Die-Ideen-Reihe. Eine Ankündigung (demnächst auf diesem Blog)

Ich möchte das Jahr nicht beenden, ohne eine weitere Text-Reihe angekündigt zu haben, die an meinen letzten Blog-Beitrag Aus meiner Schreibwerkstatt I vom 30.11.17 anknüpft. Ich arbeitete dort, in den einzelnen Ab­bre­vi­a­tu­ren, mit einer Differenz, der von Idee und Ideal, die mich schon seit längerem beschäftigt, in elaborierter Form spätestens seit mei­nem Text Die Unausweichlichkeit von Partizipation im Band 240 des ‚Kunstforums‘ von Juni / Juli 2016 – ich werde auf diesen Text zurück­kommen.

In meinem Blog-Beitrag war die verbindende Klammer aller Abbreviaturen diese Differenz von Idee und Ideal, die eine Erweiterung meiner Idee – der unverbrüchlichen Regel – im­ple­men­tä­rer Dia­lektik darstellt. In der zentralen Abbreviatur des Blog-Beitrags heißt es: Die Idee ist eine Regel oder Regu­la­rität, die nicht ge­bro­chen werden kann. Und weil sie nicht gebro­chen werden kann, kann sie auch nie zum Ideal erhoben wer­den. Das einzige Ideal, an das die Idee gebunden werden kann, ist das Ideal der Vervollkommnung. Die fol­genden Blogbeträge sollen der Erläuterung / Kommentierung dieser Abbrevia­tur die­nen.

***

Es gibt drei Formen des Ideals, durch die sich drei Möglichkeiten eröffnen, die Differenz von Idee und Ideal zu thematisieren. Es gibt das ontische, das ethische und das ästhetische Ideal. Das ontische Ideal verbleibt in der Immanenz des Seins; es meint, mit Habermas gesprochen (Texte und Kontexte, Frankfurt/M. 1991, 142), eine „Transzendenz ins Dies­seits“. Das ethische Ideal dagegen in­sistiert auf einer Transzendenz ins Jenseits – nicht aber, wie es gelegentlich bei Levinas anklingt, aus dem Jen­seits. Und das ästhetische Ideal laviert an der Grenze zwischen beiden, diesseits und jenseits.

Über dieses ästhetische Ideal habe ich bereits in meinem gerade angeführten Text aus dem ‚Kunst­forum‘ Eini­ges geschrieben. Ich muss es deshalb hier nicht erneut diskutieren. Es bleibt aber Aus­gangs­punkt und Zentrum meiner Überlegungen, da sich die Ethik – außer in theologischen Kontex­ten – nicht gegen die Ontologie ausspielen lässt. Eine ‚Ästhetik des Widerstandes‘, wie sie mir vor­schwebt, ist sich dieser Unmöglichkeit bewusst und ex­pe­ri­men­tiert daher mit Auswegen aus dem Sein, die stets ins Sein zurückführen, also ein an­deres Sein in den Blick nehmen. Denn so wie Sein geschieht, aber nicht als Sein, ist es die Katastrophe, das Übel.

*

Ich frage, zeitgemäß oder unzeitgemäß, gleichwie: Brauchen wir Ideale? Und wenn wir sie brau­chen, wozu brauchen wir sie? Fragt man in dieser Weise nach der Notwendigkeit von Idealen, kann man die Frage erstens ontisch so formulieren: Brauchen wir Ideale als Ori­en­tie­rungs­hil­fen im Sein, etwa vor dem Hin­ter­grund der Un­terscheidung von technisch-wissenschaftlichem Ver­fü­gungs- und bedürf­nisorientier­tem Orientierungs­wis­sen (Mittel­straß)? Brau­chen wir also Ideale im schwa­chen Sinne als Richtungsmarker für Kor­rek­tu­ren einer aus den Fugen geratenen Naturbeherrschung?

Oder man kann die Frage zweitens ethisch so formulieren: Brauchen wir Ideale als Sol­lensimpe­ra­tive, die sich im Sein dem Sein entge­gen­setzen? Brauchen wir also Ideale im starken Sinne als Prinzipien zur Verwirklichung von Utopie? – Wichtig ist dabei die For­mel „im Sein gegen das Sein“. Denn da eine Ethik sich aus kei­ner Transzendenz aus dem Jenseits speisen kann, muss sie ohne Theologie oder Me­taphysik einen Ausweg aus der To­talität, dem „radikal Bösen in der totalen Gesell­schaft“ finden (Th. W. Adorno, Drei Studien zu Hegel, Ges. Schr. Bd. 5, Frankfurt/M. 1970, S. 303). Es gibt keinen anderen Weg.

*

Ich möchte in meiner Ideen-Reihe – wie ich sie abgekürzt nenne; sie müsste eigentlich Ideen-und-Ide­a­le-Reihe heißen – auf der Notwendigkeit der Differenz von Idee und Ideal, von Ontologie und Ethik beharren und fragen: In welchem Verhältnis stehen Ontologie und Ethik? Ist die Ontologie fundamental? Und wenn ja, in welchem Sinne? Was heißt hier Fundamentalität? Ist aber nicht die Ontologie fundamental, tritt dann, wie Levinas anzunehmen scheint (vgl. Die Spur des Anderen, Freiburg / München 1998, S. 103ff), die Ethik an ihre Stelle: als eine Art erste Philo­so­phie?

Aber wie wäre das zu denken? Wie soll es eine Ethik ohne Ontologie geben, ein Sollen oh­ne ein Sein, Ideale ohne Ideen? – Ich möchte zeigen, dass Ideale, sollen sie das Subjekt nicht überfordern (vgl. M. Theunissen, Kritische Theorie der Gesellschaft, Berlin / New York 1981, S. 13, 24 passim), immer an ei­ner Idee des Menschseins orientiert sein müssen, d.h. an dem, was der Mensch ideell, d.h. im Sin­ne eines Nicht-Nicht-Könnens ist, z.B. in dem eines Nicht-Nicht-Handeln-Könnens, eines Nicht-Nicht-Partizipieren-Könnens u. dgl., also in dem einer unverbrüchlichen Regel oder Regularität.

***

Aber es gibt ein Bedenken, auf das ich hier zum Schluss noch kurz eingehen möchte. Dass die Regeln, wie es heißt, dann gebrochen werden müssen, wenn das Ideal auf dem Spiel steht, kann eine von al­len guten Geistern – eben von Idealen – verlassene Philo­so­phie im­merhin dahin­ge­hend kommentie­ren, dass das Ideal ein schlechter Ratgeber für die The­o­rie sei. Diese fatalistische, an ihr Ende ge­lang­te Phi­lo­sophie könnte behaupten, im Namen von Idealen – daran sei zum 100. Jahres­tag der Okto­ber­revo­lu­ti­on oder zum 500. Jah­res­tag der Reforma­tion immerhin erinnert – sei Vieles gesche­hen, was die­sen Ide­alen di­a­me­tral widerspreche.

Meine – notgedrungen kurze – Antwort auf diesen Einwand wäre: Nur in einem Kurz­schluss von Idee und Ideal kann dieser Widerspruch konstitutiv werden. Der Fanatismus verwechselt die Idee mit dem Ideal, der Fatalismus das Ideal mit der Idee. Fallen Fa­na­tis­mus und Fatalismus in eins – und ge­nau das muss geschehen, wenn dem Ideal nicht die Idee und der Idee nicht das Ideal entgegen­ge­setzt wird, wenn also das eine dem anderen nicht widerspricht – stellt sich Verblendung ein, stellt sich ein Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang her. Die Realität wird um willen der Idealität und die Idealität um wil­len der Realität verleugnet. Die Psychoanalyse nennt diesen Geisteszustand Wahn.

Veröffentlicht unter Einfälle, Skizzen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Aus meiner Schreibwerkstatt I (Arbeitsversion 2)

„Aus meiner Schreibwerkstatt“ versammelt Textfragmente: Bruchstücke von Texten, die be­reits Texte sind. Es ist die Potentialität eines sich selbst vervollkommenden Sinns, die dieses tröstliche Paradox – eine Idee, kein Ideal – möglich macht.

*

Die Wissenschaft setzt in ihrer Arbeit die Philosophie voraus, und zwar regelmäßig. Sie braucht sie, sie kann ihr nicht entkommen. Denn sie ist ihr Emergent, ihr – zweifellos ver­un­glück­tes – Ideal.

*

Philosophen sind diejenige Spezies von Intellektuellen, die regelmäßig weiß, dass, aber auch wann man die Regeln brechen muss.

*

Die Idee ist eine Regel oder Regularität, die nicht gebrochen werden kann. Und weil sie nicht ge­bro­chen werden kann, kann sie auch nie zum Ideal erhoben werden. Das einzige Ideal, an das die Idee gebunden werden kann, ist das Ideal der Vervollkommnung.

*

Wo immer wir hinkommen, wir sind schon da. Es gibt nichts Anderes mehr. Wir sind die Re­gel. Ist das die Idee von Humanität heute? Und was wäre dann deren Ideal?

*

So wie die Renaissance sich ihre Antike konstruierte, als Ideal, so konstruieren wir uns un­se­re Renaissance.

*

Der Weg in die Zukunft, zur Verwirklichung des Ideals, führt stets über die Ver­gan­gen­heit, über die Idee der Zukunft. Eine Zukunft ohne Vergangenheit ist unerreichbar, eine Vergangenheit ohne Zu­kunft undenkbar.

*

Die Postmoderne ist eine Idee im Gewande eines Ideals: eine ästhetische Täuschung.

*

Die Wissenschaft setzt in ihrer Arbeit die Philosophie voraus, und zwar regelmäßig. Aber die Philosophie setzt nicht die Wissenschaft voraus. Sie braucht sie nicht. Denn sie ist ihr Implement, ihre – zweifellos ungeliebte – Idee.

*

Wann, spätestens, muss man die Regeln brechen? Wenn das Ideal auf dem Spiel steht.

Veröffentlicht unter Aphorismen | Kommentar hinterlassen

Nachtrag zu Aufmerksamkeit III

Am 4.8.1976 spaziert ein 17-jähriger Junge in eine der beiden einzigen orts­an­säs­si­gen Buch­hand­lungen der Stadt Flensburg, stöbert dort herum und entdeckt in ei­nem Regal preisreduzierter Bücher einzelne Bände der gebundenen Ge­samt­aus­ga­be der „Mensch­li­chen Komödie“ von Balzac aus der Deutschen Buchgemeinschaft C.A. Koch‘s Verlag Nachf. Berlin / Darmstadt / Wien, o. J.

***

Dieser 17-jährige Junge war ich. Ich hatte gerade erst angefangen, mich für Literatur zu in­te­res­sie­ren. Und von Balzac hatte ich, wenn überhaupt, noch nicht viel gelesen. Aber mir war die Grundidee der „Mensch­lichen Komödie“ bekannt – und sie faszinierte mich.

Literatur war zum damaligen Zeitpunkt in meinen Augen der Versuch, der in der Zeit da­hin­schwin­­den­­den Rea­li­tät einen Ort der Verankerung zu geben. Die Einsicht in die End­lich­keit menschlichen Le­bens hatte mich als 16-Jähriger mit einer derartigen, trau­ma­ti­schen Intensität erfasst, dass ich schon bald instinktiv nach wissenschaftlichen, phi­lo­so­phi­schen und literarischen Büchern griff.

Sie wurden deshalb so wichtig für mich, weil sie Lösungs- und Problematisierungsort mei­nes Trau­mas zugleich waren. Lösungsort, weil Bücher material genau das tun, was das Denken nicht zu lei­sten vermag: zu überdauern. Und Problematisierungsort, weil Men­schen gerade in Büchern nach einer die Zeit überdauernden Idee des Wahren, des Guten und des Schönen ausdrücklich fragen.

Balzacs Idee der „Menschlichen Komödie“ korrespondierte mit dem fun­da­men­ta­len In­ter­es­se, das ich hatte – ohne dass ich zu der Zeit schon hätte sagen können, was ich suchte und warum ich es suchte. Wahrscheinlich stand für mich im Vor­der­grund das Faszinosum des Buches selbst: als ma­teria­ler, be­ständiger Träger und Versammlungsort des der Zeit nacheilenden Denkens.

*

Jeder einzelne Band sollte, soweit ich mich erinnere, 8 DM kosten. Das war zum da­ma­li­gen Zeitpunkt viel Geld für mich. Aber da ich bereits etwas Geld verdiente – jeden Abend arbeitete ich nach Laden­schluss in ei­ner Reinigungskolonne für zwei Stunden im örtlichen Kaufhaus; Taschengeld von meinen Eltern gab es nicht – war es für mich nicht un­möglich, die Bücher zu erwerben.

Bei einer zwölfbändigen Ausgabe musste ich immerhin fast 100 DM aufbringen. Das war mir offen­bar – ich erinnere mich nicht mehr so genau – nicht sofort möglich: Am 4.8.76 kaufte ich zunächst nur die ersten vier Bände der Ausgabe, dann, am 25.8., die Bände 5 und 11 und schließlich, am 30.8., die Bände 8, 9, 10 und 12.

Warum ich das so genau weiß? Weil ich das Anschaffungsdatum in jedem einzelnen Band vermerkt habe. Ich war, als in einer weitgehend kulturlosen Familie groß geworden, viele Jahre derart stolz auf meine Erwerbungen, dass ich den Tag solcher Erwerbungen stets im Buch­de­ckel akribisch notierte.

Die Bände 6 und 7 fehlen. Warum? Es sind mir vermutlich, weil es sich um preisreduzierte Bücher han­del­te, andere Käufer zuvorgekommen. Das war ärgerlich, aber verkraftbar (mei­ne Sammelleiden­schaft entwickelte sich erst allmählich). Oder die Bände 6 und 7 haben sich über­haupt nie im Ange­bot der Buchhandlung befunden. Ich weiß es nicht mehr genau.

*

Nachdem ich nun nach all den Jahren erstmals wieder einen der Bände zur Hand nahm, um darin zu lesen – Das Chagrinleder in der Übertragung von Ernst Sander, Band 11 mei­ner Gesamtausgabe, S. 7 bis 301 – kam für mich die Erinnerung an die damalige Zeit zu­rück. Mit welchem Elan und mit wel­cher Hoff­nung habe ich da­mals Bücher erworben – und welche Täuschungen gingen damit einher!

Wahrscheinlich dürfte mich Balzacs Vorrede zur Menschlichen Komödie, die ich damals zuerst las (und zwar am 5.8.76; auch das habe ich notiert), abgestoßen haben, denn sie handelte so ganz und gar nicht von dem, was ich erwartet hatte. Sie handelte nicht von der Endlichkeit und der damit verbun­de­­nen Notwendigkeit des Festhaltens, sie sprach von den Sitten der französischen Gesellschaft:

„Die französische Gesellschaft sollte der Geschichtsschreiber sein; ich selber lediglich der Sekretär. Indem ich das Inventar der Laster und Tugenden aufstellte, indem ich die wich­tig­sten Fakten der Lei­den­schaf­ten sammelte, Charaktere malte, eine Auswahl unter den be­deu­tend­sten Geschehnissen des gesellschaftlichen Lebens traf (…), konnte ich vielleicht dahingelangen, die von so vielen Histori­kern ausgelassene Geschichte zu schreiben, die der Sitten.“ (S. 148)

Dieser Realismus Balzacs dürfte mich damals abgeschreckt haben – und hat mich wahr­schein­lich auch abgeschreckt. Im Monat August des Jahres las ich dann nur noch – das entnehme ich meinen Noti­zen – Das ‚Haus zum ballspielenden Kater‘ und habe die Aus­gabe seitdem, bis vor einigen Wochen, kaum mehr angerührt. Aber ich habe damals den­noch alle mir erreichbaren Bände erworben – und damit getan, woran ich glaubte: an das Überdauern.

***

Es gibt drei Stadien im Verhältnis zu Büchern, die jeder, der sich intensiv mit Büchern aus­ein­an­der­­setzt, kennt: das naive Stadium, in dem das Buch, meist das Kinderbuch, v.a. als materiales Objekt wirkt; das kritische Stadium, in dem das Buch, meist das Stu­­dien­buch, v.a. als identischer Text von Bedeutung ist; und das integrale Stadium, in dem das Buch zum materialen Raum der Flucht eines Denkens wird, das in der Verkettung solcher Räume, ohne identisch zu bleiben, überdauert.

Veröffentlicht unter Skizzen, Textlektüren | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Aufmerksamkeit III – Bemerkenswert, ohne Zweifel bemerkenswert!

Wir leben in einer Welt, in der wir es gewohnt sind, auch noch an einem Dummkopf, z.B. einem „Flach­kopfphilosophen“ (Sorgner), dessen gute Ei­gen­schaften zu schätzen, indem wir sie liken. Das hat zwei Vorteile:

Erstens, sind wir selber Flachköpfe – und derer gibt es, wie ich gezeigt habe, viele –, hin­dert es uns daran, die eigenen Flachheiten zu bemerken; denn wir wollen sie nicht be­mer­ken; sie sind uns pein­lich. Und wenn wir sie schon bemerken, wollen wir sie, bit­te­schön, bemerkenswert finden.

Zweitens, dieses Schätzen dessen, was uns an uns selbst unangenehm ist, sichert uns das gegensei­tige Bemerken, das der Flach­köpfe, aber auch das des allgemeinen Publikums, das sich heute, in der allgemeinen Aufmerksamkeitskultur, allgemein bemerkbar macht.

So versucht also heute jeder, auch der Dumme, sich einen Namen zu machen. Denn er weiß um sei­ne Dumm­heit. Insofern wäre es dumm, wenn er es nicht versuchte.

*

In keiner Gesellschaft wie in der heutigen geht es also so sehr um Aufmerksamkeit. Es hat sich um das allgemeine, nur allzu menschliche Aufmerksamkeitsbegehren eine regel­rechte Aufmerksamkeits­kul­tur entwickelt.

In ihr geht es vor allem darum, bemerkt zu werden. Das Liken ebenso wie das Disliken sind Formen dieses Bemerktwerdens: Sie zeigen das Bemerkenswerte als Bemer­kens­wertes, und dieses Zeigen wird nun seinerseits bemerkt.

Es läge in der Logik eines solchen narzisstischen Leerlaufs, auch das Liken und Disliken noch liken und disliken zu können – und so ad infinitum. Man kann auf die Im­ple­men­tie­rung der ent­spre­chenden Funktion in den sozialen Netzwerken gespannt sein.

(Nachtrag: Ich glaube, ich habe diese Funktion tatsächlich entdeckt. In einem bekannten sozialen Netzwerk wurde ich kürzlich aufgefordert, allen meinen „Freunden“ mit­zu­tei­len, dass ich bemerkt hätte, dass einer meiner „Freunde“ einen Beitrag von mir bemerkt habe.)

*

Man versucht also, sich einen Namen zu machen und wird dabei „berühmt“ – über’s Be­mer­ken: über all das Be­mer­kens­wer­te, „das Gute“, das das Leben so hergibt: über einen guten Witz, ein gutes Es­sen, ein gutes Konzert, eine gute Ausstellung, eine gute The­a­ter­auf­füh­rung, einen guten Film usw. usf.

(Ich vermag die Zahl der Fotos von angeblich gutem Essen und Trinken, von Entertai­nern und ihrem Publikum bei Musikkon­zerten, Filmvorführungen, Aus­stel­lungs­er­öff­nun­gen usw. nicht mehr zu zäh­len. Jeden Tag wird irgendjemand von ihnen in den so­cial medias erschlagen – oder erschlägt sich selbst.)

Noch nie gab es so viele Selbst-Bekundungen und Selbst-Darstellungen, so viele Selbst-Zi­ta­te, so viele Formen der Selbst-Teilung, so viele Selfies – ohne irgendein Selbst. „Hi, hier bin ich. Und wer bist Du?“ „Hi, auch ein Ich!“

Die Realsatire ist immer noch die gelungenste Form der Satire. Nur muss sie bemerkt wer­den. Sonst ist sie womöglich keine.

*

„Der Ruhm ist die Sonne der Toten“, heißt es – angeblich – in Balzacs Roman La Peau de Chagrin / Das Chagrinleder, auch unter dem Titel Die tödlichen Wünsche übersetzt. An­geb­lich; man vergleiche die Angaben entsprechender Fundstellen im Internet, etwa un­ter wiki­quote.org.

Tatsächlich ist jedoch das Zitat in La Peau de Chagrin nicht zu finden; ich habe den Ro­man die letzten Tage noch einmal gelesen. Es gibt in ihm viele Äußerungen zum Ruhm, aber nicht das angeführte Zi­tat (vgl. http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-chagrinleder-4878/1).

Benjamin wiederum schreibt in einem Entwurf zu seinen Thesen Über den Begriff der Geschich­te: „Schwe­rer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Be­rühm­ten. Dem Gedächtnis der Na­menlosen ist die historische Konstruktion geweiht.“ (Gesammelte Schriften, Bd. I.3, S. 1241)

Das ist das Zitat, das der Künstler Dani Karavan für sein – mittlerweile bekanntes – Ben­ja­min-Denk­mal in Port Bou gewählt hat; vgl. hierzu einen ganz eindrücklichen Blogein­trag von Helmut Wiesen­thal.

*

Balzac und Benjamin hätten sich wahrscheinlich nicht träu­men lassen, dass ihre Ein­sich­ten durch die historische Entwicklung einmal so in ihr Gegenteil verkehrt werden könn­ten:

Der Ruhm ist heute die Sonne der Lebenden, die eben deshalb schon wie Tote um­her­wan­deln. Ihr Leben kreist um den Ruhm, dessen Suche sie daran hindert zu leben.

Und die Namenlosen sind heute die Be­rühm­ten, die eben deshalb, weil sie sich keinen Na­men ge­macht haben – den sie kraft ihres Kreisens und trotz ihrer Versuche niemals erhalten –, keiner kennt.

Am Ende bleibt alles so, wie es ist. Das ist nun doch bemerkenswert, ohne Zweifel be­mer­kens­wert.

Veröffentlicht unter Skizzen | Kommentar hinterlassen

Aus meiner Schreibwerkstatt I (Arbeitsversion 1)

„Aus meiner Werkstatt“ versammelt Textfragmente: Bruchstücke von Texten, die bereits Texte sind. Es ist die Potentialität eines sich selbst vervollkommnenden Sinns, die dieses tröstliche Paradox – eine Idee, kein Ideal – möglich macht.

*

Die Idee ist eine Regel oder Regularität, die nicht gebrochen werden kann. Und weil sie nicht gebro­chen werden kann, kann sie auch nie zum Ideal erhoben werden. Das einzige Ideal, an das die Idee gebunden werden kann, ist das Ideal der Vervollkommnung.

*

Wo immer wir hinkommen, wir sind immer schon da. Es gibt nichts Anderes mehr. Wir sind die Regel. Ist das die Idee von Humanität heute?

*

Philosophen sind diejenige Spezies von Intellektuellen, die regelmäßig weiß, dass, aber auch wann es nötig ist, die Regeln zu brechen.

*

So wie die Renaissance sich ihre Antike konstruierte, so konstruieren wir uns unsere Re­nais­sance.

*

Der Weg in die Zukunft führt stets über die Vergangenheit. Eine Zukunft ohne Ver­gan­gen­heit ist unerreichbar, eine Vergangenheit ohne Zukunft undenkbar.

*

Die Postmoderne ist eine ästhetische Täuschung.

*

Der Tod ist nicht, wie wir glauben, die mächtigste Waffe, um die Menschen bei der Stange zu halten; der Tod ist nicht Gott. Gott besiegt den Tod. Daran, an diese – furchtbare – Am­bi­va­lenz zu erinnern ist gerade heute wichtig – angesichts eines Terrorismus, der mit dem Tod als Einsatz spielt.

*

Wissenschaft und Philosophie stehen in einem asymmetrischen Verhältnis zueinander: Oh­ne Philosophie keine Wissenschaft. Die Wissenschaft setzt in allem, was sie tut, die Phi­lo­so­phie voraus. Aber das Umgekehrte gilt nicht: Eine Philosophie ohne Wissenschaft ist durchaus möglich. Aber es stellt sich die Frage: Was für eine Philosophie wäre das? Wel­chem Ideal würde sie folgen?

Veröffentlicht unter Aphorismen | Kommentar hinterlassen

Zum Schluss der Sorgner-Reihe: Was für eine Enge der Zusammenhänge!

Kritik des Dargestellten und Darstellung des Kritisierten, Kritik der Unwahrheit und Dar­stel­lung der Wahrheit – das sind die zwei inhaltlichen Ebenen im Sprach- und Schrift­pro­zess, kurz der Textarbeit des philosophischen Denkens. Aber es gibt auch noch eine dritte, formale Ebene: die der Sprach­kri­tik und der sprachlichen Dar­stellung. Stefan Lorenz Sorg­ner muss sich, da er beansprucht, phi­loso­phisch zu denken, in seinen Bü­chern Men­schen­würde nach Nietzsche (Darmstadt 2010) und Trans­huma­nis­mus (Freiburg/Br. 2016) notge­drungen auf allen drei Ebenen äußern. Aber reflexiv bekommt er allenfalls – und auch das nur mühsam – die erste Ebene in den Griff. Auf den bei­den anderen Ebe­nen dagegen versagt sein historisch-systematisches sowie sprachliches Ver­ständ­nis völlig – er macht sich lächerlich.

Was die zweite Ebene betrifft: Er kann die Unwahrheit der klassischen Würde-Kon­zep­ti­o­nen nicht auf­zeigen, sondern allenfalls be­haupten, sie seien nicht mehr zeitgemäß. Und er kann die Wahrheit in diesen Konzeptionen nicht erkennen, weil ihn ein undialektischer Be­griff dessen, was „zeitgemäß“ ist (den Nietzsche noch kannte), daran hindert. Aber am meisten versagt er auf der für die Konsti­tu­tion eines Textes entscheidenden, dritten Ebe­ne: der der Sprache. Wer glaubt, meine Kritik an Lorenz Sorgner sei un­gerecht oder ent­beh­re jeder Grundlage, wird wohl spätestens hier eines Besse­ren belehrt. Die sprach­li­che Durch­dringung des historischen Problems des Verhält­nisses von Moder­ne und Post­mo­derne und des damit verbundenen systematischen Problems postfaktischer Wahrheit gerät ihm zum Fiasko. Hier ist er mit seinem Latein, das er nie gelernt hat, am Ende. – Here it goes:

*

Sorgner will zunächst zeigen, „dass außer dem Fort­schritt, der Kritik und der Vernunft wei­te­re Kon­zepte eng mit der Mo­derne in Verbin­dung stehen“ (Transhumanismus, a.a.O., S. 91), z. B. „ein plu­ra­listisches Verständ­nis des Guten“ (S. 92), wobei er wiederum an­nimmt: „Eine eng mit diesen Verän­derungen in Beziehung ste­hende Ent­wicklung kann innerhalb der Künste analysiert werden.“ (ebd.) Dabei ist „der Glaube an Fortschritt (…) eng an den Begriff der Aufklärung gekoppelt“ (S. 93), denn auch damals, zur Zeit der Aufklärung, „wurde die Ver­nunft noch immer für wichtig erachtet, um die Wahrheit zu erfassen. Sie war ebenso eng mit der kri­tischen Tradition verbunden, die eine besonders wichtige Rolle innerhalb der konti­nen­talen Phi­losophie spielt.“ (S. 94; alle Her­vor­he­bun­gen C.K.)

Worin genau diese Verbindungen, Kopplungen und Rollen bestehen, ist Sorgners Dar­stel­lung nicht zu entnehmen. Denn hier hängt offenbar alles mit allem – „eng“, wie gesagt – zu­sam­men. So „steht“ z.B. „der Fortschritt“, wer hätte das gedacht, „in enger Verbindung mit dem Glau­ben an eine Verbes­serung der allgemeinen Bedingungen“ (ebd.). Und in­dem man kraft dieses Glau­bens „Prozesse und Diessei­tig­keit ernst nahm, wurde ein Prozess ein­ge­lei­tet“ – einer von denen, die man ernst nahm? –, „der dieses Selbst­ver­ständnis auch auf die Bereiche des Wissens anwenden ließ.“ (S. 95). Also, ein Prozess, von dem man nicht weiß, worin er besteht, lässt ein Selbst­ver­ständnis, von dem man nicht weiß, was es ist, auch auf die Bereiche des Wissens anwenden? Diesen Murks verstehe, wer will.

Aber wichtiger scheint Folgendes zu sein: Es gebe da im Übergang zur Postmoderne zwei Ansich­ten. Die eine bestehe darin, „daran zu zweifeln, dass die Wahrheit als Kor­re­spon­denz zur Wirklich­keit er­fasst werden kann“, wäh­rend die andere „die Fragmentierung des ehemals geeinten Subjektes (im­pliziert)“: „Beide An­sichten sind zentrale Begriffe, die mit der Postmoderne“ – diesmal nicht eng, aber immerhin – in Verbindung ste­hen“ (ebd.) Aha, Ansichten sind Be­griffe. Das wusste ich zwar noch nicht – ich finde es auch reichlich aben­teuerlich –, aber ich nehme es mal so hin. Und „da beide Be­griffe [lies: Ansichten, C.K.] eine zentrale und signifikante Rolle in Nietzsches Philosophie spielen, ist es keine Überraschung, dass viele Philosophen ihn als Ahnherrn der Postmoderne ansehen.“ (ebd.)

Damit kommen wir jetzt also zu den überaus bedeutenden Philosophen, die die überaus bedeu­ten­de Bedeutung Nietzsches für die Post­moderne erkannt haben: „Habermas, Vat­ti­mo, Sloterdijk, Derri­da und Foucault stimmen diesbezüglich überein. Insbesondere Nietz­sches Perspektivismus, ge­mäß dem jede Perspektive eine Interpretation darstellt [ich dachte eigentlich, es wäre umge­kehrt, aber egal, C.K.], ist wichtig dafür, dass ihm diese Rolle zukommt.“ (95f) Und nicht zu vergessen: „Auch die hermeneneutische Tradition kann als ein Ansatz angesehen werden, der eng mit der Postmoderne in Verbindung steht, was bereits von Marquard erkannt wurde.“ (96) Enger und bekannter und bedeu­tender geht’s nicht. Die vielen bedeutenden Namen sprechen für sich.

Zum Schluss möchte ich noch auf folgende Stilblüte hinweisen, in der sich der ganze Sprach­blöd­sinn, mit dem dieser Autor sich schmückt, verdichtet und seine Krönung erfährt: „Die Postmoderne ist an ei­ne enge Verbin­dung zwischen Vernunft, Sprache und dem Zweifel hinsichtlich der Möglichkeit der Er­kennt­nis der Wahrheit gekoppelt. Die Vernunft steht wiederum in enger Verbindung mit der Fähig­keit, sprachliche Urteile zu formulieren.“  (97) Plattitüden reihen sich hier an Dummheiten, Zu­mutun­gen an Un­ver­schämt­hei­ten: Die Postmoderne ist an eine Verbindung gekoppelt, in der Vernunft, Spra­che und Wahr­heits­zwei­fel auf irgendeine Weise, man weiß nicht wie und warum, zu­sam­men­­hän­gen, wobei auch die Vernunft wieder irgendwie, aber in jedem Fall wieder eng, mit der Urteils­kraft zusammen­hängt. Man macht sich selber lächerlich, wenn man versucht, das in eine Ordnung zu bringen. Es gibt darin nämlich keine. Es ist nur nichts mit dieser „Phi­lo­so­phie“, das reine Nichts.

*

Seit über 30 Jahren – bis zum Umfallen – diskutiert die deutsche und französische aka­de­mi­sche Philosophie über ein Schein­problem sondergleichen: über das Ver­hältnis von Mo­der­ne und Post­mo­derne. Und da kommt im Jahre 2016 ein angeblich „weltweit füh­render Experte in Sachen Trans- und Posthumanismus“ (Wolfgang Welsch) mit einem Text um die Ecke, den ein Erstsemestler für ein klei­nes Impulsreferat in einem der Seminare dieses Professors – und des Herrn Welsch, des Professors dieses Professors – nicht schlechter hätte schreiben kön­nen. Hier ist der Philosoph – und Sorg­ner beansprucht, ein solcher zu sein – wirklich an ein bit­teres, sein bitterstes Ende angekommen: in ei­ner erbärmlichen Sprache, die auf ein nicht minder er­bärm­liches Denken rückschließen lässt.

Sorgner ist angeblich, ich zitiere hier gerne noch einmal Wikipedia, „Deutschlands füh­ren­der post- und transhumanistischer Philosoph“, und zwar nach der Aussage von einem ge­wis­sen Herrn Zim­mermann, einem „deutsche(n) Unternehmer und Wissenschaftler in der Kommunikations- und Me­dienwirtschaft“. Nimmt man das ernst – und das muss man ja wohl –, kann man nach dem, was mei­ne Analyse ergeben hat, den gesamten Trans­hu­ma­nis­mus in die philosophische Tonne hauen. Und mit ihm den ehrenwerten Herder-Verlag, der sich nicht ent­blödet hat, ein solches Machwerk auf den Markt zu bringen sowie die offenbar zu Kretins gewordenen, von al­len guten Geistern verlassenen Professoren Wolf­gang Welsch und Gianni Vattimo, die diesen Mann zum akademi­schen Ritter ges­chla­gen haben. Was für ein intellektuelles Armutszeugnis!

Veröffentlicht unter Polemik, Skizzen, Textlektüren | Kommentar hinterlassen

Aufmerksamkeit II – Der narzisstische Autor

Ein Leser fragt mich mit besorgtem Unterton, ob mir nicht bewusst sei, dass ich Lorenz Sorgner mit mei­ner Kritik einen Bärendienst erwiese. Ich gäbe ihm mit meinen aus­führ­li­chen Analysen doch ge­nau die Aufmerksamkeit, die sein Buch brauche, um noch mehr Le­ser zu finden. Und deshalb sei es doch in je­dem Fall besser, ihn mit Schweigen zu belegen, zumal ein Autor mit einer derart nachläs­si­gen Ar­beits­wei­se, wie sie Sorgner an den Tag lege, eine ins Detail gehende Kritik gar nicht ver­diene. – Ich verstehe, was der Leser mir sagen will. Aber ich denke, es geht an der Sache vor­bei. Das vorge­brach­te Argument mit dem Bärendienst einer erhöhten Aufmerksamkeit, die die Texte Sorg­ners nicht verdiene, ist ein rein strategisches, das, wenn ich es mir zu eigen machte, nicht nur einen Groß­teil meines Blogs, sondern auch meine Kritik an Sorgner selbst über­flüs­sig ma­chen würde:

*

Von der Psychoanalyse habe ich gelernt, dass es zwischen dem Begehren eines Autors, et­was verein­facht gesagt: seiner Wunschstruktur, und der Form und dem Inhalt seiner Texte einen oft erkennbaren Zusammenhang gibt. Kann ich gemeinsam mit mei­nem soeben zi­tierten Leser da­von ausgehen, dass es Lorenz Sorgner vor allem um mediale Auf­merk­sam­keit geht – und Vieles spricht m. E. dafür (das falsche Zitat im Untertitel, der Hang zum Tabubruch, der repe­ti­tive Stil, der eine ver­steck­te Form des Selbstzitats ist etc. pp.) –, so stellt sich daher die einfache, rationale Fra­ge: Wie bildet sich dieses Auf­merk­sam­keits­be­geh­ren Sorgners in den theoretischen Grundlagen sei­ner Texte ab? Die Ant­wort ist ein­fach: Es bildet sich ab in seiner These von der Zeitgemäßheit der Wahrheit als einem Kri­te­ri­um für die Wahrheit selbst. Denn solche Wahrheit braucht Aufmerksamkeit.

Worum aber geht es der Philosophie, dem philosophischen Denken? Man könnte sagen: Ohne Auf­merksamkeit (es ist die des Lesers; siehe vorherigen Beitrag) kann auch das phi­lo­so­phi­sche Denken nicht auskommen. Das ist wahr. Aber für das phi­losophische Denken ist die Aufmerksamkeit lediglich eine sekundäre und zudem kontingente Fol­ge seiner ar­gu­men­ta­ti­­ven Stringenz und seines sprachlichen Ausdrucksvermögens. Für Lorenz Sorg­ner ist letzteres gerade kontingent und sekundär. Die geringe Arbeit, die er hier investiert, ist nur das Mittel für die gesuchte Aufmerksamkeit. Denn nur dann, wenn er diese Auf­merk­sam­keit findet, wird er in seiner Wahrheitssuche – die er sich als Philosoph zu­­schreibt – bestätigt. Ich bin, kann er dann sagen, ein zeitgemäßer Autor. Dass sein In­ti­mus, der große Nietzsche, vor dem er sich verbeugt, textpraktisch, nicht theoretisch, genau von der entge­gengesetzten In­tui­ti­on ausging – er schrieb „Unzeitgemäße Betrachtungen“ – muss ihn deshalb nicht kümmern, weil er für die Textpraxis der Philosophie ohnehin kein Auge hat.

*

Noch einmal: Worum geht es dem philosophischen Denken? An einer hellsichtigen Stelle, der ein­zi­gen seines Buches schreibt Lorenz Sorg­ner einmal, dass es dem Wahr­heits­su­chen­den nicht nur um den gegenwärtigen, sondern auch um den erwarteten, zukünftigen Zeitgeist gehe (man be­achte das Partizip Perfekt sowie das Komma; vgl. Men­schen­würde nach Nietzsche, a.a.O., S. 116). Die­ses – ich sagte es: hellsichtige – Symptom ist wie eine Zen­sur, mit der Sorgner sich die eigene und da­mit auch schon die ganze Wahrheit vom Leib hält. „Was wollt Ihr“, will er uns sagen, „auch der Un­zeitgemä­ße schielt immer noch auf die Zeitgemäßheit seiner Wahrheit!“ So wird also der Narzissmus des Au­tors – und unterstelltermaßen aller Autoren – noch einmal, ins Unermessliche, gestei­gert und gene­ra­li­siert.

Was aber ein Postmoderner wie Sorgner, dieser verwirrte Müßiggänger im Garten der Historie, aus seinem Denken ausschließen muss, was ihm völlig aus dem Blick gerät, ist, worum es der Philosophie seit ihren Anfängen geht: um den Widerstand gegen das Wei­ter-so der Zeit selbst und damit auch ge­gen jede Form des Zeitgeistes: den vergangenen, den gegenwärtigen und – ja, auch – den zukünf­ti­gen. Denn in jeder dieser Formen: der zu erinnern­den, der zu ertragenden und zu erwartenden, lau­ert das Gespenst, der Ruhm der Katastrophe. „Der Ruhm“, hat Honoré de Balzac einmal ge­schrieben, „ist die Sonne der Toten.“ Im Schattenreich des postmoder­nen Narzissmus scheint diese Sonne für die Le­ben­den – und bleibt doch eine der Toten.

Veröffentlicht unter Skizzen | Kommentar hinterlassen