)

I

Hammer und Meißel. Ich habe, solange ich denken kann, an Texten gearbeitet. Mein Schreib­werk­zeug habe ich stets bei mir getragen, nie den Schreibstift aus der Hand legen können, auch wenn dieser heu­te eher elektronischer Natur ist (Notebook, Tablet oder Smartphone). Nachdem aber mein letz­tes Buch veröffent­licht war, konnte ich monatelang überhaupt nicht mehr schreiben. Es gab eine Blo­ckade, nicht eine Leere, wie nach getaner Arbeit, sondern eine Mauer, die ich nicht überwinden, eine Wand, die ich nicht durch­drin­gen konnte. „Was“, dachte es undeutlich in mir, „wenn dies jetzt alles war, wenn diese au­to­fiktionalen Texte, mit denen ich meine letzten Jahre ver­brachte, auch mein letztes Wort sein wür­den? Unausdenkbar, dass dieses Programm philosophi­scher Autofik­tio­na­li­tät über die Grenze der Enttäuschung hinaus noch weiter­ge­trieben werden könn­te (vgl. Lesezei­chen #1) – eigentlich müss­­te es korrigiert, mindestens mo­difiziert werden.“ Und so machte ich mich auf den Weg ei­nes Wi­derstandes, der der edelste von allen Widerständen ist: auf den des Selbst-Widerstands …

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Break – Lesezeichen #10

Entäuschendes denken, lesen,

z.B. im letzten Monat:

Isaiah Berlin, Russische Denker (1978)

Lesezeichen: „Weit verbreitet war das Gefühl sozialer wie auch intellektueller Min­derwertigkeit gegenüber der westlichen Zivilisation; es [Rußland] war eine Gesell­schaft, die durch willkürliche Einschüchterung von oben und eine abstoßende Ange­paßtheit und Unterwürfigkeit von unten entstellt war, in der Menschen, die auch nur etwas Unabhängigkeit, Eigenständigkeit oder Charakterfestigkeit besaßen, kaum eine Möglichkeit zu einer normalen Entwicklung fanden.“ (Frankfurt / M. 1981, S. 347)

Um den soeben begonnenen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine besser ver­ste­hen zu können, wird man sich, so scheint es mir, nicht nur auf die politische, son­dern auch auf die sozio-kulturelle Geschichte Russlands beziehen müssen.

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Break – Lesezeichen #9

Entäuschendes denken, lesen,

z.B. im letzten Monat:

Bertrand Russell, Warum ich kein Christ bin (1957)

Lesezeichen: „Die Erde wird nicht immer bewohnbar bleiben; das Menschenge­schlecht wird aussterben, und wenn sich das kosmische Geschehen hiernach recht­fertigen soll, wird es das anderswo tun müssen als auf der Oberfläche unseres Plane­ten. Und selbst dann müsste es früher oder später enden.“ (Hamburg 1968, S. 42 & Berlin 2017, S. 57)

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Break – Lesezeichen #8

Entäuschendes denken, lesen,

z.B. im letzten Monat:

Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands (1975-1981)

Lesezeichen: „Diese Werke, in denen die Traditionen einer Literatur erhalten blieben, standen außerhalb der Raserei, die im Land des Sprachursprungs um sich griff, doch würden sie im Vakuum, in dem sie sich jetzt befanden, die Spaltung überbrücken und eine Beziehung herstellen können zu jenen, deren Aufnahmefähigkeit mit jedem Tag mehr zerstört wurde, fragten wir uns. Da hatten wir wieder die Idee der Unverwüst­lich­keit fundamentaler Werte heranzuziehn, die alle Katastrophen überstehen (…)“ (Frankfurt / M. 1983, S. 303 & Frankfurt /M. 2016, S. 375)

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Break – Lesezeichen #7

Entäuschendes denken, lesen,

z.B. im letzten Monat:

Albert Camus, Christliche Metaphysik und Neoplatonismus (1936)

Lesezeichen: „In dieser pessimistischen Ansicht [der Gnosis] über die Welt und die­ser stolzen Verweigerung der Anerkenntnis äußert sich eine geradezu moderne Sen­sibilität.“ (Hamburg 1978, S. 62)

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Break – Lesezeichen #6

Entäuschendes denken, lesen,

z.B. im letzten Monat:

Albert Camus, Der Mensch in der Revolte (1951)

Lesezeichen: „Wenn der Nihilismus gekennzeichnet ist durch die Unfähigkeit zu glauben, so besteht sein bedenklichstes Symptom nicht im Atheismus, sondern in der Unfähigkeit zu glauben, was ist, zu sehen, was geschieht, und zu leben, was sich dar­bietet.“ (1984, S. 57 bzw. 2020, S. 98)

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Break – Lesezeichen #5

Entäuschendes denken, lesen,

z.B. im letzten Monat:

Clément Rosset, Das Reale. Traktat über die Idiotie (1977)

Lesezeichen: „Von der Tragik des Todes ist man noch weit entfernt, wenn man mit grenzenloser Bekümmerung der Notwendigkeit gewahr wird, selber sterben und ei­nes Tages alles Liebgewordene verlassen zu müssen. Denn bei genauerer Betrachtung bleibt den Dingen, die ich verlasse, auch nicht mehr viel Zeit, und sie haben mich zum Teil sogar schon von dem Augenblick an verlassen, in dem ich ihrer Vergäng­lichkeit eingedenk wurde.“ (Frankfurt/M. 1988, S. 89)

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Break – Lesezeichen #4

Entäuschendes denken, lesen,

z.B. im letzten Monat:

Bernhard Groethuysen, Die Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschau­ung in Frankreich (1927)

Lesezeichen: „Das Problem des Todes hat keine Lösung gefunden. In dem sonst so klaren Bild, das das bürgerliche Bewußtsein sich geschaffen hat, bleibt etwas Dunk­les, Unbekanntes. (…) Man bestreitet nicht einfach die Lösungen, die die katholische Lehre für diese Probleme den Menschen darbot; man lehnt sozusagen die Problem­stellung selbst ab.“ (Band 1, Frankfurt/M. 1978, S. 138 & 139)

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