À propos „opus parvum“ #3

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À propos „opus parvum“ #2b

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À propos „opus parvum“ #2a

This is the english version; for the german original see below.

When it came to the question of which cover to give my recently published book, it was clear: this question could not only be decided graphically, it also had to be decided in terms of content. The cover should refer to a central chapter or to a core idea of my book.

Although I had toyed with the idea of using Paul Klee’s painting „Der Gespensterschwur“ [„The ghostly oath“] as the basis for the book cover at a very early stage (an image of the original can be found on the web, for example, here), I initially rejected this idea.

Together with the artist Detlef Günther, who advised me on this question, I initially had the impression that an image by Klee might perhaps awaken the wrong associations or leave the impression of the dusty, conservative, backward.

The first choice therefore fell on an image of the cube „Acccession II“ by Eva Hesse, which is mentioned in a section of the chapter „Four retrospective-biographical, self-reflective sketches“, there in connection with my idea of Weltthabe or Weltverhaftung (cf. in the book p. 175f).

The first draft therefore looked relatively simple, with a frontal image of Eva Hesse’s cube:

The title of the book at that time had been something else: „Subversions of Thinking“. The reason for this was that I initially assumed that all three forms of thinking: Disappointing Thinking (VdD I), Resistant Thinking (VdD II) and Utopian Thinking (VdD III), were sub­versive.

Later, in the further course of the work, more precisely, during my work on the first in­tro­duc­to­ry chapter, which I wrote last, I realised, however, that in the strict sense this could only apply to resistant thinking. That’s why I came up with the idea of „versions“ in the sense of „turns“.

The two drafts that followed the first draft of the title relatively quickly were, however, still concep­tualised under the old assumption of subversive thinking as a whole and, moreover, were further oriented towards the image of Eva Hesse’s cube.

Because the frontal image of the cube seemed misleading to me – as if it were about the cube itself and not about the story connected with it (see below) – I decided, together with Detlef Günther, to put only the edge and a hint of the inside of the cube on the cover.

The second draft of the book’s title therefore only offered a partial view of the cube and loo­ked as follows:

However, I was not satisfied with this design either. The picture communicated coolness and hardness, even though the interior of the cube was supposed to create a more lively, organic impression. And thus the picture also contradicted the spirit of the story that I mention in my book:

The visitor to an exhibition of Eva Hesse’s works organised in 1968, fascinated by the soft ma­terial inside the cube, had bent so far over its edge that he had fallen into the cube and damaged it considerably.

The consequence of my renewed dissatisfaction with the draft of the title was that we were now looking for a completely different cover. The consensus between myself and Detlef Günther was still that at least a detail of the book cover should show Eva Hesse’s cube.

So Detlef Günther designed a radical counter-draft to the first two drafts. The aim was to em­phasise the innovative and contemporary nature of my approach, because we both had the impression that this was not clear enough in the previous cover designs.

The third cover design then showed Eva Hesse’s cube only shadowed in the background of an otherwise rather gaudy cover:

 

Even though this design was probably not the last word, Detlef Günther and I could have continued along this path and probably found a cover for my book that would fit even better into our time.

But if I was honest with myself and wanted to be – authenticity in a philosophical context is perhaps one of the most important virtues of all – I had to admit to myself that I was not looking for such contemporaneity.

In my book, I am pursuing what I think is an unprecedented and insofar innovative ap­proach. But the message I convey with it is, in the best, perhaps Nietzschean sense, un­time­ly: against the tide …

I never wanted to be, although I suppose I have become, the son of my time. I never had much use for the world in which I grew up and in which I had to assert myself against my will. So how should I now seek their contemporaneity?

So, true to the Echternach Spring Procession, after I had dared to take two steps forward, I took another step back and ended up again with the „ghost oath“. More about that in an upcoming blog post.

 

This is the german original:

Als es um die Frage ging, welches Cover mein jüngst veröffentlichtes Buch erhalten sollte, war klar: Diese Frage konnte nicht nur graphisch, sie musste auch inhaltlich entschieden werden. Das Cover sollte auf ein zentrales Kapitel oder auf einen Kerngedanken meines Buches verweisen.

Obwohl ich schon sehr früh mit dem Gedanken gespielt hatte, das Bild von Paul Klee „Der Gespen­ster­schwur“ zur Grundlage des Buchcovers zu machen (eine Abbildung des Ori­gi­nals im Netz findet sich z.B. hier), verwarf ich diesen Gedanken zunächst.

Ich hatte, gemeinsam mit dem Künstler Detlef Günther, der mich in dieser Frage beriet, an­fäng­lich den Eindruck, ein Bild von Klee könne vielleicht falsche Assoziationen wecken oder den Eindruck des Angestaubten, Konservativen, Rückständigen hinterlassen.

Die erste Wahl fiel deshalb auf eine Abbildung des Kubus „Acccession II“ von Eva Hesse, der in ei­nem Abschnitt des Kapitels „Vier retrospektiv-biographische, selbstreflexive Skiz­zen“ meines Buches er­wähnt wird (S. 175f), dort im Zusammenhang mit meiner Idee der Welthabe oder Weltverhaftung.

Der erste Entwurf sah daher relativ einfach aus, mit einer frontalen Abbildung des Kubus von Eva Hesse (vgl. o. Abb. 1).

*

Der Titel des Buches war zu dem Zeitpunkt noch ein anderer gewesen: „Subversionen des Denkens“. Der Grund dafür war, dass ich zunächst annahm, alle drei Formen des Den­kens: Enttäuschendes Den­ken (VdD I), Widerständiges Denken (VdD II) und Utopisches Denken (VdD III), seien subversiv.

Später, im weiteren Verlauf der Arbeit, genauer, während meiner Arbeit am ersten ein­lei­ten­den Ka­pitel, das ich zuletzt schrieb, erkannte ich jedoch, dass das im strengen Sinne nur vom wider­stän­di­gen Denken gelten konnte. Deshalb kam ich am Schluss auf die Idee der „Version“ i. S. v. „Wendung“.

Die beiden auf den ersten Titelentwurf relativ rasch folgenden Entwürfe wurden jedoch noch unter der al­ten Annahme eines insgesamt subversiven Denkens entworfen und ori­en­tier­ten sich darüber hin­aus wei­ter an der Abbildung des Kubus von Eva Hesse.

Weil mir die frontale Abbildung des Kubus missverständlich erschien – als ginge es um den Kubus selbst und nicht um die damit verbundene Geschichte (s. u.) – entschied ich mich gemeinsam mit Det­lef Günther, nur den Rand und eine Andeutung des Inneren des Kubus  aufs Cover zu setzen.

Der zweite Titelentwurf des Buches bot deshalb nur eine Teilansicht des Kubus (vgl. o. Abb. 2).

*

Auch dieser Entwurf stellte mich jedoch nicht zufrieden. Das Bild strahlte Kühle und Här­te aus, ob­wohl das Innere des Kubus einen eher lebendigen, organischen Eindruck er­we­cken sollte. Und da­mit widersprach das Bild auch dem Geist der Geschichte, die ich in mei­nem Buch (ebd.) erwähne:

Der Besucher einer 1968 organisierten Ausstellung der Werke Eva Hesses hatte sich, fas­zi­niert vom weichen Material im Inne­ren des Kubus, so weit über dessen Rand gebeugt, dass er in den Kubus hin­eingefalllen war und ihn erheblich beschädigt hatte.

Die Folge meiner erneuten Unzufriedenheit mit dem Titelentwurf war, dass wir nun nach einem völlig anderen Cover Ausschau hielten. Konsens zwischen mir und Detlef Günther war aber zu dem Zeitpunkt immer noch, dass ein Detail des Buchumschlags den Kubus von Eva Hesse zeigen soll­te.

Also entwarf Detlef Günther einen radikalen Gegenentwurf zu den beiden ersten Ent­wür­fen. Mit ihm sollte das Innovative und Zeitgemäße meines Ansatzes betont werden, weil wir beide den Ein­druck gewonnen hatten, dass das mit den bisherigen Coverentwürfen nicht deutlich genug wurde.

Der dritte Coverentwurf zeigte dann den Kubus Eva Hesses nur noch abgeschattet im Hin­ter­grund eines sonst eher knallig geratenen Umschlags (vgl. o. Abb. 3).

*

Auch wenn dieser Entwurf wahrscheinlich noch nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen wäre, hät­ten Detlef Günther und ich auf diesem Wege weitergehen und wahrscheinlich ein noch besser in un­se­re Zeit passendes Cover für mein Buch finden können.

Aber wenn ich ehrlich zu  mir war und sein wollte – Authentizität ist im philosophischen Kontext  vielleicht einer der wichtigsten Tugenden überhaupt –, musste ich mir ein­ge­ste­hen, dass ich solche Zeitgenossenschaft nicht suchte.

In meinem Buch verfolge ich zwar einen, ich denke, so noch nie dagewesenen und insofern in­no­vativen Ansatz. Aber die Botschaft, die ich mit ihm vermittle, ist im besten, vielleicht nietzschea­ni­schen Sinne unzeitge­mäß: against the tide

Ich wollte nie, obwohl ich es wohl geworden bin, der Sohn meiner Zeit sein. Ich habe für die Welt, in der ich groß wurde und in der ich mich, against my will, behaupten musste, nie viel übrig gehabt. Inwiefern sollte ich also jetzt deren Zeitgenossenschaft suchen?

So ging ich, getreu der Echternacher Springprozession, nachdem ich mich zwei Schritte nach vorne gewagt hatte, wieder einen Schritt zurück und landete erneut beim „Ge­spen­ster­schwur“. Darüber mehr in einem kommenden Blogbeitrag.

 

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À propos „opus parvum“ #1

This is the english version; for the german original see below.

A long-time friend recently surprised me in an email with a characteristic of my recently published book. He called it – with a certain irony, though without malice – my „opus magnum“, probably thinking of my age and the not-so-coincidental circumstance that I have not published a more extensive book so far, although this was perhaps expected all these years.

In fact, I have published a lot of texts and a series of anthologies in the last forty years (cf. bibliography). However, I never had the will for a larger form, not even with my first, ra­ther late book Der Begriff Zeit in der Psychopathologie, published in 2009, which was merely composed of five individual texts, although they widely referenced to each other.

Model analyses have always had a stronger appeal for me than sprawling arguments. In accordance with the insight of my old friend Thilo von Trotha: „Unfortunately, academics do not have the time to be brief“, I have therefore always tried to be concise. The price I paid for this was that it was difficult for everyone, and sometimes even for me, to overview the – undoubtedly existing – connections between the individual texts in detail or to high­light them clearly.

This disadvantage is now remedied in my recently published book, the first larger form I am presenting: Versionen des Denkens I: Entäuschendes Denken (Parodos Verlag Ber­lin 2021, link here), because I reflect on and establish the connections between the individual parts and with my earlier texts that make up this larger form in the book itself.

The small form, which, in the style of Kafka’s „small literature“, has been so important to me over the years and continues to be so (Kafka’s texts play an important role in my book), has been absorbed into the larger form, it has been „preserved“ in it. In this respect, my book has perhaps become an „opus magnum“, but rather not in the sense of content, but rather in the formal sense, so indeed an „opus parvum“.

Nevertheless, some things have changed in terms of content compared to my earlier, „smaller“ texts. In most of my earlier texts the interpretation of other texts, i.e. the her­me­neu­ti­cal practice, had been in the foreground. I had mostly produced texts about texts about texts etc., and thus adapted myself to the usual academic habitus in the context of the humanities and cultural sciences: a textual-scientific habitus.

However, I have always wanted to break with this habitus, at least since my text Dies­seits und / oder jenseits des Binarismus from 2006. I have never been fond of the conception of philosophical discursivity as a scientific attitude of reasoning, which has been valid in the occidental tradition since Aristotle – at least when reasoning was given priority and the em­phasis was on “scientific”.

For reasoning necessarily has a double limit: a limit of form and a limit of content. It can­not justify itself, i.e. it can only justify the truth of its propositions insofar as it pre­sup­po­ses a historically contingent concept of truth anchored in a historical apriori. And it can – precisely for this reason – only ever maintain its claim in a consistent circle of mutually justifying propositions.

But in view of such a „dilemma“, what has priority over scientific reasoning in phi­lo­so­phi­cal discourse? It is the conceptual representation of life experiences that we, nolens volens, base all our conceptual constructions on: on the one hand the trivial empirical ex­pe­rien­ces, the truisms of understanding and reason, and on the other hand the grave ethical ex­pe­rien­ces that we try to grasp with concepts such as suffering, transience, loss, lack, etc.

These are the disappointments that we experience in our lives. They are the funda­men­tals of all our thinking, and this fundamentality of disappointments is the one disappoint­ment, the first, that philosophical discourse must face. Certainly, this disappointment is based on hope, on which the resistance against all disappointment necessarily falls back. But that will be left to the further volumes of my „opus magnum“, written in small letters, of cour­se, i.e. my „opus parvum“.

 

This is the german original:

Ein langjähriger Freund überraschte mich vor kurzem in einer E-Mail mit einer Bezeich­nung für mein jüngst veröffentlichtes Buch. Er nannte es, sicherlich mit einer ge­wissen Ironie, wenn auch ohne Häme, mein „Opus Magnum“; wobei er wahrscheinlich an mein Alter und an den nicht eben zufälli­gen Um­stand dachte, dass ich bislang – obwohl das vielleicht all die Jahre erwartet wurde – kein um­fang­rei­che­res Buch veröffentlicht habe.

Tatsächlich habe ich in den letzten vierzig Jahren eine Menge Texte und eine Vielzahl von Sam­mel­bän­den veröffentlicht (vgl. Bibliographie). Nie habe ich jedoch den Willen zu einer größeren Form gehabt, nicht einmal bei meinem ersten, erst recht spät, 2009, ver­öf­fent­lich­ten Buch Der Begriff Zeit in der Psy­cho­pa­tho­lo­gie, das lediglich aus fünf ein­zel­nen kleineren, wenn auch weitläufig aufeinander ver­wei­sen­den Texten kompo­niert wur­de.

Modellanalysen hatten für mich immer einen stär­ke­ren Reiz als ausufernde Ar­gu­men­ta­tio­nen. Der Ein­sicht meines alten Freundes Thilo von Trotha gemäß: „Akademiker ha­ben lei­der nicht die Zeit, sich kurz zu fassen“, habe ich mich deshalb stets um prägnante Kürze bemüht. Der Preis dafür war, dass es jedem und manchmal selbst mir schwer fiel, die – zweifellos vorhandenen – Zusammenhänge zwischen den ein­zel­nen Texten im De­tail zu über­blicken oder klar herauszustellen.

Dieser Nachteil ist nun in meinem jüngst veröffentlichten Buch, der ersten größeren Form, die ich vor­le­ge: Versionen des Denkens I: Enttäuschendes Denken (Parodos Verlag Berlin 2021, hier Link), behoben, weil ich die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Teilen und mit meinen früheren Texten, aus denen diese größere Form be­steht, im Buch selber reflektiere und herstelle.

Die kleine Form, die mir, in Anlehnung an Kafkas „kleine Lite­ra­tur“, in all den Jahren so wichtig war und weiterhin ist (Kaf­kas Texte spielen in meinem Buch eine nicht eben un­er­heb­liche Rolle), ist in die grö­ßere Form aufgegangen, sie ist in ihr – um mich dia­lek­tisch auszudrücken: – „auf­gehoben“. Insofern ist mein Buch vielleicht ein „opus mag­num“ ge­wor­den, aber eher nicht im inhaltlichen, sondern im for­ma­len Sinne, also dann doch eher ein „opus parvum“.

*

Dennoch hat sich auch inhaltlich gegenüber meinen früheren, „kleineren“ Texten Eini­ges verändert: In den meisten meiner früheren Texte hatte das Deuten an­de­rer Texte, also die Hermeneutik, im Vor­der­grund gestanden. Ich hatte zumeist Tex­te über Texte über Texte usw. usf. produziert und mich damit dem üblichen aka­de­mi­schen Habitus im Kon­text der Geistes- und Kultur­wis­sen­schaf­ten, einem text­wis­sen­­schaft­­li­chen Habitus, an­ge­passt.

Mit diesem Habitus wollte ich jedoch schon immer brechen, spätestens seit meinem Text Diesseits und / oder jenseits des Binarismus von 2006. Die in der abend­­län­dischen Tra­di­tion seit Aristoteles geltende Auffassung philosophischer Diskursivität als einer wis­sen­schaftlichen Haltung des Begründens fand ich nie sonder­lich überzeugend – zu­min­dest wenn das Begründen prioritär gesetzt wurde und die Betonung auf wissen­schaft­lich lag.

Denn das Begründen gerät notwendigerweise an eine doppelte Grenze: an die seiner Form und an die seines Inhalts: Es kann sich nicht selbst begründen, d.h. es kann die Wahrheit seiner Sätze nur insofern begründen, als es einen historisch kon­tingenten, in ei­nem hi­sto­ri­schen Apriori verankerten Begriff von Wahrheit voraussetzt; und es kann seinen An­spruch – eben deshalb – immer nur in einem allenfalls kon­sis­ten­ten Kreis von sich gegen­seitig begründenden Sätzen aufrecht erhalten.

Aber was ist angesichts eines solchen „Dilemmas“ gegenüber dem wissen­schaft­lichen Be­gründen im philosophischen Diskurs prioritär? Es ist die begriffliche Dar­stellung von Le­bens­er­fah­run­gen, die wir, nolens volens, all un­se­ren begrifflichen Konstruktionen zu­grunde legen: zum einen die trivialen empiri­schen Erfahrungen, die Binsenwahr­heiten des Verstandes und der Vernunft, und zum anderen die gra­vi­a­len ethischen Erfahrun­gen, die wir mit Begriffen wie Leid, Vergänglichkeit, Ver­lust, Mangel usw. zu fassen ver­suchen.

Das sind die Enttäuschungen, die der Ausgangspunkt all unseres Denkens sind, und das, diese Fun­da­men­ta­li­tät der Enttäuschungen, ist die Enttäuschung, die er­ste, der sich der philosophische Diskurs stel­len muss. Sicher, dieser Ent­täuschung liegt eine Hoff­nung zu­grun­de, auf die der Widerstand zu­rück­greift, der sich schon bald, gegen alle Ent­täuschung, breit macht. Aber das darzustellen bleibt den wei­te­ren Bänden meines „opus magnum“, klein geschrieben natürlich, also meines „opus parvum“ vor­be­hal­ten.

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Additions to the last blog entry „The end of a year“ / Ergänzungen zum letzten Blogeintrag „Das Ende eines Jahres“

This is the english version; for the german original see below.

One of my long-time readers, N. B. Innuendo, brings to my attention a possible mis­un­der­stan­ding of some sentences in my last blog post. He writes: „Surely, when you write that the pandemic is man-made, you do not mean that the pandemic will eventually eliminate us. That, even if the casualty figures are high, would be an exaggeration, wouldn’t it?“ Indeed, it would be. But I didn’t mean it that way either. What I meant was: this pandemic is a paradigm for the threats we have to face if we don’t change course. First we, or rather those who do not want to perceive those threats – the so-called „Trumpists“, to whom Bolsonaro I mentioned also belongs – will abolish de­mo­cra­cy. And in the consequence then (presumably world) wars for the still remaining and further decimating re­sources will be led, which could bring us already considerably near to the end of mankind.

We have been experiencing a foretaste of this three-stage scenario for years through the attempts of new-right movements, led by their new role model in the Trump esta­blish­ment – hence the talk of „Trumpists“ – to deny the facts and thus undermine the democracy that is based on facts. Whether or not the mob that stormed the Capitol in Washington, D.C. on its Save America March on 6/1/21 was directly incited to do so by Trump is open to question. The long-term problem is that in the cradle of modern democracy more than 70 million voters gave their vote to this tribune, not, to point it out, at the beginning of his term in office, when people could still have been deceived about his true goals, but at the end, when there could no longer be any doubt about these goals. The desire for self-abolition of democracy, as a foretaste of the end of humanity, at least in the sense of „human(e)ity“, has thus become more than obvious.

*

The end of mankind is often mentioned in the first volume of my book project „Versions of Thinking“, but only as a natural event, as a supplement to the end of history, which is also mentioned in it. But probably the difference, just because of the structure of im­ple­mence and because it is about the „whole“, is not so big. This is exactly what the at­ten­tive, philosophical observer experiences through the pandemic. The natural end of hu­man(e)ity is always also its historical end – that exactly means „implemence“: With the One, outside of which there is not the Other, the Other perishes. But we, we intellectuals, have imagined the historical end somewhat differently. Or not? Perhaps as a transfor­mation of nature or, as Adorno would put it, as a reconciliation with it. But certainly not as its own end – for that is precisely what „emergence“ means: With the Other, outside of which the One still exists, the One does not perish.

I would like to put it this way: Utopian thinking, which is to become the subject of the third volume of my trilogy (whether it will or not is written in the stars), is having such a hard time at present partly because human(e)ity is in the process of abolishing itself. Not as the trans-, post- or metahumanists imagine it: as a triumph of the strengths of mankind over its weaknesses, but as a triumph of its stu­pidity and ignorance. Much can be said about this stupidity and ignorance, which has become espe­cially evident in the last decades of human history. One day, I suppose, it will prevail to give even the old Darwin still a proper fright. And whether this will be then in the end the victory of im­ple­­mence over emergence or vice versa, we can leave confidently on itself. There will then be probably nobody who could still determine that. Or will there be? (Cf. here my abbreviatory speculation on the pages 98f and 288 of my book).


This is the german original:

Ergänzungen zum letzten Blogeintrag „Das Ende eines Jahres“

Einer meiner langjährigen Leser, N. B. Innuendo, macht mich auf ein mögliches Miss­ver­ständ­nis ei­niger Sätze in meinem letzten Blogbeitrag aufmerksam. Er schreibt: „Si­cher­lich meinen Sie, wenn Sie schreiben, die Pandemie sei menschengemacht, nicht, dass wir uns durch die Pandemie am En­de auch selbst abschaffen. Das wäre doch wohl, auch wenn die Opferzahlen hoch sind, eine Über­treibung, oder?“ In der Tat, das wäre es. Aber so habe ich es auch nicht gemeint. Was ich meinte, war: Diese Pandemie ist ein Paradigma für die Bedrohungen, die uns noch bevorstehen, wenn wir nicht umsteuern. Erst schaffen wir bzw. diejenigen, die die Bedrohungen nicht wahrha­ben wollen – z.B. die so genannten „Trumpisten“, zu denen ja auch der von mir erwähnte Bolsonaro ge­hört – die Demokratie ab. Und in der Folge werden (vermutlich Welt-) Kriege um die noch verbliebenen und sich weiter dezimierenden Ressourcen geführt werden, die uns dem Ende der Menschheit dann schon beträchtlich nahe bringen könnten.

Einen Vorgeschmack auf dieses Drei-Stufen-Szenario erleben wir seit Jahren durch die Ver­suche neu­rechter Bewegungen, angeführt durch ihr neues Vorbild im Establishment Trump – eben des­halb die Rede von „Trumpisten“ – die Fakten zu leugnen und so die De­mo­kratie, die auf Fakten be­ruht, zu unterhöhlen. Ob nun der Mob, der am 6.1.21 auf seinem Save America March das Ka­pi­tol in Washington D. C. gestürmt hat, dazu von Trump direkt angestachelt wurde, sei da­hin­ge­stellt. Das langfristige Problem besteht darin, dass in der Wiege der mo­dernen De­mokratie mehr als 70 Millio­nen Wähler die­sem Volkstri­bun ihre Stimme gege­ben haben, u. z. wohlgemerkt nicht am An­fang seiner Amtszeit, an der man sich über dessen wahre Ziele noch hätte täu­schen (las­sen) kön­nen, son­dern am En­de, an dem es keine Zwei­fel mehr an diesen Zie­len geben konnte. Der Wunsch nach einer Selbst­ab­schaf­fung der De­mokratie, als Vorge­schmack auf das Ende der Mensch­heit, zu­mindest im Sinne von „Menschlich­keit“, ist auf diese Weise mehr als offen­bar gewor­den.

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Vom Ende der Menschheit ist im ersten Band meines Buch-Projekts „Versionen des Den­kens“ üb­rigens oft die Rede, jedoch nur als Naturereignis, als Ergänzung zum Ende der Geschichte, von dem in ihm auch die Rede ist. Aber wahrscheinlich ist der Unterschied, eben aufgrund des Im­ple­menz­ver­hält­nisses und weil es in ihm ums „Ganze“ geht, auch nicht so groß. Genau das erfährt nun der auf­merksa­me, philo­so­phische Beobachter durch die Pandemie. Das natürliche Ende der Mensch­heit ist immer auch ihr ge­schicht­li­ches Ende – genau das bedeutet ja „Implemenz“: Mit dem Einen, außer­halb dessen es nicht das Andere gibt, geht auch das Andere zugrunde. Aber das geschichtliche Ende ha­ben wir, wir Intellek­tuellen, uns dann ja doch etwas anders vorgestellt. Oder nicht? Viel­leicht als Transforma­ti­on der Natur oder, wie es Adorno formulieren würde, als Versöhnung mit ihr. Mit Si­cherheit aber nicht als deren eigenes Ende – denn genau das bedeutet ja „Emer­genz“: Mit dem Ande­ren, au­­ßer­halb dessen es noch das Eine gibt, geht nicht das Eine zugrunde.

Ich möchte es so formulieren: Das utopische Denken, das Gegenstand des dritten Ban­des meiner Trilogie werden soll (ob es es wird, steht in den Sternen, ist selbst eine Art Utopie), hat gegenwärtig auch deshalb einen so schweren Stand, weil die Menschheit dabei ist, sich selbst abzuschaffen. Nicht so, wie es sich die Trans-, Post- oder Me­ta­hu­ma­ni­sten vorstellen: als Triumph der Stärken der Menschheit über ihre Schwächen, sondern als Triumph ihrer Dummheit und Ignoranz. Viel lässt sich über diese Dumm­heit und Ignoranz, die besonders in den letzten Dezennien der menschlichen Ge­schich­te deutlich geworden ist, sagen. Eines Tages, vermute ich, wird sie sich durchsetzen, um selbst dem alten Dar­win noch einen gehörigen Schrecken zu versetzen. Und ob das am Ende dann der Sieg der Imple­menz über die Emergenz oder umgekehrt sein wird, kön­nen wir getrost auf sich beruhen lassen. Es wird dann ja wohl niemanden mehr geben, der das noch feststellen könnte. Oder doch? (Vgl. hier­zu meine abbreviatorische Spe­ku­la­ti­on auf den Seiten 98f und 288 meines Buches.)

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The end of a year / Das Ende eines Jahres

This is the english version; for the german original see below.

2020 was a hard and stressful year for me, but also an exciting and enlightening one.

*

The year was hard and stressful because, due to the Corona pandemic, in addition to all the other dangers and adversities that this pandemic brought with it – I think for every­one – I was no longer able to do those things in my two contexts of work that are im­por­tant to me, or only to a very limited extent. My two contexts of work are: my writing and my teaching.

I’ll start with the latter: I enjoy teaching, but only through direct, „analog“ contact with my students and not through „digital“ media. No matter what was said during the Co­ro­na pandemic about the blessings of the digital age, anyone who believes that teaching and learning without direct contact between teachers and students is as intensive or even as effective as face-to-face contact is deluded. There is no „substitute“ for face-to-face teaching. And if digital media can play an effective role in the classroom at all, then only if teachers finally give up this empty, hollow ideal of substitution. It is precisely those teachers who claim to „substitute“ direct, „analog“ contact with students via „di­gi­tal“ media who will fail in their teaching activities. He or she is oriented towards a post­mo­dern ideal that is often proclaimed, but can never be realized. I have experienced this myself this year and have had it confirmed again and again in exchanges with my colleagues in the field.

But also my writing activity has suffered from the consequences of the Corona pan­de­mic this year – more precisely, not my writing, but publishing activity. As my readers know and have widely become aware of in this blog, the first part of my long planned book trilogy „Versions of Thinking“ was already finished at the beginning of the year (see my blog entry of 10.1.20). Together with my publisher, I then decided to postpone the publication, as under the restrictive regulations that came into force in March to contain the pandemic it seemed hardly possible to present the book to a wider public, for example through presentations at trade fairs, through readings or other release events. The same procedure was then repeated in the fall when it became clear that there would again be a prolonged lockdown / shutdown (or whatever). So now the book will not be published until January 2021 – a year after its completion and despite the danger of being lost in the general cultural inattention that the pandemic unfortunately brings.

*

However, the year was not only hard and stressful, but also exciting and enlightening. As is the case with such „events“, such as the pandemic in this case, it is always possible to wrest a „gain in knowledge“ from the stresses and strains that accompany them. One part of my insight relates to my book project, the other to the context of the pandemic:

I have had to realize, paradoxically just in the pandemic, that the work on a book that is finished – at least on a book as I write it or would like to write it – never stops and that, if one does not supplement it by working on a new book project, it continues by itself (be­cause philosophical thinking never comes to an end). After I had completed a pre­li­mi­na­ry draft of my trilogy the year before last, in 2018, which then, retroactively, made the first volume in 2019 possible, I have not yet been able to start work on the second volume. For this, in order to achieve the same retroactive effect, I would first have had to complete the preliminary draft of the third volume. So I continued to write on the first volume in the year 2020, which is now coming to an end, and have incorporated some of this work into the already completed book, among other things a chapter on the logical theory of intension). The originally envisaged 320 pages, which the publisher had once announced, turned into more than 400 pages in the end.

The pandemic was and is not a purely natural event – if I have understood it correctly, it is man-made – but it comes across as a natural event because it hits us on our most vulnerable, biological side. It is, so to speak, the confirmation of my thesis of the im­ple­men­ta­ti­on relationship between nature and culture, which is also explained briefly in my book. This thesis says: A culture becomes a violence against itself as an emergent of nature, if it denies or excludes nature, which is its implemental basis. In this case, it excludes it in such a way that even the last natural refuges are razed to the ground. The attitude of the – clearly fascist – Brazilian President Bolsonaro before and during the pandemic was „exemplary“ in this respect – it gives us an „example“ of what will hap­pen if we continue to wage war against nature. First, for the sake of our survival, we abolish democracy – which has long been a thorn in the side of global capitalism (think of China) – and then, in the end, we abolish ourselves.


This is the german original:

Das Ende eines Jahres

Das Jahr 2020 war für mich ein hartes und belastendes, aber auch spannendes und auf­schluss­reiches Jahr.

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Das Jahr war hart und belastend, weil ich aufgrund der Corona-Pandemie, neben allen anderen Ge­fah­ren und Widrigkeiten, die diese Pandemie – ich glaube, für jeden –  mit sich brachte, in mei­nen beiden Arbeitskontexten nicht mehr oder nur sehr ein­ge­schränkt diejenigen Dinge tun konnte, die mir wichtig sind. Meine beiden Ar­beits­kon­tex­te, das sind: meine Schreib- und meine Unter­richtstätigkeit.

Ich fange mal mit letzterer an: Ich unterrichte gerne, aber nur im direkten, „analogen“ Kontakt mit meinen Studierenden und nicht über „digitale“ Medien. Was auch immer während der Corona-Pandemie über die Segnungen des digitalen Zeitalters verkündet wurde, wer glaubt, Lehren und Lernen sei ohne direkten Kontakt von Lehrenden und Lernenden genauso intensiv oder gar auch nur genauso effektiv möglich wie im di­rek­ten Kontakt, erliegt einer Mär. Es gibt für den Präsenz-Unterricht kei­nen „Ersatz“. Und wenn digitale Medien überhaupt eine effektive Rolle im Unter­richtsge­sche­hen ein­neh­men können, dann nur, wenn Pädagogen dieses leere, hohle Ideal des Er­satzes endlich aufgeben. Ge­rade wer als Lehrender den Anspruch erhebt, den direkten, „analo­gen“ Kontakt zu den Studierenden über „digitale“ Medien „ersetzen“ zu wollen, wird in sei­ner Unterrichtstätigkeit scheitern. Er orientiert sich an einem postmodernen Ideal, das immer wieder gerne verkündet wird, aber niemals eingelöst werden kann. Das habe ich in diesem Jahr selbst er­fahren und im Aus­tausch mit meinen Kolleg*innen vor Ort immer wieder bestätigt bekommen.

Aber auch meine Schreibtätigkeit hat unter den Folgen der Corona-Pandemie des ab­lau­fen­den Jah­res gelitten – genauer gesagt, nicht meine Schreib-, sondern Publikationstätig­keit. Wie meine Leser wissen und in diesem Blog weitläufig erfahren haben, war schon zu Beginn des Jah­res (vgl. meinen Blogeintrag vom 10.1.20) der erste Teil meiner schon lange ge­planten Buch-Trilogie „Ver­sionen des Denkens“ fertigge­stellt. Gemeinsam mit meinem Ver­leger habe ich mich dann entschie­den, die Publikation aufzu­schie­ben, da es unter den restriktiven Re­ge­lungen, die im März zur Ein­dämmung der Pandemie in Kraft tra­ten, kaum möglich schien, das Buch ei­ner breiteren Öffent­lich­keit vorzustellen, etwa durch Prä­sen­tationen auf Messen, durch Lesun­gen oder sonstige Release-Events. Dasselbe Spiel wie­der­hol­te sich dann im Herbst, als klar wurde, dass es erneut zu ei­nem längeren Lockdown / Shut­down (oder wie auch immer) kommen wür­de. So wird nun das Buch erst im Januar 2021 erscheinen – ein Jahr nach seiner Fertigstellung und trotz der Gefahr, in der allge­mei­nen kulturellen Unaufmerksamkeit, die die Pandemie leider mit sich bringt, un­terzugehen.

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Das Jahr war aber nicht nur hart und belastend, sondern auch spannend und auf­schluss­reich. Denn wie es nun einmal mit solchen „Ereignissen“, wie in diesem Falle der Pandemie, ist, lässt sich den Belastungen, die damit einhergehen, immer auch ein „Erkenntnisgewinn“ abtrotzen. Der eine Teil meines Erkenntnisgewinns bezieht sich auf mein Buchprojekt, der andere auf  den Kontext der Pandemie:

Ich habe feststellen müssen, paradoxerweise gerade in der Pandemie, dass die Arbeit an einem Buch, das fertiggestellt ist – zumindest an einem Buch, wie ich es schreibe bzw. schreiben möchte – niemals aufhört und dass sie sich, wenn man sie nicht durch die Arbeit an einem neuen Buch­pro­jekt sup­plemen­tiert,  quasi von selbst fortsetzt (weil philosophisches Denken nie an ein En­de ge­rät). An den zweiten Band meiner Trilogie konnte ich mich –  nach­dem ich im vorletz­ten Jahr, 2018, einen Vorentwurf davon ab­ge­schlos­sen hatte, der dann, retro­aktiv, den ersten Band 2019 überhaupt erst mög­lich machte – noch nicht setzen. Denn dazu hätte ich, um die gleiche retro­ak­tive Wirkung zu er­zielen, erst einmal den Vorentwurf zum dritten Band abschließen müssen. Also schrieb ich im jetzt auslaufenden Jahr, 2020, am er­sten Band weiter und habe von die­ser Arbeit noch Ei­ni­ges in das schon fertig gestellte Buch einfließen lassen, unter an­de­rem ein Kapitel zu Gei­sterhaftem (Nicht-) Gegebensein. Aus den ursprünglich an­vi­sier­ten 320 Seiten, die der Verlag ein­mal angekündigt hatte, wurden so am Ende über 400 Sei­ten.

Die Pandemie war und ist zwar kein reines Naturereignis – sie ist, wenn ich es recht ver­stan­den ha­be, menschengemacht – aber sie kommt doch, weil sie uns an unserer verletzlichsten, eben biolo­gi­schen Seite erwischt, wie ein Naturereignis daher. Sie ist quasi die Be­stä­ti­gung mei­ner, auch in mei­nem Buch in aller Kürze erläuterten These vom Implemenzverhältnis von Na­tur und Kultur. Diese These besagt: Eine Kul­tur wird zur Gewalt gegen sich selbst als Emergent der Natur, wenn sie die Natur, die ih­re imple­men­tä­re Basis darstellt, verleugnet oder aus sich ausschließt. Und zwar in die­sem Fal­l so aus sich ausschließt, dass sie auch die letzten natürlichen Refugien noch dem Erd­bo­den gleich­macht. Die Haltung des – ganz klar faschistischen – brasilia­ni­schen Prä­si­den­ten Bolsonaro vor und während der Pandemie hatte in dieser Hinsicht „Vor­bild­cha­rak­ter“ – sie gibt uns nämlich einen Vorgeschmack da­von, was passiert, wenn wir wei­ter­hin Krieg gegen die Natur führen. Zu­nächst schaffen wir, um unser Überleben willen, die De­mokratie ab – die dem globalen Kapitalis­mus (man denke an China) ja schon lange ein Dorn im Auge ist – und am Ende dann uns selbst.

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Disappointing Thinking (excerpt #10 No. 44)

1

Half-truth of our postmodern modernity: Good is that everyone decides for himself what is good.

2

By clearing up the past alone, the present cannot be understood.

3

I am not from this world, I never was, but I am not from any other world either. How can one be at home in this disaster called mankind?

4

Philosophy is – theoretically – objection to disappointment, to the triviality of ontology, and it is – practically – objection to every form of realism, to the disappointing call: „Be realistic!“. A realistic philosophy is a disappointing absurdity. More precisely, it is the absurdity of philosophy.

5

There are, it seems, two registers in which thinking moves: that of the (disappointing) profane and that of the (utopian) sacred. But thinking does not only move in these two registers, it also moves between them, in an in-between, which, if it were to be under­stood as a register itself, would be the register of the (resistant) humane.

6

Our true opponent is ourselves.

7

To be dead does not mean that you can no longer exist. To be dead means to be cut off from an existence that can suffer death.

8

Philosophy is not so serious about the game, but certainly about the game of the game, the thinking of the thinking, the doing of the doing: the slightly different playing, the slight­ly different thinking, the slightly different doing.

9

Writing is always writing against failure – an act of resistance.

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Disappointing Thinking (excerpt #9 No. 40)

Through the posting of a befriended photographer, Daniel Harders, in a social network, I became aware of a photograph by Christian Conrad, which was published in a Tai­wa­nese photo magazine called „Snapp“ (number 21 of 2013). The picture shows a spider in front of a bright light source, possibly under a lamp or even under a glass. At the top of the page is the sentence: „Don’t forget that you are living a life behind a window.“

The ambiguity of this sentence, its literal and metaphorical interpretability, fascinated me at first sight. In fact, we mostly live behind windows / behind glass: in interiors that we call our apartments or workplaces, often in square boxes with which our cities are built. In this way we seal ourselves off, against the public, and at the same time create a view of it that gives us the feeling of not being trapped.

But we are, we know it, nevertheless trapped (like the spider in the glass of the pho­to­gra­phy). Because there is another interior space with windows in which we still live when we leave our homes and workplaces, when we go out into the public, into the „outside“ – that is ourselves. As much as we struggle and struggle, as much as we create exits and passages, as much as we let the public and the private enter into exchange, this one private space, that of separation, whose doors are our senses, remains with us.

We carry it around with us, or rather, according to Kafka’s intuition („A cage went loo­king for a bird.“): it carries us around with it. Philosophers have given much thought to this strange phenomenon of the ego / the self, and in discussing the „problem of so­li­psism“, as they like to call it, have taken absurd paths: How does the ego come to the alter ego, they asked, how does the ego come to the you? As if it hadn’t already been there – with the alter ego, with the you, hadn’t already come from there, every child knows that – from the alter ego, from the you.

Rather, the problem should have been different – and as such, on the so-called „theory level of intersubjectivity“, on which one likes to move so much today, it is still un­sol­ved: How do I get from the alter ego to the ego, from the you to the I? If one follows the paradigm of intersubjectivity instead of consciousness, this is indeed a mystery. For the human being is an open book, the public itself and the ego, seen from there, is an inner that does not exist.

And yet the question of solipsism has its underlying right (it has, so to speak, its right from below and not, as metaphysically believed, from above). It lies precisely in the phy­si­cal – literally physical – isolation in which each of us is born, lives and dies. The ego, the self, that is our body, we are, with skin and hair, not transcendental, but em­pi­ri­cal, not mental, but physical. Each of us remains always and is last – alone. There is no es­cape. Or the only escape is death.

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Disappointing Thinking (excerpt #8 No. 24)

That the Catholic Church is still so strong today is – paradoxically – due to the Re­for­ma­tion. But not in the trivial sense of an intensification of contrasts, but in the sense that what the Reformation originally intended, namely to restore the Christian message to its original purity and to heal it from infection by profane values, became the task of the Catholic Church itself, while the Reformation, in its conspiracy with the „spirit of capitalism“ (Weber), succumbed to this infection.

Here a principle prevails, a dialectical if you like, the effect of which is frequently ob­served: the supposed decadence is halted by a revolutionary or reformist movement, but the movement that stops it ultimately proves to be even more decadent than its op­po­nent. It is overtaken by the decadence it opposes. Its opponent survives or becomes even stronger, but it becomes weaker and even threatens to perish.

This is, certainly, not always the case. But the many examples of failed great attempts at revolutionary change or reformatory efforts in the history of mankind make one think: Protestantism and Marxism, the student movement and – again today – the ecological movement … It is as if there were something like a law of entropy, something like a per­ma­nent victory of conservatism, even in the cultural, social or political sphere.

This does not have to mean that the student movement and the ecological movement – to name only these – had no or only devastating effects – as some incorrigible critics like to claim again and again (compare the criticism of the alleged „old leftists“, the „old 68ers“, the „Club of Rome alarmists“, the „fundis“ etc. pp.) The opposite is the case. They had an effect, even, if one can say so, a „salutary“ one: they made progress possible in the first place.

But can anyone claim that they actually averted the catastrophe they sought to avert? They only postponed it, that is, it got stuck in a peculiar „différance“ for which we cer­tain­ly cannot blame Derrida. But isn’t that perhaps the only really convincing definition of progress: postponing the catastrophe?

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Disappointing Thinking (excerpt #7 No. 21)

With some, death occurs a little earlier – in life. When one has taken up a profession, per­haps started a family and raised one’s children, ossification may already occur, but cer­tain­ly – in view of the whole of society – a certain disillusionment. If, like me, you have not ta­ken up a career, started a family and raised children, what happens then? Surprisingly, the same thing. Only much earlier.

„Get married, you will regret it. Don’t get married, you will also regret it“ writes Kier­ke­gaard in the ecstatic lecture ‚Either / Or‘ of his youth and monumental work of the same name. In this – whether one marries or does not marry, but will regret both – beyond the individual happiness one may or may not find, at least so much is true: that the modern life of industrial and post-industrial capitalism, which is based on performance, effi­cien­cy and effectiveness, leaves us with very few real alternatives.

In 1988 the English post-punk band ‚The Godfathers‘ captured this lack of alternatives, this desolation that finally haunts us in all niches of life in the song and album title „Birth, School, Work, Death“ in an inimitable way: „Yeah I been high and I been low / And I don’t know where to go / I’m living on the never never never / This time it’s gonna be forever / I’ll live and die, don’t ask me why / I wanna go to paradise / And I don’t need your sym­pa­thy / There’s nothing in this world for me.“

For the respective individual is superfluous in the modern high-tech societies in which we live – perhaps not in relation to segments of his or her little life: his or her family, circle of friends, colleagues. But seen in its entirety. Because the whole does not collapse in on itself if he, the individual, is missing, because he – for the sake of the whole – can be replaced at any time.

This is whatever the brutal or realistic, in any case disappointing logic according to which politics today functions, not only open power politics, but also and especially social politics. Here, individual consideration is just for show, the fig-leaf for the still unsolved problem of how to reconcile the legal fact that people are governed with the social fact of their dignity. Politics as a whole – and this constitutes the discontent of every individual – is subordinated to the logic of the whole; and such a logic knows no dignity.

That human dignity concerns the individual, that it is only the individual that has dig­nity, that there is no dignity of the whole and that, in human affairs, the whole must never be at stake, humanity is still far from putting this insight into practice – not to say into practical politics. With the argument, in any case, that it is all about the whole, every act of violence can still be justified. Think of the wars that are still raging, of the fanaticism of some religions, of the fight for oil, water, clean air, etc. So – and this is the conclusion – it is not the whole picture that is at stake when it comes to the individual. This must first be understood at the end of the third term, i.e. quite late: Birth, School, Work, Death.

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